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Europa

Interview: "Ukrainische Bergwerke sind unsicher"

Nach einem Grubenunglück in der Ukraine werden zahlreiche Kumpel vermisst. Der Bergbau-Experte Christoph Dauber erklärt, warum es zu solchen Unfällen kommt – und wie sie sich verhindern lassen.

Bergleute treffen am Bergwerk Sasjadko, um bei Rettungsmaßnahmen zu helfen

Bergleute treffen am Bergwerk Sasjadko ein, um bei Rettungsmaßnahmen zu helfen

Deutsche Welle: In einer Kohlegrube in der Ostukraine ist es zu einer schweren Gasexplosion gekommen. Solche Unglücke haben schon in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Wie gefährlich sind ukrainische Bergwerke?

Christoph Dauber: Nicht über jedes Grubenunglück wird auch berichtet. Nur wenn, wie im jüngsten Fall, mehr als 30 Bergleute betroffen sind, weckt dies das Interesse der internationalen Medien. Ich stufe die ukrainischen Bergwerke im weltweiten Vergleich als relativ unsicher ein. Das hat damit zu tun, dass die Gegebenheiten nicht ganz einfach sind. Es gibt dort etliche Gruben, in denen viel Grubengas vorhanden ist. Zum anderen fehlt es an Investitionen in Sicherheitseinrichtungen. Fehlende Schulungen tragen ebenfalls dazu bei, dass das Gefährdungspotenzial deutlich größer ist als in vergleichbaren westlichen Gruben – vom deutschen Standard ganz abgesehen.

Christoph Dauber, Bergbau-Experte an der der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum (Foto: TFH Bochum)

Christoph Dauber, Bergbau-Experte an der der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum

Was unterscheidet sichere von unsicheren Bergwerken?

Das fängt natürlich bei einer entsprechenden Sicherheitsausstattung an. Zunächst einmal wäre da ein Überwachungssystem zu nennen: Messen Sensoren die Wettergeschwindigkeit sowie den Gehalt an schädlichen Gasen und wird dies ständig von zentraler Stelle aus überwacht? Desweiteren müssen alle Betriebsmittel, die man unter Tage einsetzt, schlagwettergeschützt sein, sie dürfen also keine Gasexplosionen auslösen können. Ist die Belegschaft mit persönliche Schutzeinrichtungen wie Atem-Filtergeräten und Handmessgeräten ausgestattet? Ein ganz wesentlicher Teil ist die Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten und Führungskräfte. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welchen Stellenwert Sicherheit im Unternehmen hat: Ist sie ein Unternehmensziel und damit eine Management-Aufgabe - oder stehen andere, wirtschaftlich orientierte Dinge im Vordergrund?

Lassen sich mit diesen Maßnahmen Gasexplosionen wie die im Kohlebergwerk Sasjadko verhindern?

In der Technik gibt es grundsätzlich kein Null-Prozent-Risiko. Bei der Gewinnung von Steinkohle, wird Grubengas, sprich Methan freigesetzt. Dieses Gas bildet sich bei der Inkohlung, also wenn aus fossiler Biomasse Steinkohle entsteht. Es ist zum Teil noch in der Kohle enthalten und wird erst beim Abbau freigesetzt. Ab einer Konzentration von 4,5 Prozent in der Luft kann das Gas eine sehr starke Explosion hervorrufen. Diese Schlagwetterexplosion kann noch zusätzlich eine Kohlenstaubexplosion auslösen, die noch verheerendere Ausmaße annehmen kann, weil im Extremfall das ganze Grubengebäude betroffen ist.

Dagegen werden zwei Strategien verfolgt: Erstens muss man durch Überwachung und eine hinreichende Wetterführung, also Luftversorgung, verhindern, dass es zu einer unzulässigen Grubengas-Konzentration kommt. Zweitens darf es überhaupt nicht dazu kommen, dass ein Funken entsteht, der ein solches Gemisch zündet. Das sind die Kernpfeiler einer Bekämpfungsstrategie. Im deutschen Steinkohlenbergbau hatten wir seit Jahrzehnten keine Schlagwetterexplosion. Das Restrisiko ist also sehr, sehr klein. Inzwischen haben wir im deutschen Steinkohlenbergbau durchschnittliche Unfallzahlen, die niedriger sind als im Durchschnitt der gewerblichen Industrie.

Wie teuer sind solche Maßnahmen?

Damit sind Investitionen verbunden. Wenn man das Grubengebäude mit Sensoren überwacht, die den Gehalt an schädlichen Gasen messen und diese Werte in eine zentrale Stelle übertragen, kann das mehrere Millionen Euro an Investitionen erfordern. Es gibt aber auch Vorkehrungen, die deutlich weniger Geld kosten, zum Beispiel so genannte Wassertrog-Sperren, die ein Ausbreiten von Explosionen in andere Teile des Grubengebäudes verhindern. Dabei werden mehrere Plastikbehälter mit jeweils rund 80 Litern Wasser im oberen Teil einer Strecke, eines Tunnels, aufgestellt. Diese Tröge werden von der Druckwelle, die der Explosion vorausgeht, umgeworfen und löschen so die nachfolgende Flammenwelle. Das ist ein sehr einfaches, aber, wie Versuche gezeigt haben, sehr wirksames Verfahren, um ein Ausbreiten solcher Explosionen zu verhindern.

Gibt es solche Vorkehrungen auch in der Ukraine?

Ja, die gibt es. Es stellt sich aber die Frage der Konsequenz: Inwieweit werden diese Maßnahmen umgesetzt? Hängt das vom einzelnen Bergwerkbetreiber ab? Gibt es ein funktionierendes Kontrollsystem? Welchen Stellenwert hat das Thema Sicherheit in der Gesellschaft? Den Handlungsbedarf im ukrainischen Bergbau hat auch die EU erkannt. Nach einer Evaluation der Sicherheits-, Technik- und Sozialstandards durch die EU vor drei Jahren gab es Überlegungen, die Ukraine bei der Verbesserung der Sicherheitsstandards im Bergbau zu unterstützen. Inzwischen ist das Gebiet, in dem die Steinkohle abgebaut wird, allerdings von prorussischen Separatisten besetzt – von daher ist die Umsetzung derzeit schwierig, um es vorsichtig zu formulieren.

Christoph Dauber ist Professor für Bergbaukunde und Rohstofftechnologie an der Technischen Fachhochschule Georg Agricola zu Bochum.

Das Gespräch führte Dennis Stute

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