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Schauspieler im Gespräch

Interview mit Lil Dagover - August 1968

"Stellen Sie sich vor: ich war damals eine blutige Anfängerin" – Lil Dagover erinnert sich an die Rolle im Filmklassiker "Das Kabinett des Dr. Caligari"

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Lil Dagover in "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow, Inszenierung 1947 an der "Berliner Komödie" am Kurfürstendamm

Für den "Spiegel" vom 19.7.47 war sie "Die Dame Nr. 1" und für den vom 10.4.48 "die ewig junge Film- und Theaterschönheit" – Lil Dagover war zu diesem Zeitpunkt bereits als Grand Dame des deutschen Films unbestritten. Doch ihre Film- und Theaterkarriere begann noch in den 20er-Jahren.

Von der Insel Java nach Berlin

Geboren wurde sie am 30.9.1887 als Marie Antonia Sieglinde Martha Seubert in Madiun auf der Insel Java. Da sie früh ihre Mutter verlor, wurde Lil Dagover von ihrem Vater zuerst bei Verwandten in Deutschland, dann in Pensionaten in England, Frankreich und der Schweiz untergebracht. Schließlich kam sie nach Weimar. Hier ereignete sich auch ihre erste Begegnung mit der Bühnenwelt, allerdings zunächst privat: sie lernte nämlich den Schauspieler Fritz Dagofer kennen, den sie mit siebzehn Jahren heiratete und dessen Name die Grundlage ihres Künstlernamens bildete. Nach sechs Jahren wurde diese Ehe geschieden.

"Eine untadelige Dame" erwächst

Flash-Galerie Film Das Cabinett des Dr. Caligari 1919

Lil Dagover in dem Fillm "Das Cabinet des Dr. Caligari" von 1920

Ihre Schauspielkarriere begann zwar bereits 1918, doch den richtigen Durchbruch erlangte Lil Dagover mit ihrer Rolle in dem Stummfilm-Klassiker "Das Kabinett des Dr. Caligari" von 1920. An den Anfang ihrer Karriere erinnerte sie sich 1973 in einem Fernsehinterview: "Ich wurde auf der Straße angesprochen, ob ich nicht zum Film möchte. Und dann sagte ich: 'Oh bitte, ich bin nicht gewillt, auf der Straße angesprochen zu werden.' Und abends war ein Künstlerfest und da habe ich diesen betreffenden Mann wieder getroffen und das war dann Robert Wiene - der Regisseur von "Caligari" - und dann fing es an." Das Filmmetier sollte von nun an ihr Schicksal werden, obwohl sie nie Schauspielunterricht genommen hatte. Nach dem Durchbruch folgten Rollen in unzähligen Stummfilmen, die ihren Platz im deutschen Film festigten. 1930 drehte Lil Dagover ihren ersten Tonfilm: den Film "Vabanque" mit Gustav Gründgens. Inzwischen hat sich auch der Rollentypus herauskristallisiert, der nun für sie charakteristisch werden sollte: der Typus einer untadeligen Dame, einer kostbaren Schönheit, mit viel Charme und Ausstrahlung. "Der Spiegel" vom 19.7.1947 zitiert Lil Dagover mit den Worten: "Ich war dazu verurteilt, alle Kaiserinnen und Königinnen zu spielen." Auch für das Theater wurde Lil Dagover entdeckt – 1931 holte sie Max Rheinhardt an das Berliner Deutsche Theater, wobei es nicht nur bei diesem einem Engagement geblieben ist. Es folgten auch Auftritte in Wien und auf anderen europäischen Bühnen wie auch in Amerika.

Schauspielern während der "braunen Zeit"

Auch die Nationalsozialisten hofierten die inzwischen zu einer Filmdiva aufgestiegene Lil Dagover. Kaffeekränzchen beim Führer oder anderen Bossen der Nazis waren keine Seltenheit und in den Jahren 1933-1945 drehte sie weiterhin zahlreiche Filme - über zwanzig an der Zahl von den ca. 100, in denen sie mitwirkte. 1937 wurde sie zur Staatsschauspielerin ernannt und nach ihren Auftritten in Fronttheatern mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Ihr Renommee hat darunter nicht gelitten. Sie selbst sagte auch, sie hätte keinen Sinn für Politik.

Konsum in den 50er Jahren

Im März 1953: Lil Dagover verkauft im Berliner KaDeWe Damenfeinstrümpfe der Linie "Arwa auf Taille"

Große Dame bis zum Schluss

Nach dem 2. Weltkrieg und nach der "Entnazifizierung" setzte Lil Dagover ihre Karriere fort. Es folgten weitere Filmrollen und Theaterauftritte. Zu den ganz großen Bühnenrollen gehören unter anderem die Titelrollen der "Irren von Chaillot" und in "Eine etwas sonderbare Dame", ferner spielte sie die Agathe in Françoise Sagans "Schloß in Schweden" und die Herzogin in Anouilhs "Leocadia". Ihre schauspielerische Tätigkeit wurde auch mit zahlreichen Ehrungen bedacht: 1955 und 1962 erhielt sie den Bundesfilmpreis, 1964 den Bambi-Preis und 1967 ehrte man sie mit dem Großen Bundesverdienstkreuz. Lil Dagover starb am 23.1.80 in ihrem Haus in Geiselgasteig bei München. In zahlreichen Nachrufen wurde sie nochmal geehrt und immer wieder als eine Schauspielerin hervorgehoben, die 60 Jahre der deutschen Filmgeschichte mitprägte – eine Schauspielerin, deren "Kapital ihre Schönheit war" („Der Spiegel“ vom 28.1.80).

Im August 1968 sprach Justus Pfaue mit Lil Dagover unter anderem über ihre Lieblingsrollen, die Mitwirkung in dem Film "Das Kabinett des Dr. Caligari" und ihre Zukunftspläne.

Autor: Andreas Zemke

Redaktion: Diana Redlich

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