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Politik

Internationale Pressestimmen der vergangenen Woche

Verlängerung der Arbeitszeit / Gedenken an Hitler-Attentat / Scharon-Frankreich


Die Kommentatoren der ausländischen Tageszeitungen nehmen in dieser Woche die Diskussion um eine Verlängerung der Arbeitszeit in Deutschland sowie das Gedenken an das Hitler-Attentat vom 20. Juni 1944 in den Blick. Ein weiteres Thema ist der Aufruf des israelischen Regierungschefs Ariel Scharon an die französischen Juden, Frankreich wegen antisemitischer Vorfälle zu verlassen und nach Israel zu ziehen.

Die Straßburger Zeitung LES DERNIÈRES NOUVELLES D'ALSACE schreibt zur Arbeitszeit-Debatte in Deutschland:

"Nach der bitteren Pille von Doktor Schröder für seine Landsleute mit seinen groß angelegten Sozial- und Wirtschaftsreformen starten die deutschen Arbeitgeber eine Offensive, um die Arbeitnehmer stärker in die Pflicht zu nehmen. Längere Arbeitszeiten, Senkung der Lohnkosten, Anhebung der Produktivität - so lautet das Leitmotiv. Sollen wir länger arbeiten oder auf soziale Errungenschaften verzichten, um Arbeitsplätze zu retten und eine Wirtschaft zu stützen, die erste Besserungszeichen zeigt? Seit den 60er Jahren ist die Wochenarbeitszeit von 48 auf 37,7 Stunden zurückgegangen. Daraufhin haben böse Zungen behauptet, die Deutschen seien 'Freizeitweltmeister'. Doch dieser gemütliche Lebensstil passt nicht mehr zu den harten Gesetzen der Globalisierung und zum frischen Wind aus Osteuropa."

Die FINANCIAL TIMES aus London nimmt die Diskussion über längere Arbeitszeiten in Deutschland zum Anlass, die Wirtschaftsaussichten in Europa zu beleuchten:

"Der Schritt hin zu längeren Arbeitszeiten in Deutschland und Frankreich zeugt von einer erstaunlichen strukturellen Veränderung. Er zeigt, dass die Wirtschaft des kontinentalen Europas weit weniger verholzt ist als Kritiker behaupten. Um dies zu untermauern, sollte hinzugefügt werden, dass Kontinentaleuropa in vielerlei Hinsicht fast so leistungsfähig ist wie die USA und dass Unterschiede in der Leistung zu einem großen Teil die Vorliebe Europas für die Freizeit widerspiegeln. Aber auch, wenn die kurzfristigen ökonomischen Zukunftsvoraussagen und der Wechsel zur Arbeitszeitverlängerung auf bessere Zeiten für die europäische Industrie hindeuten, ist das weitere wirtschaftliche Bild, besonders in Deutschland, weit weniger ermutigend. Die Binnennachfrage bleibt chronisch schwach. Die Arbeitslosigkeit wird weiter ansteigen. Die Erholung in der Eurozone ist zerbrechlich und verletzlich auf Grund der Schwäche der Exportmärkte ihrer Kern-Mitgliedsländer."

Die Zeitung TROUW aus Den Haag macht sich Gedanken über eine mögliche Verlängerung der Arbeitszeit auch in den Niederlanden:

"Statistiken über Arbeitszeiten geben nur die halbe Wahrheit wieder. Die andere Hälfte liegt darin, dass die Produktivität je Arbeitsstunde in den Niederlanden, in Deutschland und in Frankreich höher liegt als in den USA. Offensichtlich arbeiten wir klüger. Wirtschaftsminister Laurens Brinkhorst und die Arbeitgeber gehen davon aus, dass bei längerer Arbeitszeit auch in der Verlängerung automatisch genauso produktiv gearbeitet wird. Das ist aber fraglich. Möglicherweise nimmt die Unproduktivität zu, der so genannte mentale Ausfall. Es stimmt, dass es einige Unternehmen schwer haben, gegen Niedriglohnländer zu bestehen. Um die Arbeit hier halten zu können, wollen sie den Stundenlohn senken. Aber damit gewinnen sie nur eine Galgenfrist. Die Löhne lassen sich nicht auf das Niveau von Polen oder Tschechien zurückdrehen. Für Arbeitgeber in den Niederlanden gibt es nur eine Lösung: Wir alle müssen noch klüger arbeiten als bisher."

Themawechsel - Zum Gedenken an das Hitler-Attentat meint die tschechische Zeitung MLADA FRONTA DNES:

"Den 60. Jahrestag des Anschlags prägen zwei Standpunkte. Der erste: Ohne den Adel hätte es dieses Attentat nicht gegeben. Der zweite: Ohne den Adel wäre Hitler nicht an die Macht gelangt. Weite Teile des Adels versprachen sich von einer Unterstützung der Faschisten eine lukrative Karriere und eine Mehrung ihres Besitzes. Jeder fünfte SS-Angehörige war adelig. Dennoch war bei Einigen das Gefühl der Ehre größer als die Loyalität zu Hitler. Das Attentat war ein Protest Einzelner von ihnen, motiviert von Standesbewusstsein und einer Verantwortung für das eigene Land. Repräsentative Vertreter ihres Standes aber waren die Putschisten des 20. Juli 1944 nicht."

Zur Würdigung von Oberst Graf von Stauffenberg als Vorläufer des geeinten Europa durch Hollands Regierungschef Jan Peter Balkenende am 20. Juli in Berlin schreibt die niederländische Zeitung VOLKSKRANT:

"Balkenende hat sich allzu großer historischer Akrobatik schuldig gemacht, als er Oberst Graf von Stauffenberg zum Erzvater Europas erhob. Wenn er schon einen Deutschen als Wegbereiter des vereinten Europa benennen wollte, hätte sich eher Hitler angeboten. In der Erinnerung an dessen Terrorherrschaft haben die Europäer endgültig den Weg zu Einigung eingeschlagen unter dem Motto 'so etwas nie wieder'. Die Ironie wäre aber zu bitter, als dass sie in eine Festrede gepasst hätte. Deshalb hätte sich Balkenende besser damit begnügt, Stauffenberg als einen mutigen Mann zu ehren, dessen Einsatz vielleicht Millionen Menschenleben hätte retten können, wenn der Anschlag erfolgreich verlaufen wäre und der Krieg dadurch eher geendet hätte."

Die Pariser Tageszeitung LE MONDE kommentiert wie ein Großteil der französischen Presse den Aufruf von Israels Regierungschef Ariel Scharon an die französischen Juden, das Land wegen eines dort vorherrschenden Antisemitismus zu verlassen und nach Israel zu ziehen:

"Was will Ariel Scharon erreichen? Vielleicht eine größere Zahl von jüdischen Auswanderern aus Frankreich nach Israel. Eine andere Hypothese ist, dass Scharon Europa aus dem politischen Spiel um den Nahen Osten hält, indem er Frankreich disqualifiziert. Die Botschaft des Likud-Chefs könnte lauten wie folgt: Die politische Regelung des Nahost-Konflikts bleibt eine Angelegenheit zwischen Israel und den USA - und Europa bleibt wegen seines pro-arabischen Parteiergreifens abgekapselt in der Rolle des Geldgebers."

LE TELEGRAMME aus Brest sucht nach der möglichen Motivation Scharons für seinen Aufruf:

"Das Ziel des israelischen Ministerpräsidenten ist ein ganz anderes: Indem er bis zum Überdruß einer falschen Idee anhängt, die bereits in den USA verbreitet ist, will er Frankreichs derzeit fruchtlose Bemühungen im Friedensprozess diskreditieren. Da Frankreich seiner traditionellen diplomatischen Linie treu blieb und sich auf die Seite Arafats schlug, hat es keinen Zugang mehr zu den israelischen Verantwortlichen, so etwa am vergangenen Wochenende Außenminister Michel Barnier bei seiner Visite in den Palästinensergebieten. In jenem Moment, in dem sich Scharon auf die Feier der Heiligen Union mit der Arbeiterpartei vorbereitet, um seinen Trennungsplan durchzusetzen, wird Paris von der Achse Washington-Jerusalem an den Rand gedrängt."

Der Pariser FIGARO analysiert:

"Ariel Scharons Angriff ist in zweifacher Hinsicht unwürdig. Weil er weiß, dass Frankreich nicht antisemitisch ist. Juden wurden angegriffen oder beleidigt. Aber es gibt in unserem Land weder eine Politik noch Ressentiments gegen die jüdische Gemeinschaft. Ganz im Gegenteil - diese Gemeinschaft, eine der größten weltweit, beweist schon allein durch die Anzahl ihrer Mitglieder, wie sehr sie in der französischen Nation verankert ist. In Wahrheit will Scharon ein Frankreich, das weiterhin Jassir Arafat verteidigt, seiner Legitimität berauben."

Abschließend die Zeitung L'ALSACE aus der südelsässischen Stadt Mülhausen zum Aufruf Scharons:

"Jeder französische Bürger kann nur wünschen, dass alle rassistischen Vergehen streng bestraft werden. Aber indem er von einem 'entfesselten' Antisemitismus spricht, begeht der israelischen Premierminister einen schweren Fehler. Sowohl in moralischer als auch in politischer Hinsicht. Seine beleidigenden Äußerungen nützen niemandem - und schon gar nicht der jüdischen Gemeinschaft, die er gerne schützen möchte, indem er ihr die Flucht empfiehlt. Indem er Öl auf ein schon zu stark loderndes Feuer gießt, riskiert Ariel Scharon, die Antisemiten in ihrer irrigen Analyse zu bestärken. Wenn es einen Kampf zu führen gibt - und es gibt einen - dann muss er in Frankreich geführt werden."

  • Datum 24.07.2004
  • Autorin/Autor Christina Pannhausen
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5Lqy
  • Datum 24.07.2004
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