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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Joschka Fischer beim EU-Außenministertreffen / Nachfolger für Johannes Rau gesucht / Leni Riefenstahl gestorben / DDR-Nostalgie im deutschen Fernsehen

Die Kommentatoren der europäischen Tagespresse befassten sich in dieser Woche mit unterschiedlichen deutschen Themen. So ging die belgische Tageszeitung DE STANDARD auf die Haltung von Bundesaußenminister Joschka Fischer bei den Beratungen der EU-Außenminister über die geplante EU-Verfassung ein, Zitat:

"Joschka Fischer hat die große Kanone hervorgeholt. Er hat Warschau und die anderen beitrittswilligen Länder darauf hingewiesen, dass Deutschland - der größte Beitragszahler in der Union - die Erweiterung, das neue Grundgesetz, das die erweitere Union regierbar erhalten soll, und die Finanzierung als 'ein Dreieck' betrachtet. Oder mit anderen Worten: Die Finanzierung der Union und das viele Geld, auf das Polen wartet, ist an die Zustimmung zum Erweiterungsvertrag und die Diskussion über das neue Grundgesetz mit weiterer 'Vertiefung' der Gemeinschaft gebunden. Wenn Polen sich gegen das Grundgesetz stemmt, kann es nicht mit deutscher Unterstützung in der Finanzdebatte nach 2006 zu rechnen. Ob die deutsche Drohung helfen wird, bleibt abzuwarten."

Die russische Tageszeitung NESAWISSIMAJA GASETA kommentierte die Diskussion über die Nachfolge von Bundespräsident Johannes Rau:

"Der Opposition wird es nicht leicht fallen, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Denn im Lager von Union und Liberalen gibt es noch zu viele unterschiedliche Ambitionen (...). Die entscheidende Frage wird wohl sein, welche Kandidatur auch der FDP zusagt, von deren Stimmen die Entscheidung in der Bundesversammlung abhängen wird."

Ein breites und gleichzeitig zwiespältiges Echo löste der Tod der umstrittenen Filmregisseurin Leni Riefenstahl aus. Die spanische Zeitung EL PAIS urteilte:

"Wenige bezweifeln, dass ihr Werk ans Geniale grenzte. Das hat sie vor allem in zwei großen Dokumentarfilmen wie 'Triumph des Willens' und 'Olympia' bewiesen. Beides waren Propagandafilme des Dritten Reiches, und darin begründet liegt auch das Paradoxon, das Leni Riefenstahl stets mit sich geschleppt hat: Sie stellte ihr unermessliches künstlerisches Talent in den Dienst des Schlimmsten, was die Menschheit hervorgebracht hat. Die Regisseurin hat diesen Widerspruch nie auflösen wollen. Bis zum Ende ihrer Tage verschanzte sie sich hinter ihrer angeblichen Naivität und dem beabsichtigten apolitischen Charakter ihrer Filme."

"Keine Nachsicht ist erlaubt", meinte die französische Zeitung LIBÉRATION und fuhr fort:

"Leni Riefenstahl war die Muse des Nazismus, der Star der national-sozialistischen Inszenierung. Und sie ist es ihr ganzes Leben geblieben. Denn sie hat die Paraden von Nürnberg mit genau demselben Ziel gefilmt wie die Riten der Nuba im Sudan oder die kleinen Fische auf dem Meeresgrund: Der Schönheit einen Kult des Absoluten zu verleihen."

Der britische GUARDIAN stellte fest:

"Über Leni Riefenstahl wurde bis zuletzt kontrovers diskutiert. Das Interesse an ihrem Leben und Schaffen wird auch jetzt nicht versiegen. Riefenstahl nahm mit ihrer mystischen Kameraführung und der Einführung der Dominanz des Bildes in die Politik die Gigantik des Hollywood-Megafilms vorweg. Ihre frühen Filme geben Historikern und Cineasten schwierige Fragen über das Verhältnis zwischen der größten Tragödie des 20. Jahrhunderts und seiner größten Kunstform auf."

In der russischen NESAWISSIMAJA GASETA war zu lesen:

"Wie auch immer man zur Persönlichkeit Leni Riefenstahls steht, muss man ihre Bedeutung für die Kultur und die Geschichte des 20. Jahrhunderts anerkennen. (...) Es gibt nicht viele, die so viel Einfluss auf die Entwicklung des Kinos genommen haben."

Schließlich fand das niederländische ALGEMEEN DAGBLAD:

"Sie war scharfsichtig und doch verblendet. (...) Sie wurde bewundert wegen ihrer bahnbrechenden Bildersprache und verurteilt wegen ihrer hartnäckigen Weigerung zuzugeben, dass es falsch war, sich mit den Nazis einuzulassen. (...) Ob sie nun überzeugte Nationalsozialistin war oder nicht - es war sicher keine Unwissenheit, die Riefenstahl dazu brachte, sich für Hitler zu entscheiden...."

Zum Schluss noch ein Zitat aus der niederländischen Zeitung DE VOLKSKRANT, die sich mit den derzeitigen DDR-Nostalgie-Shows im deutschen Fernsehen befasste:

"Ein Land und eine Kultur, in der 17 Millionen Menschen gelebt haben, kann nicht einfach aufhören zu existieren, jedenfalls nicht in der Erinnerung. Es war unvermeidlich, dass nach all den schlimmen Geschichten aus der Diktatur auch die gewöhnlichen Dinge des Lebens auftauchen würden, übergossen mit einer Soße der Nostalgie. (...) Wie oberflächlich das DDR-Vergnügen im Fernsehen manchmal auch sein mag, man muss schon sehr trübsinnig gestimmt sein, um darin eine Besorgnis erweckende Entwicklung zu sehen. Grimmige Erinnerungen an die Diktatur wird es auch in Zukunft geben. Da kann man bei den Deutschen sicher sein. Die ironisch gefärbten Shows zeigen höchstens, dass dies nicht alles war. Das ist 14 Jahre nach dem Fall der Mauer eine willkommene Ergänzung. (...) Auch in einer Diktatur kann man eine glückliche Jugend erleben. Es zeugt von Erwachsensein, wenn eine Nation mit diesem Paradox leben kann."

  • Datum 13.09.2003
  • Autorin/Autor Hans-Bernd Zirkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/44Nd
  • Datum 13.09.2003
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