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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Zusammensetzung der EU-Kommission / Diskussion über Rechtschreibreform/Eröffnung der Olympischen Spiele


Die Zusammensetzung der neuen EU-Kommission und die Diskussion über die Rechtschreibreform in Deutschland, diese beiden Themen werden in vielen internationalen Blättern aufgegriffen. Zur Vorstellung der neuen EU-Kommission schreibt die Brüsseler Tageszeitung DE STANDARD:

"Deutschland wollte einen Superkommissar für Wirtschaft und Industrie, mit Weisungsbefugnis über andere Kommissare. Aber der zukünftige Kommissionspräsident Barroso machte allen sofort deutlich, dass nur er und niemand anders über die Zusammensetzung seines Teams entscheiden werde. Mit der Europäischen Kommission, die er diese Woche vorgestellt hat, zeigte er, dass er nicht mit sich spielen lässt. Zugleich hält er ein Auge auf das Gleichgewicht zwischen den großen und den kleinen Ländern. Das heißt aber nicht, dass Barroso die großen Länder im Regen stehen lässt. Der Deutsche Günter Verheugen wird Vizepräsident und Kommissar für die Industriepolitik, ein kleines Zugeständnis für Deutschland, das auf einen Superkommissar verzichten musste."

Der ebenfalls in Brüssel herausgegebene DE MORGEN sieht Verheugen als starken Mann in Barrosos Team:

"Teamarbeit solle es werden, und kein Kommissar solle gleicher sein als die anderen. Die Praxis muss das erweisen, aber schon jetzt scheint Günter Verheugen nach Barroso der unanfechtbar starke Mann in der Kommission zu sein. Der Deutsche bekommt den Posten für Industrie. Das erscheint weniger als erhofft, zumal Berlin den nachdrücklichen Wunsch äußerte, dass Verheugen Industrie und Wirtschaft kriegen sollte. Barroso löste das mit einem Kunstgriff: Er benannte den deutschen Sozialdemokraten auch zum Koordinator der Gruppe von Kommissaren für die Wettbewerbfähigkeit. Auf diese Weise wird er eine Art Schattenkommissar für die Niederländerin Neelie Kroes, die mit dem Ressort Wettbewerbspolitik einen ziemlich großen Fisch an die Angel bekam."

Die niederländische Zeitung DE VOLKSKRANT sieht mehr Sieger als Verlierer in der EU-Kommission:

"Mit der Vergabe gewichtiger Posten an unter anderem die Niederlande, Dänemark, Irland und Lettland macht Barroso sein Versprechen wahr, dass er bei der Zusammenstellung seiner Mannschaft nicht allein auf das spezifische Gewicht der Mitgliedsländer achtet. Es fällt ebenso auf, dass entscheidende Posten im finanziell- ökonomischen Bereich an Politiker aus Ländern gehen, die eher einer offenen Ökonomie verpflichtet sind und robustere Reformen ausgeführt haben als Berlin und Paris. Die Zusammenstellung der Kommission in der jetzt 25 Mitgliedsstaaten zählenden Union war eine delikate Angelegenheit. Da besteht immer die Gefahr, dass es Verlierer und nur selten Gewinner gibt. Der neue Präsident scheint die Gefahr geschickt umgangen zu haben. Nach einem ersten Überblick hat es mehr Gewinner als Verlierer gegeben. Der größte Gewinner ist José Barroso selbst."

DE TELEGRAAF aus Den Haag meint, dass Barroso bei der Bildung der Kommission die Brille des Wirtschaftsreformers aufgesetzt hat:

"Die Sorge der kleineren EU-Länder, dass Barroso nach den Wünschen nur der großen Länder hören würde, sind vertrieben worden. Zugleich aber brauchen auch die großen Länder nicht den Eindruck zu gewinnen, dass sie allzuviel abgeben mussten. Zudem hat es den Anschein, dass Barroso beim Zusammenstellen seiner Europäischen Kommission vor allem durch die Brille des Wirtschaftsreformers geblickt hat. Das ist auch gut so, denn die EU kann einen Impuls sehr wohl gebrauchen, um aus den chronisch niedrigen Wachstumszahlen heraus zu kommen. Mit der Bildung eines ganz neuen Kommissariats, das sich um die Kommunikationsstrategie kümmern soll, hat er seine zweite Priorität betont - bei den Europäern die Apathie gegenüber allem, was mit der EU zu tun hat, zu durchbrechen."

Die Diskussion über die Rechtschreibreform in Deutschland findet vor allem im deutschsprachigen Ausland eine große Resonanz. Der TAGES-ANZEIGER aus Zürich meint:

"Wer die Diskussionen beobachtet, wundert sich weniger über die Argumente als über die Heftigkeit der Auseinandersetzung. Hier wird ein Stellvertreterkrieg ausgetragen: Der lamentable Zustand der Regierung Schröder provoziert eine beispiellose Aufgeregtheit in deutschen Landen. Diese Regierung hat in den letzten Jahren so viele Reformprojekte unprofessionell vorbereitet, kommuniziert und dann nicht durchführen können, dass sich Medien und Intellektuelle geradezu auf einen weiteren Konflikt mit Staat und Bürokratie stürzen. Anders sind Vehemenz und Pathos nicht zu verstehen. Auch noch die Forderung nach einer Volksabstimmung abzuleiten, tönt selbst für Schweizer Ohren bizarr: Sie kann nur volksabstimmungsungewohnten Köpfen entspringen."

Die BASLER ZEITUNG wertet die erneute Diskussion über die richtige Rechtschreibung als Triumph der Intellektuellen:

"Wieder einmal ist in Deutschland - wenn nicht alles täuscht - eine Reform gescheitert. Diesmal geht es nicht um die Altersvorsorge oder den Umweltschutz, sondern nur um die Rechtschreibung in den deutschsprachigen Ländern. Die Herren Reich-Ranicki, Walser, Enzensberger, Muschg etc. - allesamt Autoren in vorgerücktem Alter - haben mit Erfolg einen Reformprozess verweigert, an dem sie sich nicht aktiv beteiligt hatten, als die Dinge noch im Fluss waren. Ihr Erfolg beruht auf einer unheiligen Allianz von muffiger Reformfeindlichkeit und diffuser Staatsferne. Und er vermag nicht zu kaschieren, dass den meisten Intellektuellen deutscher Zunge zu brennenden Zeitfragen -Armut der Dritten Welt, Krise des Sozialstaats, ethische Probleme des medizinischen Fortschritts - schlicht nichts mehr einfällt."

Die österreichische Tageszeitung DER STANDARD kritisiert die Entscheidung des Spiegel- und des Springer-Verlags, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.

'Die Reform hat uns einige Saisons der Anarchie beschert, die nun durch den Vorstoß von 'Bild' und 'Spiegel' (oder ist es ein Rückstoß?) verlängert wird. Seltsam: Gerade diese zwei zügellosen Organe des Zeitgeistes, bisher sprach-verspielt und innovativ, werden zu Thürhüthern der Gegenreformation. Die Sprache lässt sich nicht festhalten. Man kann behaupten, die neue Ordnung sei unübersichtlich. Aber das war die alte auch, weil Text, dieses zarte Gewebe, zu Verwirrung neigt. Die ernüchternde Nachricht zuletzt: Ob alte oder neue Regeln - es ist immer schwer, gutes Deutsch zu schreiben."

Auch die im deutschsprachigen Teil Belgiens erscheinende Tageszeitung GRENZ-ECHO nimmt die beiden Verlage aufs Korn:

"In all dem Gezeter, das die deutschen Medien beschäftigt, spielen sich viele als oberste Richter auf, von denen dies niemand verlangt. Die Schweiz, Österreich und Belgien, die in die Rechtschreibreform eingebunden sind, haben laut 'Bild', 'Spiegel' und anderen selbsternannten Regelgebern offenbar nichts zu sagen, wenn eine Kehrtwendung gefordert wird. Kann es die Aufgabe einzelner Verlage sein, mit Oberlehrergehabe vergangener Zeiten die Umkehr zu erzwingen?"

Zum Schluss noch eine Pressestimme zum Beginn der Olympischen Spiele in Athen. Die russische Wochenzeitung MOSKOWSKIJE NOWOSTI greift die zunehmende Kommerzialisierung des Sports auf:

"Die Sportler, die auf einen Olympiasieg hoffen, rechnen auf Einkünfte aus der Werbung. Die Sportfunktionäre hoffen auf ein gutes Abschneiden ihrer Athleten und rechnen auf Gelder von Staat und Sponsoren. Die Gastgeber rechnen auf Gewinn aus den Spielen. Das IOC zählt genüsslich seine Einnahmen aus Sponsorengeldern und dem Verkauf der Fernsehrechte. Zu den gewohnten Geräuschen im Sport, dem Jubel in den Stadien, dem Pfeifen der Schiedsrichter, den Freudenschreien oder dem Weinen der Enttäuschung gesellt sich immer mehr das Klappern der Taschenrechner."

  • Datum 14.08.2004
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5RiS
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