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Justiz und Diplomatie

Interpol und der Fall Kemal Kutan

Der Deutsch-Türke Kemal Kutan sitzt nach einem Auslieferungsersuchen der Türkei in Kiew fest. Das Auswärtige Amt kämpft für seine Ausreise nach Deutschland. Ein Telefongespräch.

Der Deutsch-Türke Kemal Kutan sitzt in der Ukraine fest, seit er aufgrund eines türkischen Auslieferungsersuchens von den ukrainischen Behörden festgenommen worden war. Inzwischen ist er auf freiem Fuß, darf die Ukraine aber nicht verlassen. Das Auswärtige Amt bemüht sich um seine Rückkehr nach Deutschland. Dort betreibt Kutan einen Kiosk - in der Türkei hatte er als Journalist gearbeitet und war in der kommunistischen Partei TKP/ML aktiv gewesen. Die DW erreichte ihn telefonisch in Kiew.

DW: Herr Kutan, die deutsche Botschaft in Kiew bemüht sich darum, dass Sie nach Deutschland zurückkehren können. Wie werden Sie von der Botschaft betreut?

Kemal Kutan: Die Botschaft hat mir seit der Verhaftung am 23. Juli immer geholfen. Ich bin deutscher Staatsbürger. Deswegen haben mich die ukrainischen Behörden auch wieder freigelassen - das wäre sonst ganz schwer gewesen.

Die türkische Justiz behauptet, Sie seien in zwei Mordfälle verwickelt. Was können Sie dazu sagen?

Für die Türkei ist das normal. Nur so können sie meine Auslieferung erreichen. Sie wollen mich als Kriminellen darstellen - kein anderer Grund.

Seit ich 17 Jahre alt war, habe ich als freier Journalist gearbeitet, legal und in der Illegalität. Nach dem September-Putsch [des türkischen Generals Kenan Evren im Jahr 1980 - d.Red.] habe ich einige Jahre illegal als Journalist gearbeitet. Dafür kam ich ins Gefängnis. 1990 kam ich wieder frei. Ich habe ein Büro in Istanbul eröffnet und dort eine Zeitschrift mit dem Titel "Volksdemokratie" gemacht. Bei einer Demonstration zum 1. Mai wurde ich von der Polizei festgenommen, obwohl ich als Journalist dort war, nicht als Teilnehmer. Dann war ich wieder über acht Monate im Gefängnis. Danach zog ich in meinen Heimatort und habe von dort aus illegal gearbeitet, für verschiedene Zeitungen bis 2006. Dann kam ich nach Deutschland.

Türkei Kenan Evren und Recep Tayyip Erdogan Archivfoto (AP)

Putsch-General Kenan Evren - im Gespräch mit Recep Tayyip Erdogan (2005)

Vor zwölf Jahren war die Türkei noch nach Europa ausgerichtet. Aber mit Erdogan geht es jetzt hundert Jahre zurück.

Seit 2006 habe ich keine Beziehungen mehr zu einer illegalen Partei [der TKP - d.Red.]. Ich lebe politisch inaktiv. Nach einem Deutschkurs habe ich in Deutschland immer gearbeitet und nicht einen Euro Sozialhilfe beansprucht. Ich habe auch keine Zeit mehr, zu schreiben oder mich politisch zu betätigen.

Warum betreiben die türkischen Behörden denn dann noch Ihre Auslieferung, wenn Sie nicht mehr politisch tätig sind?

Ich bin 52 Jahre alt. Als ich 16, 17 Jahre alt war, waren alle in meinem Alter politisch engagiert. Damals wurde die Türkei nach dem Putsch von einer Militärregierung regiert. Seitdem war ich immer aktiv und habe viel Erfahrung. Und ich lebe noch - viele meiner Freunde wurden getötet. Es gab sogar einmal eine Kampagne gegen mich, als Erdogan und Gülen [Prediger und heutiger Gegenspieler Erdogans - d.Red.] noch zusammenarbeiteten, über verschiedene Zeitungen und Sender.

Bildkombo Fethullah Gülen / Tayyip Erdogan (picture-alliance/Zaman/AA/B. Ozkan)

Feinde seit dem Ende der 90er Jahre: Fethullah Gülen und Recep Tayyip Erdogan

Erdogan will das Volk passiv halten, und dazu muss er Menschen wie mich töten, festnehmen oder eliminieren lassen. Deshalb ist auch der Journalist Can Dündar so gefährlich für Erdogan, weil er auf jeden Fall ausspricht und schreibt, was er denkt, und so ein Beispiel für eine demokratische Gesellschaft ist.

Was tun Sie den ganzen Tag, solange Sie die Ukraine nicht verlassen dürfen?

Das ist hier für mich nach Deutschland wie eine zweite Heimat. Meine Frau ist aus der Ukraine. Deswegen habe ich das Risiko auf mich genommen und bin hierher gekommen. Ich möchte auch künftig hierherkommen können. 

Ich möchte legal leben. Unter Lebensgefahr macht der Mensch Fehler. Deshalb bin ich damals aus der Türkei mit einem falschen Pass nach Deutschland gekommen - weil ich es musste. Seither möchte ich legal leben, und ich möchte mein Recht behalten, auch das Recht, hierherzukommen.

Um mein Geschäft in Deutschland hat sich meine Frau gekümmert, hat ganz schwer gearbeitet. Früher haben wir das natürlich zusammen gemacht, aber in den letzten Monaten musste sie es alleine machen. Und seit ein paar Tagen ist sie hier bei mir. Wir sind zusammen, hier in Kiew.

Wie lange, glauben Sie, müssen Sie noch in Kiew bleiben?

Ich habe gehört, das dauert noch zwei Monate. Normalerweise entscheiden die ukrainischen Behörden innerhalb von 40 Tagen, aber die Türkei hat auf Zeit gespielt, hat die nötigen Papiere erst nach zwei Monaten geschickt. Diese Prozedur haben sie zweimal durchgespielt, und jetzt muss ich nochmal zwei Monate warten.

Das Gespräch führte Konstantin Klein

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