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Wirtschaft

Internet für alle ein Menschenrecht?

Internet- und Technologie-Unternehmen tun sich zusammen, um Entwicklungsländer kostenlos oder günstig mit Internet zu versorgen. Die Expansionsstrategie wird als Sozialengagement verkauft.

"Mark", kommentiert Josh Fleming aus den USA ein Post des Facebook-Gründers Zuckerberg, "Du solltest Deinen Kram einfach wieder mitnehmen, und diesen fünf Milliarden Leuten lieber den Zugang zu frischem Trinkwasser und zu verlässlichen Nahrungsquellen ermöglichen. Wenn man gesund und glücklich ist, 'liked' man nämlich mehr!" Und Hunderten Personen gefällt das.

"Ist Verbundenheit ein Menschenrecht?", hatte Mark Zuckerberg auf seinem öffentlichen Facebook-Profil gefragt und einen zehnseitigen Essay angehängt. Nur ein Drittel der Weltbevölkerung habe Zugang zum Internet, schreibt er, und über eine Milliarde davon sei jeden Monat über Facebook verbunden. Das will er jetzt ändern: Gemeinsam mit sechs Technikunternehmen will er die gesamte Menschheit vernetzen. Sein ehrgeiziges Ziel heißt "Internet.org", ein Verbund, der das Internet in den nächsten Jahren für weitere fünf Milliarden Menschen zugänglich machen soll.

Teilnehmen werden nicht nur die Anbieter von digitalen Inhalten wie Facebook, sondern auch Hersteller von Infrastruktur wie Ericsson oder Software-Entwickler wie Opera. Sie wollen sowohl Hardware als auch Software weiter verbessern, um noch effizientere und kostengünstigere Internet-Anschlüsse zu ermöglichen. Besonders wichtig für Entwicklungsländer ist der Kostenfaktor, deswegen ist MediaTek aus Taiwan mit dabei, ein Hersteller preiswerter Chips. Und deshalb schreibt sich die Initiativgruppe auch besonders plakativ auf ihre Webseite: "Niemand sollte zwischen Nahrung und dem Internetzugang wählen müssen."

Google-Loon-Ballon. Foto: Jon Shenk/Reuters

Google "Loon" vernetzt Ballons, die flächendeckendes Internet garantieren sollen

Gesättigte Märkte in der westlichen Welt

Dass das soziale Projekt dabei ein handfestes unternehmerisches Interesse verfolgt, wird von Experten nicht infrage gestellt: "Das Wachstum dieser Unternehmen stagniert in westlichen Ländern, weil die Märkte dort gesättigt sind", erklärt Buchautor Wolf Lotter, der die Verbindung von Internet und Kapitalismus beobachtet. "Wachstum können sie daher nur dort erzielen, wo es noch wenige oder keine Kunden gibt." Projekte wie "Internet.org" bewertet er dennoch positiv.

Wenn der Verbund Profit erziele und zugleich Milliarden Menschen mit einem Internetzugang versorge, habe er "für zwei Seiten etwas Positives" erreicht. "Wenn wir dagegen eine Art der Entwicklungshilfe betreiben, bei der ein erheblicher Teil des aufgewandten Geldes in die Strukturen und Verwaltung von Hilfsorganisationen fließt und die Menschen nicht motiviert, die Dinge in die Hand zu nehmen, haben wir damit nichts Gutes getan", so Lotter im Gespräch mit der DW.

Facebook-Nutzer Senlie Tong sind die unternehmerischen Interessen ebenfalls egal: “Je mehr Leute Informationen, Wissen und Meinungen austauschen, umso besser können doch alle überlegte Entscheidungen treffen“, postet er. Und Daniel Recanati hält dagegen: “Wir müssen doch zuerst allen beibringen, wie und warum man das Internet benutzen soll.“

Medien-Kompetenz als Voraussetzung für Internetnutzung

Kinder mit Laptops. Foto: Imago

Internet ohne Medienkompetenz? Bringt nicht viel, meinen Experten

Kein Demokratiegewinn ohne mediales Know-How - das glaubt auch Internetexperte Wolfgang Reitberger. "Es reicht nicht, die Technologie hinzustellen und zu denken, dass das dann schon von selbst funktioniert", meint der Wiener Forscher für digitale Inklusion. "Die Voraussetzung dafür ist Medienkompetenz."

Auch Analphabetismus und politische Strukturen sind zu beachten. "Wenn nur ein Anbieter da ist" - so Reitberger gegenüber der DW - "der noch dazu von kommerziellen Interessen beherrscht wird, ist es klar, dass dies politische Einflussnahme durch die Machthaber ermöglichen kann."

Bisherige Initiativen, etwa "One Laptop per Child", waren genau an diesem Punkt gescheitert. Andere greifen allerdings sogar nach dem Weltall: So hat Google zuletzt sein Projekt "Loon" vorgestellt, das ebenfalls mehr Leute zum Internet - und zu dessen wichtigster Suchmaschine - führen soll. Tausende Ballons mit Antennen würden dafür an den Rand der Atmosphäre steigen. Die Ballons sollen sich dann miteinander vernetzen - und so einen flächendeckenderen und kostengünstigeren Netzempfang als Mobilfunkmasten ermöglichen. Und obwohl die Idee so futuristisch klingt, hat Google im Juni sein Pilot-Projekt gestartet: 30 Ballons schwebten über Neuseeland. Die Resonanz der Test-Nutzer war positiv.

Mehr Teilhabe, wenig Einfluss auf den Prozess

Die "Internet.org"- Unternehmen sind ebenfalls überzeugt vom großen Potenzial ihres Geschäftsmodells: "Das wird die nächste industrielle Revolution", schreibt Stephen Elop, Chef von Nokia, auf der Unternehmenshomepage. Sicher ist: Selbst wenn "Internet.org" Erfolg hat, wird in den beteiligten Gebieten damit "eine fundamental andere Situation geschaffen, als sie die entwickelten Länder hatten, als sich das Internet dort durchgesetzt hat", fasst Inklusionsforscher Reitberger zusammen.

"Was zu Erfolg und Innovationspotenzial des Internets beigetragen hat, war ja gerade, dass jeder Mensch, der mit dem Internet verbunden ist, auf alle Inhalte, die dort zur Verfügung stehen, in gleicher Weise zugreifen kann." Unternehmerische Initiativen können an benachteiligten Standorten mehr Teilhabe an gesellschaftlichen Austauschprozessen schaffen - allerdings bleiben die Strukturen dazu vorerst von wenigen westlichen Anbietern kontrolliert.

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