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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Ölstreit und Energiepolitik / Rücktritt des Warschauer Erzbischofs

Der Ölstreit zwischen Russland und Weißrussland sowie seine Auswirkungen auf die europäische Energiepolitik haben in der vergangenen Woche auch in den ausländischen Zeitungskommentaren ein breites Echo hervorgerufen.

Die spanischen Zeitung EL PAIS schreibt dazu:

"Die ... Krise zeigt, auf welch unsicherer Basis die Versorgung mit Energie in Europa steht. Deshalb wäre eine Energie-Charta erforderlich, wie die EU sie Moskau vorgeschlagen hatte. Der russische Präsident Wladimir Putin lehnte dies jedoch ab, weil er bilaterale Abkommen bevorzugt. Europa ist nun zu einer Geisel von streitenden Ex-Sowjetrepubliken geworden. Die EU sollte künftig die Sicherung der Energieversorgung zu einem zentralen Bestandteil der Beziehungen zu ihren Nachbarn machen."

Der Londoner GUARDIAN findet, man müsse auch die russische Sicht der Dinge berücksichtigen und führt aus:

"Der Energie-Nationalismus des Landes muss im Licht der Ereignisse der 1990er Jahre gesehen werden, als die Russen nicht nur erleben mussten, wie ihr Weltreich zusammenbrach, sondern auch einen Rückgang der Durchschnittseinkommen erlitten, der mit dem in den USA während der großen Depression verglichen werden kann. Wenn die Russen nun ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund stellen, kann man ihnen dies nicht zum Vorwurf machen."

Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT geht auf die Vorschläge der EU-Kommission für eine gemeinsame europäischen Energiepolitik ein und urteilt:

"Ein lobenswertes Streben, von dem allerdings keine Wunder zu erwarten sind. Und dass auch der Notwendigkeit keinen Abbruch tut, eine deutlichere europäische Linie gegenüber den russischen Schikanen zu ziehen."

Die Pariser Zeitung LIBERATION befasst sich mit den Details der geplanten Energiepolitik:

"Die Europäische Kommission schlägt gleichzeitig mehr Wachstum und weniger Kohlendioxid vor. Man kann nur Beifall klatschen, selbst wenn bisher niemand ein Wachstum gesehen hat, das keine Energie frisst. Außer, man behält nur die Software für sich und lässt den Dreck in China fertigen. Und man entdeckt die Vorteile der Atomkraft wieder. Doch darauf besteht die Kommission, die sich durchaus nicht unsensibel zeigt, lieber nicht."

Abschließend dazu der Schweizer TAGES-ANZEIGER:

"Womöglich sind aber noch weitere Lieferkrisen nötig, bis die EU in der Energiepolitik ihre gemeinsame Stimme findet. Offensichtlich braucht es die Angst vor dem kalten Ofen oder dem leeren Tank, damit Politik und Öffentlichkeit ein längst bekanntes Problem auch als solches erkennen", notiert der TAGES-ANZEIGER aus Genf, mit dem unsere Auslandspresseschau endet.


Breite Beachtung unter den ausländischen Kommentatoren fand auch die Affäre um den zurückgetretenen Warschauer Erzbischof Stanislaw Wielgus.

Die französische Tageszeitung LE FIGARO geht dabei auf die Rolle von Papst Benedikt XVI. ein:

"Die Nominierung von Wielgus durch Papst Benedikt XVI., das den Anschuldigungen folgende zögerliche Hin und Her und die Demission an dem Tag, an dem Wielgus in sein Amt eingeführt werden sollte, all das kann zu Beginn des Pontifikats nur auf den Vatikan zurückfallen. Nach der Rede im vergangenen Jahr, als der Heilige Vater Mühe gehabt hat, die berechtigte Botschaft von einer größeren Festigkeit den Exzessen des Islam gegenüber zu vermitteln, stolpert der Nachfolger von Johannes Paul II. von neuem. Trotz einer sachkundigen Analyse und legitimer Absichten scheint er nicht über den geschärften politischen Sinn seines Vorgängers zu verfügen."

Der Mailänder CORRIERE DELLA SERA sieht die Ursache im Kandidaten selbst:

"Für den Vatikan hat Wielgus gleich eine doppelte Schuld (...): Die erste ist die, ... die Zusammenarbeit (mit dem Geheimdienst) öffentlich abgestritten zu haben, die zweite ist, dass er dem Heiligen Stuhl während des Untersuchungsverfahrens zu seiner Ernennung nicht alle Informationen gegeben hat."

Die ungarische Zeitung NEPSZAVA analysiert:

"In die unangenehmste Situation ist offensichtlich Papst Benedikt XVI. geraten. ... Die ganze Angelegenheit kann ihm dabei mit einer ernsthaften Lehre dienen: vollständig vertrauen kann er selbst seinen engsten Mitarbeitern nicht, auch jenen nicht, auf die er sich bei wichtigen Ernennungen müsste stützen können. Wer weiß, vielleicht bewegt ihn das dazu, die Reform des Vatikans zu beschleunigen."

Das Warschauer Blatt RZECZPOSPOLITA resümiert zur politischen Lage in Polen:

"Die Entscheidung Roms (...) bedeutet vor allem einen großen Sieg des Gewissens. Man wird Verrat wieder Verrat nennen können, Mut als Mut und Treue als Treue bezeichnen. Der Rücktritt von Erzbischof Wielgus ist ein Sieg der Kirche, auch wenn er einige Gläubige schmerzt."

Dazu meint EL MUNDO aus Spanien:

"Das letzte Wort ist in dieser Krise ... längst nicht gesprochen. Die Kirche hegt den Verdacht, dass bestimmte Leute Rache nehmen wollen für die Rolle, die die Geistlichen beim Sturz des Kommunismus gespielt haben. Außerdem zirkulieren Spekulationen, dass einer der Hintermänner des Rücktritts kein geringerer ist als (der polnische Präsident) Lech Kaczynski."

Zum Thema Vergangenheitsbewältigung gibt die in London erscheinende FINANCIAL TIMES zu bedenken:

"Menschen im öffentlichen Leben könnten unter Druck gesetzt werden, zurückzutreten, wie Erzbischof Wielgus das getan hat. Das ist der Preis für den Dienst als politische oder moralische Autorität. Aber jene außerhalb öffentlicher Beobachtung sollten normalerweise nicht gezwungen werden, ihre Jobs aufzugeben. Das Ziel muss sein, mit der Vergangenheit umzugehen und dann nach vorn zu gehen. Der Vergangenheit darf nicht erlaubt werden, fortwährend die Gegenwart zu vergiften."
  • Datum 13.01.2007
  • Autorin/Autor Eleonore Uhlich
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9gtr
  • Datum 13.01.2007
  • Autorin/Autor Eleonore Uhlich
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