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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Reaktionen zum Krieg gegen den Irak

Beherrschendes Thema dieser Woche war der Irak-Krieg. Er wurde in der europäischen Tagespresse größtenteils USA-kritisch und als ein Versagen der Diplomatie kommentiert. So war in der belgischen Zeitung DE MORGEN zu lesen:

"Dieser Angriff und dieser Krieg sind nicht allein gegen den Irak gerichtet, sondern auch gegen das Ideal einer Weltgemeinschaft, in der Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedstaaten nur im äußersten Notfall mit Gewalt gelöst werden dürfen, und auch dies nur mit dem Segen des Sicherheitsrates. Mit ihrem einseitigen Auftreten haben die Vereinigten Staaten dieses Ideal in Scherben geschossen, einen tiefen diplomatischen Bruch in der westlichen Welt verursacht und den Anti-Amerikanismus in der moslemischen Welt nochmals verstärkt."

Die römische Tageszeitung IL MESSAGERO stellte fest:

"Die Würfel sind gefallen. Jetzt müssen die Soldaten in der Wüste mit Waffen und Blut die internationale diplomatische Niederlage der USA ins Gegenteil verkehren. Wo die Argumente nicht ausreichen, geben die Stärkeren der menschlichen Versuchung nach, Gewalt anzuwenden. Dies ist aber nur eine Illusion der Machtpolitik."

Das spanische Blatt EL PAÍS aus Madrid meinte:

"Dieser Krieg hätte niemals beginnen dürfen. Die öffentliche Meinung der ganzen Welt war dagegen. Der Krieg verursachte, noch bevor die erste Rakete einschlug, bedeutende Kollateralschäden. Eines der Opfer ist die Strategie, die Gegner in Schach zu halten, die in den vergangenen 50 Jahren einigermaßen funktioniert hatte. An ihre Stelle setzte die Supermacht USA den Präventivkrieg. Viele Verbündete der USA fürchten, dass der Irak-Krieg den Beginn einer neuen militärischen Expansion der USA markiert mit dem Ziel, die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Die UN sind ein weiteres Opfer. Sie laufen Gefahr, durch die imperiale Arroganz von US-Präsident George W. Bush zu einer Hilfsorganisation degradiert zu werden."

Die rumänische Zeitung ADEVARUL kommentierte:

"Das Verschwinden der direkten Gefahr des Kommunismus hat, so scheint es, auch die reflexartigen Bestrebungen (des Westens) zerstört, in einem multilateralen Rahmen zu handeln."

Die Zeitung POLITIKA aus Belgrad erinnerte an die Luftangriffe der Nato auf Serbien:

"Wie vor vier Jahren, als unsere Tragödie begann, wurde auch jetzt der Weltsicherheitsrat umgangen. Und wenn das ein Mal geschehen ist, dann kann man das auch später tun zum Preis des vollständigen Abbaus der Autorität der Vereinten Nationen. (...) Der größte Unterschied zwischen der damaligen serbischen und jetzigen irakischen Position ist, dass wir damals vielleicht die einzigen waren, die im ganzem Umfang die Stärke der amerikanischen Arroganz gespürt haben. Heute fühlen es selbst die engsten amerikanischen Verbündeten und Partner."

Ein hartes Urteil fällte die russische Tageszeitung KOMMERSANT über die von den USA aufgebaute, so genannte 'Koalition der Willigen', Zitat:

"So sieht also die 'breite anti-irakische Koalition' aus. Gleich hinter den USA und Großbritannien laufen Afghanistan und Albanien, Äthiopien und Eritrea, El Salvador und Mazedonien, Estland, Lettland und Litauen mit. Dieser Gruppe ist Krieg oder Frieden egal, sie blickt nur auf die Weltführerschaft der Mächtigen und Reichen. Ihre Logik ist: Warum sollte nur die Supermacht am Irak verdienen? Auch für die Galerie soll etwas abfallen. So wurde eine 'Koalition der toten Seelen' geboren von billigen Verbündeten, die sich für die Propaganda des amerikanischen Vorgehens im Irak hergeben."

Die überregionale österreichische Zeitung SALZBURGER NACHRICHTEN befasste sich mit der Haltung der Europäischen Union:

"Die Irak-Krise hat Europa vor Augen geführt, wie es um seine Einigkeit tatsächlich bestellt ist. Sie reicht bestenfalls für die Verabschiedung von Verordnungen über die Beschaffenheit von Traktorensitzen oder die Behandlung von Haustieren auf Urlaubsreisen. In existenziellen Fragen, wenn es also ans Eingemachte geht, dann klafft hingegen eine riesige Lücke zwischen den Ansichten der Mitgliedstaaten. (...) Doch was nützt etwa die Installierung eines Super-Außenministers, wenn hinter dessen Rücken jeder macht, was er will? Er wird bestenfalls der Grüßaugust Europas in der Welt."

Das französische Blatt LES DERNIÈRES NOUVELLES D'ALSACE warnte davor, auf den Krieg mit blindem Antiamerikanismus zu reagieren:

"Die Ehre der Europäer, zumindest jener, die sich nicht zu den Hilfstruppen der US-Army gesellt haben, wird nun darin bestehen, keiner Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Der Anti-Amerikanismus wird sich ohnehin verbreiten, man darf ihn nicht noch zusätzlich schüren. Dies weiß man in Paris und Berlin und sogar in Moskau. In den drei Hauptstädten lebt man bereits in der Perspektive der Zeit nach dem Krieg, wenn es darum gehen wird, gebrochene Beziehungen wieder zu kitten."

Zu den Befürwortern des Krieges gehörte die britische TIMES:

"Nun, nachdem der Krieg begonnen hat, muss jeder normale Mensch hoffen, dass er nach wenigen Wochen, wenn nicht Tagen enden wird - mit der bedingungslosen Kapitulation Bagdads und der Gefangennahme oder dem Tod von Präsident Saddam Hussein. Glücklicherweise ist ein solcher Ausgang sehr wahrscheinlich. (...) Irakische Zivilisten werden unweigerlich in den kommenden Wochen getötet werden; aber diese Toten werden zahlenmäßig weit übertroffen von den Zehntausenden, die während des Terrorregimes Saddams hingemetzelt wurden."

Ähnlich reagierte die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA:

"Saddam Hussein hat den Krieg gewählt. Er beschloss, seine despotische Herrschaft bis zum letzten Bürger des Iraks zu verteidigen. Jeder Krieg ist ein Unglück. Er bedeutet Opfer, Leiden, Tod. (...) Man muss jedoch daran erinnern, um was es in diesem Krieg geht. Dies ist ein Krieg gegen ein despotisches Regime, das gefährlich für die Welt und tödlich für die Iraker selbst ist, ein Regime, das die eigenen Bürger folterte und ermordete, das terroristische Aktionen in aller Welt finanzierte."

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz schließlich zog einen historischen Vergleich, gab aber gleichzeitig zu bedenken:

"Man soll die historischen Präzedenzen auch nicht überdehnen. Es gibt einen großen Unterschied, der das Urteil über das, was im Irak geschieht, außerordentlich erschwert. Bei Hitler hätte man wissen können, wie gefährlich der Diktator war. Bei Saddam Hussein wissen wir einfach nicht, über welches Potenzial an B- und an C-Waffen der skrupellose Tyrann noch verfügt. Eines aber müssen wir sehen: 'Wut im Bauch', Zorn auf die Amis und andere das Gehirn vernebelnde Reaktionen, wie sie die Gesinnungsethiker in der Schweiz und andernorts auf den Straßen nun demonstrieren, sind keine Antwort auf den Krieg im Irak. Trauer wäre es eher. Doch Trauer kann man nicht für politischen Aktivismus instrumentalisieren."

  • Datum 22.03.2003
  • Autorin/Autor Hans-Bernd Zirkel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3Q2I
  • Datum 22.03.2003
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