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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Große Koalition einigt sich / Ursache und Wirkung der Krawalle in Frankreich


Die ausländische Presse befasst sich diese Woche mit zwei großen Themen: Dem positiven Abschluss der Verhandlungen über eine große Koalition in Deutschland sowie Ursache und Wirkung der Krawalle in Frankreich.

Zum Abschluss des Koalitionsvertrages schreibt der italienische CORRIERE DELLA SERA:

"Es handelt sich um einen historischen Schritt für die Bundesrepublik, die in einer der schwierigsten Phasen der Nachkriegszeit nun die Kraft und die Vernunft findet, die ökonomische und soziale Krise anzugehen. Zugleich hat sich eine Revolution ohne Beispiel vollzogen, die durch den Aufstieg von Angela Merkel ins Kanzelramt symbolisiert wird."

Auch der französische LE FIGARO gibt sich zuversichtlich:

"Unser großer Nachbar hat mit einem Mindestmaß an Unruhe einen radikalen politischen Übergang geschafft, dessen Auswirkungen weit über diese oder jene Haushalts- oder Steuerbestimmung hinausgehen. Eine neue Generation hat die Kommandoposten übernommen, links wie rechts, mit Angela Merkel als erster Frau im Bundeskanzleramt und der erwarteten Wahl von Matthias Platzeck an der Spitze der Sozialdemokratischen Partei. Während in Frankreich, Großbritannien und Italien ein schwieriger und schmerzhafter Übergang bevorsteht, hat Deutschland es schon geschafft."

Das LUXEMBURGER WORT begrüßt die Kompromissfähigkeit beider Seiten:

"Erste Opfer haben die beiden Koalitionspartner Union und SPD erbracht: Sie müssen wohl oder übel die 'Grausamkeiten' der anderen Seite übernehmen und auf Wohltaten zugunsten der eigenen Wählerklientel verzichten. Diese große Koalition war ursprünglich nicht gewollt, wie CSU-Chef Edmund Stoiber (am Freitag) festhielt. Doch vielleicht gerät die Not, konträre Standpunkte zu überbrücken, am Ende zur politischen Tugend."

Etwas belustigt kommentiert der Schweizer TAGESANZEIGER die freudlose Reaktion in der deutschen Bevölkerung:

"..noch bevor die Regierung gewählt ist, macht sich in Deutschland Katzenjammer breit. Schon wieder, ist man versucht zu sagen. Denn Deutschland leidet nicht nur unter Arbeitslosigkeit, Verschuldung und mangelndem Wirtschaftswachstum. Deutschland leidet unter einer Mehltau-Stimmung, die über dem Land liegt. Die Lust am Schlechtreden zertritt jede aufkeimende Hoffnung, noch bevor klar ist, was aus der Pflanze werden könnte."


Themenwechsel. Die Krawalle in Frankreich sind weiterhin nicht unter Kontrolle. Die ausländischen Zeitungen befassen sich inzwischen mit den Fragen nach Ursache sowie Auswirkungen auch auf die anderen europäischen Staaten.

Der TAGESANZEIGER aus Zürich schreibt:

"(Frankreich) steckt... in einer Modellkrise. Die Brutalität seiner eingeborenen Kinder stellt es vor eine Frage, die nicht mit republikanischen Beschwörungen zu lösen ist: Warum sind sie keine Citoyens geworden?"

Die DERNIÈRES NOUVELLES D'ALSACE meinen:

"...jetzt zerbricht eine andere französische Besonderheit - die Integrationspolitik - mit den Unruhen in den Vorstädten. Abgesehen von einigen sarkastischen Stimmen freut sich niemand über den Schlamassel, in den das Land geraten ist. Nicht, weil man eine Ansteckung befürchtet, sondern vielmehr wegen eines großen Vakuums, das ein Ungleichgewicht in der EU entstehen lässt."

Der britische DAILY TELEGRAPH macht eine Politikverdrossenheit als Gefahr für Krawalle auch in anderen europäischen Staaten aus:

"Frankreich ist gezeichnet vom Zweikampf zwischen (Innenminister Nicolas) Sarkozy und Ministerpräsident Dominique de Villepin. Deutschland droht Stillstand durch eine große Koalition. In Italien steht Silvio Berlusconi schlechter da als je zuvor. Und in Großbritannien wartet das Wahlvolk nur darauf, dass Tony Blair zurücktritt.....In Westeuropa herrscht ein allgemeines Gefühl der Malaise, der Ernüchterung über Politiker..."

Noch drastischer drückt es die BERNER ZEITUNG aus:

"Noch herrschen in Frankreich keine Verhältnisse wie im Südafrika der Apartheid oder im besetzten Gazastreifen. So absurd, wie viele glauben, sind diese Vergleiche aber nicht. Das weiß niemand besser als die Polizisten, die in diesen Gebieten operieren und sich ohne massiven Geleitschutz seit Jahren nicht mehr in einige Vorstädte wagen."

Die tschechische Zeitung LIDOVE NOVINY präsentiert eine mögliche Lösung:

"Was die Franzosen jetzt tatsächlich benötigen, aber nie freiwillig annehmen werden, ist eine 'amerikanische Lösung'. Also das Umsetzen jener drastischen Schritte, die die USA schon in den 1960er Jahren unternommen haben, um die jahrhundertealte Diskriminierung zu überwinden: die zwangsweise Versetzung von Kindern in Schulen außerhalb der Vorstädte, eine bessere Ausbildung für Jugendliche aus sozial schwachen Familien und eine positive Diskriminierung."
  • Datum 12.11.2005
  • Autorin/Autor Beatrice Hyder
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7RfS
  • Datum 12.11.2005
  • Autorin/Autor Beatrice Hyder
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