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Bücher

Internationaler Literaturpreis: Die Favoriten

Sechs Romane gehen in das Rennen um den Internationalen Literaturpreis 2012. Mit der Auszeichnung sollen Autor und Übersetzer gewürdigt werden. Wir stellen Ihnen den Preis und die nominierten Bücher vor.

Das Haus der Kulturen der Welt bei Nacht

Das "Haus der Kulturen der Welt"

In diesem Jahr wird er am 6. Juni 2012 zum vierten Mal verliehen: Mit dem Internationalen Literaturpreis werden fremdsprachige Autoren und ihre deutschen Übersetzer ausgezeichnet. Ziel ist es, die Vielstimmigkeit der Literatur zu fördern und Autoren aus weniger bekannten Ländern auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren. Die bisherigen Gewinner kamen beispielsweise aus Peru und  Russland. Dass gleichzeitig auch die Arbeit der literarischen Übersetzer gewürdigt wird, ist eine große Besonderheit dieses Preises. Er ist mit 35.000 Euro dotiert und wird jährlich vom Berliner "Haus der Kulturen der Welt" und einer Hamburger Privatstiftung vergeben. Die Deutsche Welle ist Medienpartner des Internationalen Literaturpreises.

Immer wieder sind es Geschichten über Entwurzelung und historische Großaufnahmen, die es in die engere Auswahl schaffen. Auch in diesem Jahr thematisieren viele Romane die Suche nach der eigenen Identität, besonders zwischen Kulturen und über Ländergrenzen hinweg. Brüchige Familienporträts und Rückblicke in die eigene Kindheit dominieren besonders.

Jaume Cabré: "Das Schweigen des Sammlers", Insel Verlag 2011

"Erst gestern Abend, als ich durch die regennassen Straßen von Vallcarca spazierte, wurde mir bewusst, dass es ein unverzeihlicher Fehler war, in diese Familie hineingeboren zu werden."

Porträt Jaume Cabré

Jaume Cabré

Schon der erste Satz von Jaume Cabrés Roman lässt erahnen, dass eine vielschichtige und geheimnisvolle Familiengeschichte auf den Leser wartet. Der 65-Jährige ist einer der wichtigsten katalanischen Autoren der Gegenwart. Wie schon in seinem Weltbestseller "Die Stimmen des Flusses", geht es auch in seinem neusten Roman um historische Erinnerung und die Frage nach Schuld. "Das Schweigen des Sammlers" erzählt von Adriá, dem hochbegabten Sohn eines Antiquitätenhändlers in Barcelona. Sein Vater wird auf mysteriöse Weise ermordet. Eine Schlüsselrolle spielt dabei eine wertvolle Geige, deren Geschichte auf das schmerzlichste mit dem Holocaust verwoben ist. Ein gigantischer Roman über die Suche nach Vergebung.

Das Duo Kirsten Brandt und Petra Zickmann hat das Buch ins Deutsche übertragen. Beide arbeiten als literarische Übersetzerinnen, vor allem aus dem Spanischen und Katalanischen.

Mircea Cărtărescu: "Der Körper", Paul Zsolnay Verlag 2011

"Ich erlebe nichts mehr wirklich, obschon ich mit einer Intensität lebe, die sich in schlichten Empfindungen gar nicht ermessen lässt."

Porträt Mircea Cărtărescu

Mircea Cărtărescu

Mircea Cărtărescu, geboren 1956 in Rumänien, machte sich in seiner Heimat vor allem als Lyriker einen Namen, bis er sich der Prosa zuwandte. "Der Körper" ist der zweite Teil seiner Orbitor-Romantrilogie. Sein Held Mircea, ein Alter Ego des Autors, blickt von einem sozialistischen Wohnblock aus in seine Kindheit im Bukarest der 1960er Jahre. Doch statt einer linearen Handlung verschränkt Cărtărescu Albträume und Halluzinationen zu einem surrealen Erzählkosmos. Lebewesen verwandeln sich in Gegenstände, Dinge bekommen plötzlich ein Eigenleben. Der Schmetterling wird zum Sinnbild für diese Metamorphosen. Cărtărescu gelingt ein experimentelles Textlabyrinth, wie geschaffen, um sich darin zu verirren.

Die Sprach- und Literaturwissenschaftler Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold, beide selbst in Rumänien geboren, übersetzten dieses hochkomplexe Buch ins Deutsche.

Nedim Gürsel: "Allahs Töchter", Suhrkamp Verlag 2011

"Höre! Höre auf das Flüstern der Sterne am Himmel und der Felsen auf Erden! Die Berge dröhnen nachts, höre auf ihr Dröhnen! Auf die Stimme der Unendlichkeit."

Porträt Nedim Gürsel

Nedim Gürsel

Nedim Gürsels Buch ist ein Roman mit politischer Sprengkraft. 2008 erschien es erstmals in der Türkei und prompt wurde der Autor wegen Blasphemie angeklagt - nicht zum ersten Mal. In "Allahs Töchter" schildert er teils autobiografisch von seiner Kindheit in Anatolien. Die Erzählungen seines frommen Großvaters ranken um Koranverse und führen ihn in die Entstehungszeit des Islam. Man erlebt wie Mohammed zum Heiligen Propheten aufsteigt und mit Wort und Schwert versucht, Andersgläubige zum Islam zu bekehren. Dass Gürsel dabei den Propheten allzu menschlich zeichnet und auch mal die Perspektive von heidnischen Göttinnen annimmt, wurde von religiösen Fundamentalisten besonders kritisiert. Der 63-Jährige ist politischen Gegenwind gewohnt. Er lebt, seit er in den 1980er Jahren unter der türkischen Militärregierung verfolgt wurde, in Paris.  

Barbara Yurtdas hat den Roman aus dem Türkischen übersetzt. Sie lebte lange Jahre in der Türkei und schreibt selbst Sachbücher über deutsch-türkische Beziehungen.

Tom McCarthy: "K", Deutsche Verlags-Anstalt 2012

"Dr. Learmont, frisch zugelassener Arzt für die Bezirke West Masedown und New Eliry, schwankt und schaukelt auf dem Vordersitz eines Einspänners, der über den sanft abfallenden Weg auf das Haus Versoie zurollt."

Porträt Tom McCarthy

Tom McCarthy

Tom McCarthys Buch beginnt mit einer turbulenten Kutschfahrt 1898, kurz vor der Entbindung des Romanhelden Serge Karrefax. Der kommt mit einer Glückskappe auf die Welt und wächst auf einem englischen Landsitz auf, umgeben von einem technikbegeisterten Vater, einer naturverliebten Schwester und einer tauben Mutter auf Drogen. Fast alle Schlüsselbegriffe und Wendepunkte im Roman tragen den Anfangsbuchstaben K - von Krieg bis Kairo. Tom McCarthy spinnt ein skurriles Netz um Serges Biografie, prall gefüllt mit Spionagegerüchten, ägyptischer Mythologie und Literaturzitaten. Der Brite landete bereits 2010 mit seinem dritten Roman auf der Shortlist des renommierten Booker-Preises, ging aber leer aus.

Bernhard Robben ist der deutsche Übersetzer des Romans. Der studierte Germanist hat bereits Werke von Philip Roth und Patricia Highsmith aus dem Englischen übersetzt.

Péter Nádas: "Parallelgeschichten", Rowohlt Verlag 2012

"Noch in dem denkwürdigen Jahr, als die berühmte Berliner Mauer fiel, stieß man unweit der verwitterten Marmorstatue der Königin Luise auf eine Leiche."

Porträt Péter Nádas

Péter Nádas

Péter Nádas ist einer der bekanntesten Namen auf der diesjährigen Shortlist. Fast 18 Jahre schrieb der Ungar an seinem heißerwarteten Monumentalepos. Was wie ein Krimi beginnt, erstreckt sich über 1728 Seiten und liefert das historische Panorama des 20. Jahrhunderts. Er spannt einen literarischen Bogen von den beiden Weltkriegen, über die politischen Wirren im kommunistischen Europa, bis zum Berliner Mauerfall. Unzählige Erzählstränge und Perspektiven gleiten ineinander, Vor- und Rückblenden sprengen jede Chronologie. Die einzige Erzählkonstante ist die detaillierte Beschreibung von Körperlichkeit. So liefert Nádas den wohl längsten Liebesakt der Literaturgeschichte. Der dauert ganze vier Tage und wird auf über 100 Seiten minutiös seziert. Während einige Kritiker Nádas als "Erotomanen" rügten, verglichen viele sein Opus magnum mit Klassikern von Dostojewski und Musil.

Christina Viragh, selbst geboren in Ungarn, hat Nadas' Roman ins Deutsche übertragen. Sie ist eine preisgekrönte Übersetzerin aus dem Ungarischen, darunter auch Werke des Literaturnobelpreisträgers Imre Kértesz.

Téa Obreht: "Die Tigerfrau", Rowohlt Verlag 2012

"In meiner frühesten Erinnerung ist mein Großvater kahl wie ein Stein und nimmt mich mit zu den Tigern."

Porträt Téa Obreht

Téa Obreht

Téa Obreht ist die Jüngste unter den Nominierten und die einzige Frau. Zudem ist ihr Roman das einzige Debüt auf der Shortlist. Sie ist 1985 in Belgrad geboren und lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in den USA. Ihren hochgefeierten Roman hat sie nicht in ihrer Muttersprache Serbisch, sondern auf Englisch geschrieben. Darin führt sie den Leser auf autobiografischen Pfaden in den Balkan, im Buch eine namenlose Nachkriegslandschaft. Eine junge Frau erfährt vom Tod des geliebten Großvaters und plötzlich werden längst verschüttete Erinnerungen an die Kindheit wach, beispielsweise an die titelgebende "Tigerfrau". Ein taubstummes, geschundenes Mädchen, das sich mit einem geflüchteten Tiger verbündet. Téa Obreht zeichnet das fragile Porträt einer ethnisch zerrissenen Gesellschaft und zeigt, welche Spuren das in der menschlichen Seele hinterlassen kann. 

Bettina Abarbanell hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Die Anglistin hat einen Schwerpunkt auf amerikanischer Literatur und hat bereits Autoren wie Jonathan Franzen und Scott F. Fitzgerald ins Deutsche übertragen.

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