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Schauspieler im Gespräch

Interview mit Evelyn Hamann und Loriot - Februar 1990

"Je ernster es in Wirklichkeit zugeht, desto leichter ist es ins Lächerliche zu ziehen " - Loriot über das Wesen der Parodie

Vicco von Bülow auf dem berühmten Sofa mit seiner Dauer-Filmpartnerin Evelyn Hamann (1989)

Vicco von Bülow auf dem berühmten Sofa mit Evelyn Hamann (1989)

Eine hartnäckige Nudel an der Unter- und Oberlippe, die die Gesprächspartnerin in Erstaunen versetzt – dies ist nur einer der zahllosen Sketch-Klassiker, die Evelyn Hamann und Loriot geliefert haben. Denn jahrelang gehörte das Paar zu den beliebtesten Komikern Deutschlands und erfreute das deutsche Fernsehpublikum mit heiteren und zugleich aber auch tiefsinnigen Szenen, in denen sich mancher Bundesbürger wiederfand.

Beim Theater

Evelyn Hamann, bei Dreharbeiten zu Adelheid und ihre Mörder (1998)

Evelyn Hamann, bei Dreharbeiten zu "Adelheid und ihre Mörder" (1998)

"Komisch zu sein, ist eine ernste Sache" – dies verriet Evelyn Hamann bereits am 13.06.84 der Zeitung "Die Welt". Und sie hat ihre Rollen immer ernst genommen – sagte man ihr doch eine eiserne, ja preußische Arbeitsdisziplin nach. Ihre ersten Bühnenerfahrungen sammelte Evelyn Hamann noch während der Studienzeit. Denn die am 06.08.42 in Hamburg geborene Schauspielerin finanzierte ihr Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg mit Auftritten mit einer Jazzband. Ebenfalls in die Studienzeit fallen ihre ersten Theaterauftritte – es waren kleine Nebenrollen im Hamburgischen Thalia Theater. Im Alter von 26 Jahren bekam Evelyn Hamann ihr erstes Engagement am Deutschen Theater Göttingen – dort spielte sie unter anderem in Brechts "Mann ist Mann". Nach drei Jahren, 1971, ging sie nach Heidelberg und schließlich an das Theater der Freien Hansestadt Bremen. Von 1973 bis 1979 übertrug man ihr dort zahlreiche anspruchvolle Rollen, doch für ihre weitere Karriere sollte 1976 ein Mann den Grundstein legen.

Evelyn Hamann vor der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin (2006)

Evelyn Hamann vor der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin (2006)

"Blonde, pummelige Hausfrau"

Vicco von Bülow war es, der den Aufstieg von Evelyn Hamann mitbeförderte. Denn für seine Loriot-Serie suchte er eine Partnerin, die er sich als "blonde, pummelige Hausfrau" vorstellte, doch die Ausstrahlung, die von der Schauspielerin ausging, ließ ihn seine Pläne ändern. Evelyn Hamann verkörperte nun genau das Gegenteil, was Loriot vorschwebte, und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Von 1976 bis 1979 spielte sie nun an der Seite von Vicco von Bülow und ihre Popularität stieg stetig. Hier entfaltete sie ihre ganze Wandlungskunst: ob als Hausfrau, Sekretärin oder Fernsehansagerin – für Viele schrieb Evelyn Hamann Fernsehgeschichte. So bemerkte etwa „Die Zeit“ am 01.01.88: „Die preußische Komik des Vicco von Bülow brauchte eine so sachliche, integre Interpretin wie Evelyn Hamann.“ Hinzu kamen noch zwei Filme mit Vicco von Bülow: 1988 "Ödipussi" und drei Jahre später "Pappa ante portas". Doch es waren nicht die ersten Kinofilme, in denen Evelyn Hamann mitwirkte. 1978 spielte sie in dem Film „Der Pfingstausflug“ und vier Jahre später an der Seite von Thomas Gottschalk und Mike Krüger in der Komödie „Piratensender Powerplay“ mit. Jedoch war sie in den Produktionen des Fernsehens am häufigsten zu sehen. Ob bei Serien wie "Tatort", "Der Alte" oder "Die Schwarzwaldklinik" – und es sind bei weitem noch nicht alle - die Regisseure griffen immer wieder gerne auf die Wandlungsfähigkeit von Evelyn Hamann zurück. So haben sich im Laufe der Zeit über 50 Rollen angesammelt, in die sie hineinschlüpfte. So viel Fleiß wurde auch mit zahlreichen Ehrungen gewürdigt: mehrfache Goldene Kameras und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse sind nur einige von ihnen. Evelyn Hamann starb am 29.10.2007 in Hamburg.

Karikaturist, Cartoonist, Regisseur und Schauspieler

Loriot demonstriert in einer Szene der Fernsehsendung Telecabinet Benimm-Regeln und korrekte Tischmanieren (1974)

Loriot in einer Szene der Fernsehsendung "Telecabinet" (1974)

"Zu Unrecht ist der Pinguin als Haustier bisher stark im Hintergrund. Sein aufrechter Charakter und nicht zuletzt seine untadeligen Umgangsformen lassen ihn besonders im Winter als idealen Genossen bürgerlicher Häuslichkeit erscheinen" – das ist nur eine von unzähligen „Lebensweisheiten“, die aus der Feder von Loriot stammen. Diese hier hat in dem "Großen Loriot Buch" ihren Platz gefunden. Vicco von Bülow, Karikaturist, Cartoonist, Regisseur und Schauspieler ist bis heute einem breiten Publikum ein Begriff und aus der Geschichte des bundesdeutschen Humors nicht weg zu denken.

Loriot

Geboren wurde Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow am 12.11.23 in Brandenburg. Nach dem Abitur wurde er 1941 zum Kriegsdienst eingezogen und musste an dem Russlandfeldzug der Wehrmacht teilnehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Vicco von Bülow Malerei und Grafik an der Hamburger Landeskunstschule. Seine berufliche Laufbahn begann er ab 1950 als freiberuflicher Karikaturist für verschiedene Zeitungen. Schon damals wählte er das Pseudonym Loriot, das später für das Publikum zu einem Synonym für einen intelligenten, feinsinnigen Humor wurde. In diese Zeit fallen solche Cartoonbücher wie "Auf den Hund gekommen" oder "Der gute Ton", die sich rasch einer großen Popularität erfreuten und ihm den Weg in die Herzen des Publikums ebneten. Denn gegen Ende der 60er-Jahre begann die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen und bald sollte sie auch Früchte tragen.

Vicco von Bülow mit der Büste der Hauptfigur seiner Karikaturen - einem korrekt gekleideten Strichmännchen mit Knollennase (1993)

Vicco von Bülow mit der Büste der Hauptfigur seiner Karikaturen (1993)

Der prominenteste Satiriker Deutschlands

Eine Dokumentationssendung war es, die die ARD 1967 in Zusammenarbeit mit Loriot produzierte und die sich sehr schnell zu einer humoristischen Serie mit dem Titel "Cartoon" entwickelte. Hier entfaltete Loriot die ganze Palette seiner Wandlungsfähigkeiten. Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier beschreiben die Serie in ihrem Fernsehlexikon unter anderem mit folgenden Worten: "Die Reihe porträtierte bekannte Cartoonisten und Karikaturisten, berichtete über die Produktion von Trickfilmen und welche Zeichner gerade wo einen Preis für ihre Arbeit gewonnen hatten, und zeigte natürlich auch einige Zeichentrick-Sketche und Karikaturen dieser Künstler. Loriot selbst brachte Parodien auf aktuelles Zeitgeschehen, aber auch den ganz ‚normalen’ Alltag ein sowie Szenen mit seinen Knollennasen-Männchen." Eine weitere Serie, die sich dem deutschen Fernsehpublikum besonders einprägte, war die zunächst sechsteilige "Loriot"-Reihe, die 1976 startete. Seine Partnerin wurde Evelyn Hamann und beide erwiesen sich als ein ideales Paar, das Millionen von Zuschauern mit ihren kühlen, perfekt kalkulierten Sketchen das Leben versüßte. Diese beispielloser Erfolg wurde dann auch noch von zwei Filmen gekrönt: mit "Ödipussi" und "Pappa ante Portas". Im Jahre 2007 erschien die Sammlung "Loriot: Die vollständige Fernseh-Edition", nachdem er ein Jahr zuvor seinen endgültigen Abschied vom Fernsehen verkündete. In der Liste der zahllosen Preise und Ehrungen, mit denen Vicco von Bülow gewürdigt wurde, finden sich unter anderem die Goldene Kamera samt ihrer Ehrenpreise, das Große Bundesverdienstkreuz oder auch der Deutsche Filmpreis. Loriot starb am 22.08.11 in Ammerland am Starnberger See.

Im Februar 1990 sprach DW-Mitarbeiterin Ursula Deutschendorf mit Evelyn Hamann und Loriot über ihre Karriere.

Autor: Andreas Zemke

Redaktion: Diana Redlich

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