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Asien

"Internationale Firmen müssen handeln"

Der Einsturz eines mehrstöckigen Hauses in Bangladesch, in dem Textilunternehmen fertigen ließen, forderte Hunderte Todesopfer. Westliche Firmen müssen handeln, fordert Expertin Sabine Ferenschild im DW-Gespräch.

Dr. Sabine Ferenschild, Wissenschaftliche Mitarbeiterin /Researcher, SÜDWIND e.V. Institut für Ökonomie und Ökumene, Siegburg. (Foto: privat)

Sabine Ferenschild

Deutsche Welle: Bei dem jüngsten Hauseinsturz in der Nähe von Dhaka kamen mindestens 382 Menschen ums Leben. Derartige Unfälle passieren leider sehr oft in Bangladesch. Wo sehen Sie die Ursachen?

Sabine Ferenschild: Die Ursachen liegen darin, dass auf Kosten der Beschäftigten und damit auch auf Kosten des Arbeitsschutzes die Bekleidungsunternehmen und internationalen Händler enorme Gewinne erwirtschaften. Um diese Gewinne zu erwirtschaften, sparen sie an allen Ecken und Kanten. Zum einen sparen sie an den Löhnen der Beschäftigten, die immer noch Armutslöhne sind, und zum anderen an Investitionskosten, die die Sicherheit der Gebäude, aber auch den Brandschutz verbessern würden.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen?

In dem Gebäude, das jetzt einstürzte, war nicht nur eine Firma untergebracht, sondern mehre Firmen produzierten in mehreren Stockwerken, zum Teil in enormer Enge. Denn je nach Auftragslage werden die Gänge auch mit Rohstoffen vollgestellt, so dass die Beschäftigten ihre Nähmaschinen nicht verlassen können und die Fluchtwege nicht frei sind. Alles ist extrem eng. Die Fenster sind vergittert, um Diebstahl vorzubeugen. Das ist für die Beschäftigten in Notfällen eine Gefahrenstelle.

Die Konsumenten in Industrienationen wollen möglichst preiswerte Produkte. Sind sie mitverantwortlich für derartige Katastrophen?

Das stimmt aber nur zum Teil. Ich bin es ein wenig müde, dass diese ganzen Missstände auf die Konsumenten geschoben werden, die nach billigen Textilien gieren sollen. Das stimmt natürlich auch, aber eben nicht nur. Wir haben es mit einem System zu tun, in dem stark auf den Preis auf der Konsumentenseite geschaut wird. In der Folge müssen die Billiganbieter auch die Produktionskosten drücken. Aber zu diesem System gehören auch Firmen, die im hochpreisigen Segment produzieren, wo die Produktionsbedingungen auch nicht deutlich besser sind.

Was kann man jetzt konkret tun, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern?

Als schnelle Hilfe sollten alle Firmen, die in Bangladesch produzieren lassen, das Brandschutzabkommen unterzeichnen und umsetzen, das von lokalen Gewerkschaften und internationalen Kampagnen entwickelt wurde. Dieses Brandschutzabkommen würde zumindest diese drängenden Missstände der extrem vollgestellten Firmen und der unsicheren Fluchtwege beheben. Das würde auch Schulungen zu Brandschutzmaßnahmen beinhalten. Aber langfristig ist es auf jeden Fall notwendig, dass die Korruption der Textilunternehmen und der Regierung beseitigt wird. Die Unternehmen müssen für die Missstände, die in den Fabriken herrschen, zur Verantwortung gezogen werden.

Wie sind die Arbeiter gewerkschaftlich organisiert?

Es gibt durchaus freie Gewerkschaften in Bangladesch. Die Frage ist aber auch, wie können die Arbeiter das auch in betriebliche Macht umsetzen. Viele junge Menschen, vor allem Frauen, sind auf diese Arbeitsplätze angewiesen. Die hohe Nachfrage nach Arbeit in der Bekleidungsindustrie verleiht den Besitzern die Macht, Arbeit um jeden Preis anzubieten. Da wir einen Überschuss an Menschen haben, die Arbeit nachfragen, ist die Macht der Gewerkschaften sehr gering. Ich hoffe auch, dass jetzt durch die Aufmerksamkeit, die durch die häufigeren Katastrophen für die Bekleidungsindustrie entsteht, auch der internationale Druck auf Unternehmen erhöht wird. Die internationalen Auftraggeber müssen sich glaubwürdig für nachhaltig und sozial akzeptable Produktionsbedingungen einsetzen.

Dr. Sabine Ferenschild ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Researcher am Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind e. V. in Siegburg.

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