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Bücher

Internationaler Literaturpreis für Shumona Sinha: "Als Schriftstellerin suche ich nach der Wahrheit"

Der Roman "Erschlagt die Armen" der in Indien geborenen Sinha beruht auf Erfahrungen in einer Asylbehörde. Sie schreibt ohne Rücksicht auf politische Korrektheit - und erhält dafür nun den Internationalen Literaturpreis.

Die 1973 in Kalkutta geborene und seit 2001 in Frankreich lebende Autorin Shumona Sinha wird mit dem Internationalen Literaturpreis des "Haus der Kulturen der Welt" und der "Stiftung Elementarteilchen" ausgezeichnet. Sinha teilt sich die Preissumme von 35.000 Euro mit ihrer Übersetzerin Lena Müller.

Der Preis, mit dem herausragende Werke der internationalen Gegenwartsliteratur in Übersetzung geehrt werden, wird ihr für den Roman "Erschlagt die Armen!" verliehen, ein Buch über die Erfahrungen einer indisch-stämmigen Dolmetscherin in einer französischen Einwanderungsbehörde, bei der Flüchtlinge ihre Asylanträge stellen. Die Jury begründete ihre Entscheidung unter anderem damit, dass "der Monolog der Ich-Erzählerin den paternalistischen Blick wie auch xenophobische Paranoia vermeidet".

Deutsche Welle: Shumona Sinha, soeben hat sich das britische Volk mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Europäische Union zu verlassen. Wie hätten Sie denn gewählt?

Shumona Sinha: Ich hätte mich dafür entschieden, in der Union zu bleiben, wenn ich die Chance gehabt hätte. Die Verhältnisse sind sehr kompliziert. Als Schriftstellerin bin ich nicht wirklich qualifiziert, diese geopolitischen Fragen zu beantworten. Ich kann nur Fragen stellen - in einer literarischen Form. Ich fürchte, dass die extrem rechten Kräfte, wie wir sie in Frankreich haben, durch die Entscheidung starken Aufwind bekommen.

In Frankreich fordert die Front-National-Politikerin Marine Le Pen auch ein EU-Referendum. Befürchten Sie, dass es dazu kommt?

Wir sind schon auf dem besten Wege. Marine Le Pen nutzt jedes kritische Ereignis, sei es die Schießerei von Orlando, die Pariser Anschläge oder den Brexit propagandistisch für sich aus. Unaufrichtige Menschen schlagen immer ideologisches Kapital aus solchen Ereignissen oder Entscheidungen.

Die extremistischen oder rechten Kräfte sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch. In Indien ist es die Hindu-nationalistische BJP, die Partei des Premierministers Narendra Modhi, die für den Genozid an den indischen Moslems verantwortlich ist. Ein Mitglied dieser Partei hat seinerzeit Mahatma Gandhi umgebracht. Daran denken wir nur noch selten, aber das Erstarken solcher radikalen Kräfte ist wirklich sehr erschreckend.

Sie sind gerade in Berlin, weil Ihnen die "Stiftung Elementarteilchen" und das "Haus der Kulturen der Welt" den diesjährigen Internationalen Literaturpreis verleiht, Ihnen und Ihrer Übersetzerin Lena Müller gemeinsam. Was bedeutet es für Sie, dass Ihr Roman in Deutschland so viel Aufmerksamkeit bekommt?

Das kam völlig unerwartet, ich fühle mich sehr geehrt. Meine Karriere als Französisch schreibende Autorin ist noch nicht sehr alt. "Erschlagt die Armen" ist erst mein zweiter Roman. Der dritte, "Calcutta", ist im Original 2014 erschienen. Auf Deutsch kommt er im August heraus. So ein großzügiger Preis hilft uns natürlich, unser Leben als Schriftstellerin oder Übersetzerin weiterführen zu können.

Ihr Roman kommt sehr politisch daher. Es geht um Flüchtlinge, die vor allem aus Bangladesch und Pakistan kommen …

… und aus dem indischen Westbengalen. Es kommt vor, dass die Leute aus Indien behaupten, sie stammten aus Bangladesch, damit sie überhaupt eine Chance bekommen, einen Asylantrag zu stellen.

Aber Menschen aus Bangladesch haben keinerlei Chance auf den Flüchtlingsstatus, sofern sie ihren Antrag nicht politisch begründen können.

In der Tat ist es sogar so, dass die OFPRA, die französische Asylbehörde, selbst politisch begründete Asylanträge zu hundert Prozent ablehnt. Die Beamten glauben, dass dieses ganze System um die Flüchtlinge aus Bangladesch mafiös ist. Dass es Leute gibt, die mit ihnen ihr Geld machen, dass die Armen, die aus Bangladesch kommen, ausgebeutet werden.

Und trotzdem drängen immer noch mehr Menschen nach Europa herein. Ich sage und schreibe dazu dasselbe, was ich 2010, als ich den Roman schrieb, oder 2011, als er veröffentlicht wurde, schon gesagt habe: Die Menschen aus Bangladesch haben ihre Träume, und sie werden ausgebeutet. Das Asylsystem zwingt sie zu lügen, denn wenn sie nicht sagen, dass sie politisch verfolgt wurden, dass sie in Wirklichkeit Wirtschafts- oder Umweltflüchtlinge sind, dann bekommen sie noch nicht einmal eine Gelegenheit, über ihre Probleme zu sprechen.

Haben Sie Ihren Roman geschrieben, um dieses Asylsystem zu kritisieren?

Sehen Sie, als ich anfing zu schreiben, hatte ich überhaupt keine bestimmte Absicht. Ich musste einfach nur schreiben. Als ich nach zwölf Jahren in Frankreich begann als Dolmetscherin zu arbeiten - zuvor war ich Lehrerin - war ich vollkommen erschlagen davon, meine Landsleute in so einer peinvollen Situation zu erleben. Wenn ich damals heimkam, nachdem ich den ganzen Tag lang übersetzt hatte, musste ich darüber schreiben. Ohne dass ich je daran gedacht hätte, dass daraus mal ein Roman oder etwas Ähnliches werden könnte. Es war eine Reaktion, eine physische Reaktion auf die harte Realität.

Sie kritisieren aber nicht nur die französischen Behörden, auch die Flüchtlinge bekommen ihr Fett weg. Man könnte das für politisch nicht korrekt halten. Hat das nicht zu Missverständnissen geführt?

Ich kann sagen, dass das Buch in Frankreich sehr gut aufgenommen wurde. Zum Glück für uns alle gab es keine solchen Missverständnisse. Keine rechte Gruppierung versuchte daraus Kapital zu schlagen. Die Medien, die Kritiker und die Mehrheit der Leser haben das Buch nicht missinterpretiert.

Lena Müller Übersetzerin des Buchs Erschlagt die Armen von Shumona Sinha, Foto: Sabine Peschel

Lena Müller hat "Erschlagt die Armen" aus dem Französischen übersetzt

Aber vor allem denke ich nicht, dass es die Aufgabe der Literatur ist, Partei für irgendjemanden zu ergreifen. Meine Rolle als Schriftsteller ist es, die Wahrheit zu suchen, und dabei kann man nicht sanft und nett sein. Ich glaube, dass mein Buch in gewisser Hinsicht sehr altruistisch ist. Ich habe diesen Menschen meine Zeit, meine Energie und meine Gedanken gewidmet. Über Deutschland kann ich nichts sagen, aber in der französischen Gesellschaft existieren diese Menschen nicht. Sie sind nichts als eine Aktennummer. Sie haben kein Gesicht, keine Geschichte und keine Gefühle. In einem Roman bekommen Menschen, die ansonsten keine Existenz haben, dank des Autors und des Romans ein Leben. Es kann sein, dass ich das System und die Flüchtlinge umfassend kritisiere, aber keinesfalls in der Absicht, politisch inkorrekt zu sein. Ich habe nur nach der Wahrheit gesucht und sie so, wie ich sie sah und empfand, beschrieben.

Warum haben Sie "Assomons les pauvre", eine Gedichtzeile von Charles Baudelaire, als Titel für Ihr Buch gewählt?

Das Buch handelt davon, Menschen, die sie verloren haben, ihre Würde wiederzugeben - wie in Baudelaires Gedicht, in dem der Bettler erst für sich einsteht, nachdem er heftig verprügelt wird.

Ist Ihr Roman ganz besonders realistisch?

Er ist stark von der Realität inspiriert. Aber ich verstehe Literatur auch als eine fantastische, wunderbare Perversion der Realität.

Warum "Perversion"?

Das meine ich in einem guten Sinne, als einer veränderten, pervertierten Version der Realität. Das ist auch nur eine einzige Wahrheit, die der Erzählerin - die Fassung der Erzählerin von meiner eigenen Version der Wahrheit. Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet.

Nach dem Erscheinen des Buchs haben Sie Ihre Anstellung verloren.

Ich war sehr schockiert und aufgebracht, als die Asylbehörde gegen mich vorging und ich meinen Job verlor. Ich glaube nicht, dass sie viel literarisches Feingefühl besitzen. Sie wollten nicht, dass eine ihrer Angestellten ihr System kommentiert. Sie wussten nicht, wer ich war, und versuchten auch gar nicht, mich zu verstehen. Und ich bin nicht die einzige: Viele Übersetzer sind Maler, Fotografen oder Journalisten. Das zeigt, wie entmenschlicht das System inzwischen ist. Es behandelt die Leute aus Bangladesch wie Zahlen und die Dolmetscher wie Roboter.

Sie beherrschen mehrere Sprachen: Bengali, Englisch, Französisch. Warum haben Sie sich dafür entschieden, auf Französisch zu schreiben?

Als ich anfing zu schreiben, verfasste ich Gedichte auf Bengali. Ich wuchs mit Büchern von all den großen Autoren der Welt auf. Aber ich hatte nie eine sehr literarische Beziehung zum Englischen. Sprache ist nicht nur eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Sie ist auch substanziell: Sie prägt meine Art zu denken. Auf Französisch vollzieht sich mein gesamter Denkprozess in einer sehr analytischen, rationalen Sprache. Das hat mich als Frau und als Schriftstellerin gewissermaßen befreit.

Der russisch-amerikanische Autor Vladimir Nabokov oder der chinesisch-französische Nobelpreisträger Gao Xingjian: Es gibt viele Autoren, die in einer fremden Sprache erfolgreich waren. Aber fühlen Sie sich nicht doch irgendwie eingeschränkt, wenn Sie in einer Sprache schreiben, die nicht die ist, mit der sie aufgewachsen sind? Ist es das Gleiche, wie in Bengali zu schreiben?

Absolut nicht. Es gab bis in die fünfziger und sechziger Jahre hinein wunderbare bengalische Schriftsteller. Aber was passiert heutzutage in der bengalischen Literatur? Irgendwie hat sie ihre Tiefgründigkeit verloren. Wir brauchen einen neuen Derrida oder Chomsky, eine Marguerite Duras oder einen George Bataille, wenn wir die bengalische Literatur revolutionieren wollen.

Für mich wird es natürlich immer einen Unterschied geben. Es ist, als lebte ich in einem Gebäude, an dem noch weitergebaut wird. Ich möchte nicht - und kann auch nicht - in einer anderen Sprache leben, die vielleicht perfekt dasteht, eine Sprache wie meine Muttersprache oder Englisch. Das sind wunderschöne Paläste, aber ich werde dort nie leben.

Sie kamen 2001 als Studentin nach Paris, schon mit einem ersten Abschluss. Sie heirateten und blieben dort. Was halten Sie als sehr gebildete Migrantin von der deutschen Flüchtlingspolitik?

Ich denke, es ist wunderbar, dass Deutschland seine Grenzen geöffnet hat. Das wird so vieles auf so vielen Ebenen ändern. Die Debatte bewegt sich in einer Spirale. Es wird immer wieder Krisen geben. Vielleicht haben wir in zwanzig Jahren eine ausgewogene Situation. Aber dann wird das Gleichgewicht wieder zerbrechen. Es ist ein Jammer, dass wir noch keine weltweite Strategie entwickelt haben, um in Frieden zu leben.

Das Gespräch führte Sabine Peschel

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