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Schauspieler im Gespräch

Interview mit Heinz Rühmann - Februar 1972

„Nie etwas tun, was man nicht vor sich selbst verantworten kann“ – Heinz Rühmann über seine Einstellung zum privaten und beruflichen Leben

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Heinz Rühmann bei einer Matinee zugunsten polnischer Künstler im Münchner Opernhaus am 28.02.82

In der Rubrik "Personalien" berichtete "Der Spiegel" vom 30.6.49 über einen Unfall auf dem Starnberger See, bei dem zwei Segler gekentert waren und schließlich gerettet wurden: "Zwei junge Segler zogen den frierenden Bruchpiloten in ihr Boot. Für die Begleiterin war im Boot kein Platz, sie wurde mit einem Tau hinten angehängt." Mit "Bruchpilot" war sicherlich eine Rolle Heinz Rühmanns gemeint, die seine bereits große Popularität noch festigte - "Quax, der Bruchpilot", 1941 gedreht, war jedem in Deutschland bekannt. Es war allerdings nur eine der vielen Rühmann-Gestalten, die ihm schließlich die Bezeichnung "größter deutscher Schauspieler" einbrachte, der zugleich wie kaum ein anderer die deutsche Filmgeschichte mitprägte.

"Sie können gar nichts"

Quax, der Bruchpilot gespielt von Heinz Rühmann

Heinz Rühmann als Quax, der Bruchpilot Otto Groschenbügel in dem Film "Quax, der Bruchpilot" von 1941.

Geboren wurde Heinz Rühmann am 7.3.1902 in Essen als Sohn einer Hotelier-Familie - der Vater sollte später Selbstmord begehen, nachdem er von Rühmanns Mutter verlassen wurde. Nach dem Schulbesuch – Rühmann soll ein Musterschüler, aber keineswegs ein Musterknabe gewesen sein - fühlte sich der inzwischen 17-Jährige zur Schauspielerei hingezogen. Doch sein Vorsprechen vor dem damals berühmten und zugleich berüchtigten Regisseur Ernst von Possart endete in einem Fiasko. Dieser soll nämlich Rühmann den Rat erteilt haben: "Um Gottes willen, Sie können gar nichts. Werden Sie nie Schauspieler." Doch der aufstrebende Heinz gab nicht nach. Er meldete sich bei Fritz Basil als Schüler an – es war der gleiche Basil, der auch Adolf Hitler Rhetorik-Unterricht erteilte - und bereits 1920 stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Die Rolle eines jugendlichen Liebhabers, die er in Breslau übernahm, war der Startschuss für eine ungewöhnliche Schauspielkarriere.

Heinz Rühmann wird 100 Jahre

Heinz Rühmann wurden unzählige "Bambis" für seine schauspielerischen Erfolge verliehen

"Ein Freund, ein guter Freund"

Das Filmdebüt kam zwar für Rühmann 1926 noch zu Stummfilmzeiten mit dem Streifen "Das deutsche Mutterherz", dem 1927 der Film "Das Mädchen mit den fünf Nullen" (1927) folgte, doch es sollten noch drei Jahre ins Land gehen, bis ihm der richtige Durchbruch gelang. 1930 kam die Komödie "Die Drei von der Tankstelle" in die deutschen Kinos – der Grundstein seiner großen Popularität. Eine bittere Pille musste Heinz Rühmann dennoch nach der Machtergreifung durch die Nazis schlucken. Man legte ihm nämlich nahe, sich von seiner jüdischen Ehefrau Maria Bernheim zu trennen – Heinz Rühmann entschloss sich zu diesem Schritt und besorgte seiner Frau über Gustav Gründgens einen schwedischen Ehemann, was ihr die Ausreise aus Deutschland ermöglichte. Rühmann sagte später, dass es der einzige Weg gewesen war, um sie zu retten. Noch jahrelang versorgte er sie regelmäßig mit Geld. Für den bereits populären deutschen Schauspieler begann nun die Zeit intensiver Filmarbeit. Während der Nazi-Zeit entstanden solche bis heute bekannten Filme wie "Der Gasmann", "Quax, der Bruchpilot" oder auch "Die Feuerzangenbowle". Die Nazis brauchten solche Streifen für die Bevölkerung als Ablenkung von den Grausamkeiten des Kriegs-Alltags.

Der "kleine Mann"

Heinz Rühmann als Hauptmann von Köpenick

Heinz Rühmann in der Rolle des Berliner Schusters Wilhelm Voigt als Hauptmann von Köpenick, den der Schauspieler 1956 spielte. Der große "kleine Mann" des deutschen Films ist auch nach seinem Tod im Jahre 1994 noch populär

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam für Heinz Rühmann ebenso wie für zahlreiche andere Schauspieler auch die Zeit des Neuanfangs. Noch 1945 kehrte Rühmann zunächst zur Bühne zurück und inszenierte die Komödie "Der Mustergatte" von Avery Hopwood, mit der er dann auf Tournee ging. Insgesamt spielte er diese Rolle über 2000 Mal. Zum Film kehrte Rühmann zwei Jahre später zurück. 1947 gründete er mit einem Sozius die Comedia-Filmgesellschaft, die allerdings nach nur drei Jahren den Konkurs anmelden musste, und es dauerte sieben Jahre, bis Rühmann seine Schulden aus dieser Zeit getilgt hatte. Und Heinz Rühmann spielte weiter. Neben dem Komödiantischen entwickelte er auch zunehmend seine Fähigkeiten als Charakterdarsteller, sowohl beim Film wie auch im Theater. Unter anderem gastierte er auf den Bühnen Münchens, Hamburgs, Berlins und Wiens. In den unzähligen Filmen, in denen Heinz Rühmann mitwirkte, hat sich auch ein Rollentypus herausgebildet, der ihn besonders beliebt machte: der Typus des "kleinen Mannes", der den Widrigkeiten des Alltags dennoch die Stirn zu bieten vermag. Als "Hauptmann von Köpenick" war Rühmann wieder am Höhepunkt seiner schauspielerischen Karriere angelangt und unbestritten einer der populärsten deutschen Schauspieler geworden.

Ein "spätes" Debüt

Für das Fernsehen hat sich Heinz Rühmann relativ spät entschieden. So drehte er seinen ersten Fernsehfilm erst im Alter von 66 Jahren – 1968 strahlte das ZDF Arthur Millers "Der Tod eines Handlungsreisenden" aus, in dem Heinz Rühmann die Rolle des Willy Loman übernahm. Eine Reihe weiterer Fernsehfilme mit Heinz Rühmann folgte im Laufe der Zeit. Seinen letzten Film für die "Mattscheibe" drehte Rühmann 1983, den Streifen "Es gibt noch Haselnußsträucher". Insgesamt konnte er auf eine stolze Bilanz von über 100 Filmen zurück blicken, in denen er mitwirkte. Seine letzte Rolle spielte Rühmann 1993 als 91jähriger in Wim Wenders' "In weiter Ferne, so nah!". Unzählig wie seine Filme sind auch die Auszeichnungen, mit denen Rühmann im Laufe der Zeit geehrt wurde. Die erste kam 1938 bei den Internationalen Festspielen in Venedig, seine letzte, den Magdeburger Otto, nahm er 1992 entgegen. Zwei Jahre später, 1994, starb Heinz Rühmann im Alter von 92 Jahren in Berg am Starnberger See.

Anlässlich des 70. Geburtstages sprach für die Deutsche Welle im Februar 1972 Harald von Troschke mit Heinz Rühmann und befragte ihn unter anderem zu den verschiedenen Stationen seines Lebens.

Autor: Andreas Zemke

Redaktion: Diana Redlich

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