Internationaler Frauentag: Die frühen Heldinnen der Frauenbewegung in Deutschland | Kultur | DW | 08.03.2018
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Kultur

Internationaler Frauentag: Die frühen Heldinnen der Frauenbewegung in Deutschland

So radikal wie ihre "Schwestern" in England waren die deutschen Frauenrechtlerinnen nicht. Doch auch sie kämpften tapfer um ihre Rechte und gewannen - Stück für Stück. Denn es gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Ende des 18. Jahrhunderts begannen Frauen in Europa, ihre Rechte zu vertreten. Schon damals beteiligten sie sich an revolutionären Aktionen, vor allem in Frankreich, das nach der Revolution von 1789 den Boden für Menschenrechte, Mitbestimmung und Gleichberechtigung bereitete. In Deutschland sollte es noch ein gutes halbes Jahrhundert dauern, bis eine große Zahl von Frauen wirklich politisch wurde und sich äußerte.

Die erste Kämpferin

1843 trat eine junge Frau namens Louise Otto-Peters an die Öffentlichkeit, die lautstark die Meinung vertrat, dass die Teilnahme von Frauen an den Interessen des Staates "kein Recht, sondern eine Pflicht" sei. Die damals erst 24-Jährige war schon als Teenager auf sich allein gestellt, verfügte aber nach dem Tod ihrer Eltern über ein großes Vermögen. Sie erfüllte sich ihren Berufswunsch und wurde Schriftstellerin, verfasste Gedichte, Essays, sozialkritische Romane und journalistische Artikel. Letztere veröffentlichte sie unter dem männlichen Pseudonym Otto Stern. Die sächsische Regierung wurde auf sie aufmerksam und versuchte sie mundtot zu machen. Doch Louise ließ sich nicht einschüchtern. Und gründete 1865 den "Leipziger Frauenbildungsverein".

Frauen demonstrieren in Berlin (1912) (picture-alliance/akg)

Frauen demonstrieren in Berlin (1912)

Im gleichen Jahr fand in Leipzig eine große Frauenkonferenz statt. Die Zeitungen schrieben damals verächtlich von der "Leipziger Frauenschlacht" - das war den 120 Teilnehmerinnen ziemlich gleichgültig. Sie gründeten den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), dessen Vorsitz Louise Otto-Peters fast 30 Jahre lang inne hatte. Eine Initialzündung, die die Gründung zahlreicher Frauenvereine in ganz Deutschland nach sich zog.

Schulbildung für Mädchen

Erstes und wichtigstes Ziel: Bildung für Frauen und Mädchen. Während eine ordentliche Schulbildung für Jungen ganz normal war, mussten Mädchen aus Arbeiterschichten arbeiten; bürgerliche Töchter bereitete man auf das Eheleben vor. Mädchen, die lesen und schreiben konnten, konnten sich glücklich schätzen. Die Lehrerin Helene Lange nahm sich des Problems an und verfasste eine Petition an den preußischen Schulminister. Die Forderungen: verbesserte Mädchenbildung, mehr Einfluss von Lehrerinnen auf die Erziehung der Schülerinnen, eine bessere Ausbildung für Lehrerinnen. Die Frauenrechtlerinnen brauchten einen langen Atem. Doch schließlich gelang ihnen in den Jahren 1899 und 1900 die Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten. Und 1908 schließlich wurde das Mädchenschulsystem zur Staatssache erklärt.

Das politische Bewusstsein wird stärker

Clara Zetkin (picture-alliance / dpa)

Clara Zetkin - Sie hat den Internationalen Frauentag ins Leben gerufen

Die junge Clara Eißner besuchte ein Lehrerinnenseminar in Leipzig, lernte dort den Allgemeinen Deutschen Frauenverein kennen und begann, sich zu engagieren. Was damals als skandalös galt: Sie lebte mit dem Russen Ossip Zetkin zusammen, ohne dass die beiden verheiratet waren, nahm seinen Namen an und bekam von ihm zwei Söhne. Als Erzieherin trat sie in die Sozialistische Arbeiterpartei, die spätere SPD, ein und begann, für die vollständige berufliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen. Sie gründete die Frauenzeitschrift "Die Gleichheit". Clara Zetkin ist Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung - im Gegenteil zur bürgerlichen Frauenbewegung ging es hier vor allem um die Rechte der Arbeiterinnen.

Sie initiierte 1910 mit dem Internationalen Frauentag einen Kampftag für Gleichberechtigung, Demokratie, Frieden und Sozialismus. Der wurde 1911 erstmals begangen. Unter dem Motto: "Heraus mit dem Frauenwahlrecht!"

Das Recht, die Politik mitzubestimmen

Anita Augspurg, deutsche Juristin und Aktivistin der Frauenbewegung (Public Domain)

Unkonventionell und kämpferisch: Anita Augspurg

Mitstreiterinnen für das Frauenwahlrecht in Deutschland waren auch Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann. Sie hatten 1902 den deutschen "Verein für Frauenstimmrecht" gegründet. Augspurg und Heymann waren weniger friedfertig als ihre deutschen "Schwestern" - sie wollten ihre Rechte mit den gleichen brutalen Mitteln einfordern wie die Suffragetten in England, die ihren Forderungen mit Hungerstreiks, Vandalismus und Großdemonstrationen Nachdruck verliehen.

Augspurg studierte Jura in der Schweiz - so etwas war Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland undenkbar. Sie promovierte und hatte nun die nötigen juristischen Kenntnisse, um im Deutschen Reichstag für Reformen zu kämpfen.

Der Kampf trägt Früchte

Es gab Kooperationen mit Vereinen aus anderen europäischen Ländern, die Suffragettenbewegung in England war inzwischen so stark geworden, dass niemand mehr daran vorbei kam. Während Frauen in den Niederlanden und in Skandinavien zum Teil schon seit Jahren wählen durften, kämpften die Frauen in Deutschland, Österreich, Polen und in England bis 1918 um ihr Wahlrecht, in anderen Ländern noch länger.

Am 30. November 1918, knapp drei Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, verkündete die neue deutsche "Reichsregierung": "Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen." Umgesetzt wurde das neue Recht kurze Zeit später: im Januar 1919.

Infografik Frauenwahlrecht DEU

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