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Europa

Interview: "Gefährlich, weil nicht kontrollierbar"

Hunderte Dschihadisten aus Europa sammeln in Syrien Kampferfahrung. Marwan Abou-Taam, Islamismus-Experte der Kriminalpolizei, erklärt, weshalb die Rückkehrer die Sicherheitsbehörden vor unlösbare Probleme stellen.

DW: Welche Gefahr stellen Dschihad-Kämpfer dar, die aus Syrien oder dem Irak nach Deutschland oder in andere europäische Länder zurückkehren?

Marwan Abou-Taam: Das Problem mit den Rückkehrern ist zunächst einmal, dass sie bereits vorher so radikalisiert waren, dass sie in den Krieg gezogen sind. Ich gehe stark davon aus, dass ein Teil derer, die dort waren, enttäuscht worden ist und sich vielleicht sogar von der Idee des Dschihad abwendet. Ein anderer Teil ist meines Erachtens deswegen gefährlich, weil es sich um Personen handelt, die einen Hass auf die westliche Lebensart entwickelt hatten, als sie weggingen und die in Berührung mit dem Tod gekommen sind - also Tote gesehen oder selbst getötet haben. Sie sind - zusätzlich zu den Radikalisierungsursachen - auch noch traumatisiert und an Waffen ausgebildet. Selbst dann, wenn sie keinen Auftrag haben, hier Anschläge auszuführen, sind sie gefährlich, weil sie nicht kontrollierbar sind. Und dann gibt es die dritte Gruppe von Personen, die wahrscheinlich mit Aufträgen nach Europa zurückgekommen sind und die den Dschihad in die westlichen Gesellschaften hineintragen wollen. Das sind die besonders Gefährlichen, weil sie die Gewalt bereits planen.

Können die Sicherheitsbehörden das Problem in den Griff bekommen?

Wir haben eine unüberschaubare Situation, weil es auch diejenigen gibt, von denen die Sicherheitsbehörden überhaupt nicht mitbekommen haben, dass sie ausgereist sind und sich im Kampf im Nahen Osten befinden. Diese vierte, klandestine Gruppe kann hier arbeiten, ohne dass das bemerkt wird. Das sind klare Risiken für die hiesigen Gesellschaften.

Der Verfassungsschutz geht von rund 450 Dschihadisten aus, die aus Deutschland nach Syrien ausgereist sind. Wie groß könnte das Dunkelfeld sein?

Die Gruppe, die wir gar nicht kennen, ist vermutlich größer als die, deren Ausreise wir bemerkt haben. Das Problematische an Syrien - etwa im Vergleich zu Afghanistan - ist, dass die Reise nach Syrien relativ einfach ist. Wenn man von Deutschland aus in Richtung Türkei fliegt, fällt man nicht auf, weil sehr viele Menschen dorthin reisen. Es lässt sich nicht kontrollieren, wer dort nur Urlaub macht und wer sich in Richtung Grenzregion begibt.

Ist es tatsächlich vorgekommen, dass Dschihad-Kämpfer mit Aufträgen zurückgekehrt sind?

Wir wissen von dem Attentäter auf das Jüdische Museum in Brüssel. Der Franzose war in Syrien nicht irgendein beliebiger Kämpfer, sondern es gibt Zeugenaussagen, dass er an der Entführung französischer Staatsbürger beteiligt war. Das heißt, er hat dort gezielt französische Interessen angegriffen. Man kann davon ausgehen, dass er mit dem Entschluss, einen Anschlag in Europa auszuführen, zurückgekehrt ist. Wir hatten in Deutschland den Fall der Sauerlandgruppe, deren Mitglieder in Richtung Afghanistan gegangen waren, um am Dschihad teilzunehmen und die dort den Auftrag bekamen, zurückzukehren und möglichst einen Anschlag im Herkunftsland auszuführen. Es gibt also Beispiele für Aufträge, die von den Organisationen an Rückkehrer erteilt wurden.

Anti-Terror-Einsatz in Belgien (Photo: EPA/OLIVIER HOSLET)

In Belgien ging die Polizei am Donnerstag gegen mutmaßliche Terroristen vor. Es soll sich um Dschihad-Kämpfer aus Syrien oder dem Irak handeln.

Könnte das zunehmen, falls die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und im Irak unter Druck gerät?

Kurzfristig auf jeden Fall. Ich würde sogar davon ausgehen, dass der IS es strategisch einsetzen kann, Kämpfer zu schicken, die hier Attentate durchführen. Man sollte sich bewusst machen, dass es einen qualitativen Unterschied zu Al Kaida gibt: Die Kämpfer von Al Kaida waren in erster Linie Golfaraber, die größtenteils nicht eingebürgert waren. Denken Sie an die Attentäter vom 11. September 2001 - kaum einer hatte einen europäischen Pass. Bei den Ausreisenden in Richtung Syien und Irak dagegen haben wir es hauptsächlich mit Personen zu tun, die entweder aus der europäischen Ureinwohnerschaft stammen oder die zwar einen Migrationshintergund, zugleich aber auch eine europäische Staatsbürgerschaft haben, also etwa Franzosen oder Deutsche sind. Die können sehr viel einfacher in die westlichen Gesellschaften zurückkehren - insbesondere wenn sie als Ausreisende noch nicht vorgemerkt sind - und den Auftrag erfüllen, den Terror in die westlichen Gesellschaften hineinzutragen.

Hat die Beteiligung westlicher Staaten am Kampf gegen den IS das Risiko von Anschlägen in Europa erhöht?

Kurzfristig denke ich schon, dass das Engagement Europas und der westlichen Welt im Irak und Syrien dazu beiträgt, dass die Gefahr von Attentaten steigt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Logik von Al Kaida und ihren Ablegern IS und Al Nusra es ja ohnehin vorsah, überall zuzuschlagen, wo es möglich ist. Die Gefahr hat zugenommen, aber sie war immer schon da.

Kann es zu einer Rückkehrwelle kommen, wenn sich das Blatt für den IS wendet?

In Afghanistan haben wir beobachtet, dass einige zurückgegangen sind. Dort haben wir allerdings die Situation, dass wir es sehr oft mit Wanderern zu tun haben, die von einer Konfliktregion in die nächste reisen. Es ist noch nicht absehbar, ob westliche Aktivitäten dazu beitragen können, dass der IS komplett zurückdrängt wird, aber es ist unwahrscheinlich. Die Amerikaner sprechen davon, dass man mindestens drei Jahre braucht, um den IS zu schwächen. Ich glaube nicht, dass eine Rückkehrwelle einsetzen wird.

Marwan Abou-Taam ist beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz für den Bereich "politisch motivierte Kriminalität" zuständig. Er promovierte als Islam- und Politikwissenschaftler über den islamistischen Terrorismus.

Das Interview führte Dennis Stute