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Studium

International Media Studies: Publikation zum Arabischen Frühling

Die Fachbeiträge des Media Dialogue 2012 sind jetzt in einer Schriftenreihe veröffentlicht worden. Darunter ein Essay über Soziale Medien und die Arabellion von Eira Martens, ehemalige IMS-Studentin.

Jährlich lädt die DW Akademie führende internationale Wissenschaftlicher und Medienexperten zum interdisziplinären Austausch "Media Dialogue" nach Bonn ein. Im Mittelpunkt stand 2012 das Thema "Arabische Welt - Die Rolle der Medien in Zeiten des Umbruchs". In der Konferenzdokumentation, die jetzt erschienen ist, findet sich auch ein Essay von Eira Martens, die über die Rolle der Sozialen Medien während der politischen Umbrüche geforscht hat und genau wissen wollte: Handelte es sich wirklich um eine "Facebook-Revolution"? Sie meint: "Soziale Medien werden in ihrer Funktion schnell überschätzt."

Buchcover einer DW Akademie Publikation, The Arab World: The Role of media in the Arab World's Transformation Process (Copyright: DW Akademie).

Edition International Media Studies

Eira Martens, Sie sind der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Sozialen Medien auf die ägyptische Revolution ausgewirkt haben. Kann man sagen, das Twitter und Facebook zum Sturz von Mubarak beigetragen haben?
Ja, Twitter und Facebook haben eine wichtige Rolle im Prozess der Protestmobilisierung gespielt. Im ägyptischen Kontext hatte insbesondere Facebook eine Beschleunigungsfunktion. Das heißt allerdings nicht automatisch, dass es ohne diese Onlineplattformen nicht zur Revolution gekommen wäre. Die Social Media-Aktivisten, die ich befragt habe, waren größtenteils der Meinung, dass es sonst möglicherweise erst in einigen Jahren zum Sturz der Regierung gekommen wäre. Die virtuellen Netzwerke haben einer zunächst sehr kleinen Protestbewegung ermöglicht, in kürzester Zeit stark zu wachsen. Vor allem im Vorjahr der 18-tägigen Protestwelle im Januar und Februar 2011, haben die Nutzerzahlen stark zugenommen. Der Arab Social Media Report stellt diese zahlenmäßige Entwicklung sehr eindrücklich dar.

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Studie von der Vielzahl anderer Untersuchungen?
Es gibt sehr viele quantitative Untersuchungen zu Sozialen Medien im "arabischen Frühling".  Meine Studie ist in erster Linie qualitativer Art. In den letzten Jahren gab es einen großen Hype um Social Media und deren Rolle in politischen Transformationsprozessen. Cyberoptimisten und Social Media Skeptiker diskutieren seit Jahren leidenschaftlich über Twitter-Revolutionen und Facebook-Effekte, zum Teil höchst spekulativ. Dem wollte ich eine eigene empirische Studie entgegensetzen. Denn die Studien, die bereits existieren, deuteten darauf hin, dass es vor allem hinsichtlich der kollektiven Identitätsbildung und Organisationsfunktion Forschungsbedarf gibt. Ich wollte hier tiefer gehen und mit einer qualitativen Inhaltsanalyse von Experteninterviews herausfinden warum und wie die Menschen in einem Land wie Ägypten Social Media für Protestmobilisierung genutzt haben.

Kollektive Identität mit Hilfe der Sozialen Medien?
Ja, vor allem Fotos und Videos haben dazu beigetragen, dass eine kollektive Identität, genauer gesagt eine Form von Solidarität, in Ägypten entstehen konnte. Insbesondere Bilder brutaler Übergriffe der Polizei, die über Facebook und andere integrierte Tools wie YouTube und Flickr verbreitet wurden, hatten Auswirkungen auf die Bereitschaft der Menschen auf die Straße zu gehen und das Risiko, verletzt oder sogar getötet zu werden, auf sich zu nehmen. Neben der steigenden Wut wurde letztlich die Angstschwelle der Bevölkerung herabgesetzt. Insgesamt haben Soziale Medien dazu geführt, dass die Menschen sich als Teil einer größeren Protestbewegung fühlten, die dann als Kollektiv den Schritt von der Onlinesphäre in die Offline-Welt, nämlich auf die Straßen und öffentlichen Plätze des Landes wagten.

Und welche Rolle spielten die Soziale Medien hinsichtlich der Protest-Organisation?
In der Hochphase der öffentlichen Proteste im Januar und Februar in Ägypten spielten vor allem auch etablierte 'reale' Organisationen, wie u.a. die Muslimbruderschaft und die Ultras eine zentrale Rolle bei der Koordination der Massedemonstrationen. In dieser Hinsicht waren Soziale Medien sehr begrenzt. Einige Experten waren sogar der Überzeugung, dass Soziale Medien eher zu Chaos und Anarchie geführt haben. Die Aktivisten sehen das nicht unbedingt als etwas Negatives an. Grundsätzlich sollte man die spezifischen Funktionen von Facebook und anderen Plattformen genau unterscheiden. Leider werden hier oft pauschale, unwissenschaftliche Schlüsse gezogen. Begrifflichkeiten werden nicht genau definiert und abgegrenzt. Soziale Medien wurden und werden in ihrer Funktion dann schnell überschätzt.

Die Protestbewegung hat ja viele Plattformen benutzt, vor allem Twitter und Facebook. Gibt es einen Unterschied in der Nutzung der beiden Sozialen Netzwerke?
Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt: Die einzelnen Plattformen müssen in ihrer Rolle unterschieden werden. Allein schon die technischen Voraussetzungen bringen mit sich, dass die Portale für unterschiedliche Zwecke genutzt werden. Während Facebook für den Austausch von umfangreicheren audiovisuellen Inhalten, Gruppenbildung und Diskussionen genutzt wurde, diente Twitter im Falle Ägyptens vor allem logistischen Zwecken. Das bedeutet, es wurde beispielsweise Wissen darüber ausgetauscht, wie man sich bei Tränengasattacken behelfen kann. Darüber hinaus konnten hier Informationen in Echtzeit über aktuelle Geschehnisse in den Straßen verbreitet werden. Die Demonstranten konnten so schnell reagieren und z.B. den Angriffen oder Blockaden der Sicherheitskräfte gezielt ausweichen. Während Facebook von der breiten Bevölkerung genutzt wurde, wurde Twitter in erster Linie von besonders engagierten Aktivisten auch über Ländergrenzen hinweg genutzt.

Gab es denn Führungsfiguren innerhalb der Protestbewegung?
Interessanter Weise scheiden sich hier die Geister: Obwohl man meine Interviewpartner selbst als Führungsfiguren in der ägyptischen Protestbewegung betrachten könnte, sehen sich die meisten selbst nicht als zentrale Personen an, sondern sind eher bescheiden und nehmen sich zurück. Dieser Aspekt ist grundsätzlich sehr umstritten: Die einen sind der Überzeugung, die Protestbewegung habe zumindest im Internet keine Führungspersonen benötigt und gerade die egalitären Organisations- und Kommunikationsformen von Facebook-Gruppen seien ein entscheidendes Merkmal der Sozialen Medien. Der andere Teil dagegen glaubt, dass es sehr wohl sogenannte "leadership figures" gab. Allerdings seien diese nicht zuletzt von den Medien erschaffen und hochstilisiert worden. Genannt wurden v.a. bekannte Blogger, aber auch berühmte ägyptische Autoren wie Al-Aswani, der ja auch als Wortführer der Kefaya-Bewegung gilt.

Wie lässt sich die Beziehung zwischen den Sozialen Medien und den klassischen Medien in Ägypten beschreiben?
Im Fall Ägyptens gab es ein eindeutiges Wechselspiel zwischen neuen und traditionellen Medien. Die klassischen Medien im In- und Ausland konnten, statt auf selbst produzierte Inhalte, auf User-Generated-Content der Protestler zurückgreifen. Die Wirkung der Sozialen Medien war aber auch umgekehrt abhängig von Fernsehsendern und Tageszeitungen. Der Teil der Bevölkerung, der das Internet nicht oder weniger nutzte, informierte sich in erster Linie über das Privatfernsehen. In Ägypten gab es einen fünftägigen Internetblackout, der in zwei Richtungen interpretiert werden kann: Einerseits brach der Protest nicht ab. Die Bevölkerung ging trotzdem auf die Straße. Andererseits wird oft betont, dass es die Wut der Menschen über die Blockade der Sozialen Medien war, der sie in wachsender Anzahl auf die öffentlichen Plätze trieb.


Eira Martens hat Sozialökonomie, Kommunikationswissenschaften und Internationale Beziehungen an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg studiert. Seit 2007 hat sie für verschiedene NGOs und Medienorganisationen in Deutschland, Australien, Südostasien und Lateinamerika gearbeitet. Bevor sie zur DW Akademie kam, war sie als Juniorfachkraft für die GIZ in Nicaragua tätig. Eira Martens ist Absolventin des DW Akademie Masterprogramms "International Media Studies". Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin wird sie auch weiterhin zur Forschung auf dem Gebiet der Medien- und Entwicklungszusammenarbeit beitragen.
 

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