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Welt

Internationale Helfer feiern Geburtstag

Am 20. Dezember 1971 gründeten Ärzte und Journalisten in Paris den Hilfsverein Médecins sans Frontières (MSF): Ärzte ohne Grenzen. Die "French Doctors" gelten als Pioniere im Bereich humanitäre Aktionen weltweit.

Die aktuelle Lage im Westen der Elfenbeinküste beleuchtet Médecins sans Frontières in einem kurzen Video von Anfang Dezember auf der Webseite der humanitären Hilfsorganisation. Gerade hat die Regierung befohlen, dass die 30 000 Menschen, die nach den Unruhen im vergangenen Frühjahr dorthin flüchteten, wieder heimgehen sollen.

Doch MSF hat beschlossen, ein stillgelegtes Krankenhaus an der Grenze zu Liberia neu zu eröffnen. Denn dort leiden viele an psychischen oder gar neurologischen Erkrankungen, sagt Jean-Pierre Kouadis. Der Psychologe arbeitet für MSF und listet auf: "Wir haben es mit teils schweren Depressionen zu tun, ebenso wie mit schweren Angststörungen." In einigen Fällen seien diese Angststörungen chronisch, sagt Kouadis. "Denn manche Patienten haben schon 2002 die erste Krise im Land miterlebt und das bis heute nicht verdaut. Und die neuen Unruhen von 2010, 2011 haben sie erneut völlig aus dem Gleichgewicht gebracht."

Vielfältige Hilfe

Der Mitbegründer der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Medecins sans Frontieres, kurz MFS), Dr. Bernard Koucher, spricht im Dezember 1981 in einem MSF-Krankhaus in N'Djamena im Tschad mit einer Patientin.

1981: Bernard Kouchner (li.), Mitbegründer der MSF und später Außenminister

Im vergangenen April holten Mitarbeiter von Médecins sans Frontières 99 Menschen in einer dramatischen Rettungsaktion aus Misrata heraus, der umkämpften Hochburg der libyschen Rebellen - ein spektakulärer Notfall-Einsatz.

Zur tagtäglichen Routine hingegen gehört beispielsweise die Versorgung von Aids-Kranken in Malawi. Fred gehörte zu den ersten Patienten, die ab August 2001 von der Aids-Therapie profitieren konnten: "Im Jahr 2000 war ich zu krank, um noch arbeiten zu können", berichtet der 53-Jährige. Aber seit er die Medikamente nehme, habe sich seine Gesundheit sehr verbessert, er konnte seine Arbeit erneut aufnehmen:  "Mein Leben ist wieder in normale Bahnen gekommen."

Die Anfänge: eine humanitäre Leiharbeitervermittlung

Marie-Eve Raguenaud von der internationalen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen lächelt, als sie am 10.12.1999 inOslo die Urkunde und die Medaille hochhält, die zu dem mit umgerechnet 1,8 Millionen Mark dotierten Friedensnobelpreis 1999 gehören, der Ärzte ohne Grenzen überreicht worden ist. Der Vorsitzende des Nobelkomitees, Francis Sejersted, erklärte bei der Zeremonie, die Organisation habe mit ihren unbürokratischen, flexiblen und Risiko bereiten Einsätzen neue Wege für die internationale Hilfsarbeit gezeigt. Die Ärzte ohne Grenzen wurden Anfang der siebziger Jahre in Frankreich gegründet und schicken jährlich über 2500 Ärzte, Krankenschwestern und andere professionelle Helfer in mehr als 80 Länder mit akutem Bedarf an Nothilfe.

Friedensnobelpreis 1999: Marie-Eve Raguenaud nimmt ihn entgegen

Bei der Gründung der Ärzte-Hilfsorganisation, 1971, waren solche dauerhaften Einsätze wie in Malawi kein Thema, Aids war damals noch unbekannt. Der Verein entstand als Antwort auf die humanitäre Notlage nach der Hungersnot in Biafra. Damals war das Schlagwort vom "humanitären Einsatz" noch ein Fremdwort. Dass es mittlerweile in Mode gekommen ist, ist auch Médecins sans Frontières zu verdanken.

Rony Brauman kam Mitte der siebziger Jahre, als frischgebackener Arzt, zum Verein. Von 1982 bis 1994 stand er MSF als Präsident vor – und prägte die Organisation dauerhaft. Schmunzelnd erinnert er sich daran, wie winzig der Verein 1976 noch war: "Er residierte in einem Raum von 40 Quadratmetern, die Sekretärin arbeitete nur halbtags." Damals vermittelte der Verein lediglich Ärzte und Krankenschwestern zum Einsatz an andere Hilfsorganisationen, für eigene Programme fehlten die Mittel, erzählt Brauman: "Anfangs waren wir eine Art Leiharbeiter-Einrichtung für humanitäre Aktionen." Seinen ersten Einsatz hatte er in Thailand, in einem Flüchtlingslager machte er Urlaubsvertretung für einen Missionars-Arzt. "Nach sechs Monaten gingen mir die Mittel aus und es waren die Flüchtlinge, die mir zu Essen gaben."

Die ganze Welt im Wartezimmer

Fatoumata Traoré ist eine von 66 von Ärzte ohne Grenzen ausgebildeten Malaria-Helfer im Dorf Deguela in der Region Kangaba im Süden Malis. Direkt im Dorf fährt sie schnelltests zur Diagnose durch. Ablo Kone wird positiv getestet. Er erhält eine wirksame Kombinationstherapie auf Basis von Artemisinin. Nach zwei Tagen ist er wieder gesund. Foto: Barbara Sigge/Ärzte ohne Grenzen

Hilfe für Malaria-Kranke in Mali

1977 organisiert der Verein die erste große Anzeigenkampagne: Hinter Gitterstäben schaut ein dunkelhäutiges Kleinkind den Betrachter mit ernstem Blick an. Darüber steht: "Ärzte ohne Grenzen: In ihrem Wartezimmer sitzen zwei Millionen Patienten." Nun beginnen die Spenden zu fließen, MSF verfügt endlich über eigene Mittel und kann eigene Programme starten. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen sind die French Doctors in Afghanistan tätig, beim Ausbruch der großen Hungersnot engagieren sie sich in Äthiopien – und werden dort rausgeworfen, weil MSF die Machenschaften der Regierung lautstark kritisiert.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat sich nicht nur die Nothilfe aufs Banner geschrieben: Sie will auch über die wahren politischen Verhältnisse an jedem Einsatzort aufklären. 1999 wird sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Auf ihre finanzielle Unabhängigkeit ist die Organisation Ärzte ohne Grenzen stolz: Das Budget im letzten Jahr belief sich auf 813 Millionen Euro – Spenden von insgesamt fünf Millionen Unterstützern.

Kompromisslose Hilfe

Ein Helfer von Ärzte ohne Grenzen versorgt einen Verletzten auf einer Trage während der Kämpfe in Misrata, Libyen.

April 2011: Einsatz in Misrata, Libyen

Heute ist Rony Braumans wichtiges Ziel, sich von keiner Partei vereinnahmen zu lassen: "Für eine humanitäre Einrichtung wie MSF ist es wichtig, den gleichen Abstand zu allen Kriegsteilnehmern zu wahren."  Seien es nun Soldaten der Blauhelm-Truppen, die westlicher Armeen oder andere, listet der Arzt auf. Abstand halten müsse seine Organisation auch zu all denen, die sich lautstark für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzten, für den Zugang zur medizinischen Versorgung für Frauen, den Kampf gegen Korruption, den Ausbau der sanitären Einrichtungen. Alles gutgemeinte Ziele, die jedem am Herzen liegen müssten. "Dennoch müssen wir von MSF die Energie aufbringen, zu sagen: Wir sind nicht da, um die afghanische Gesellschaft zu verändern", stellt Brauman energisch klar: "Sondern wir sind da, um all die medizinisch zu versorgen, die sonst keinerlei Mittel für einen Arztbesuch haben. Egal, ob es sich um einen armen Bauern handelt, um einen Taliban oder gar um einen amerikanischen oder deutschen Soldaten."

Zum 40. Geburtstag blickt Médecins sans Frontières in einem Buch zurück auf all die reichen Einsatzerfahrungen des Vereins. Und stellt darin zur Diskussion, auf welche Kompromisse eine humanitäre Organisation sich bei der Arbeit einlassen darf. Humanitäre Hilfe hat heute Hochkonjunktur. MSF ist längst nicht mehr der einzige Verein, der sich um die gesundheitliche Versorgung der Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen, Seuchen und ähnliches kümmert. Doch rund um den Globus eilt den Mitarbeitern von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ihr guter Ruf voraus: Dort, wo alle anderen schon abgezogen sind - oder gehen mussten -, sind die French Doctors noch im Einsatz.

Autorin: Suzanne Krause
Redaktion: Tamas Szabo