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Kultur

Interkulturelle Geständnisse

Über Sexualität redet öffentlich kaum jemand gerne. Erst recht nicht, wenn er oder sie diese gerade erst entdecken. Junge Erwachsene aus Europa und dem Nahen Osten haben es dennoch getan - und darüber einen Film gedreht.

Ein Mann drückt seinen Kopf an eine Schaufensterpuppe Foto: Goethe-Institut

Dreharbeiten zu dem Kurzfilm "Der Mann und die Puppe"

Draußen scheint die Berliner Frühlingssonne, Farah aus dem Libanon sitzt allerdings lieber in einem abgedunkelten Raum vor einem Laptop. Die ganze Nacht lang hat ihre Filmgruppe an einem Kurzfilm geschnitten, nun stellt die 23-Jährige die Tonmischung fertig.

Farah ist Teilnehmerin des interkulturellen Jugendaustausches "Confessions" und hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit Libanesen und Palästinensern den Film "Bicycle" gedreht. Ein Film über ein Mädchen, das davon träumt, wie ihr Bruder Fahrradfahren zu dürfen - doch die Familie erlaubt es nicht. "Es war wirklich eine tolle Erfahrung, all diese Leute mit all diesen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zu treffen", sagt Farah, Filmschaffende aus Beirut. "Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass Mädchen in manchen Ländern wie Palästina gar kein Fahrrad fahren dürfen."

Genau um diesen Erfahrungsaustausch geht es in dem Projekt "Confessions", organisiert unter anderem vom Goethe-Institut und dem Bildungsteam Berlin-Brandenburg. 22 junge Erwachsene aus Deutschland, England, Palästina und dem Libanon waren nach Berlin eingeladen, um über Geschlechterrollen nachzudenken, diese zu hinterfragen und sich so selbst besser kennen zu lernen.

Was Frauen (nicht) dürfen

"Die Deutschen haben am Anfang unseren Film gar nicht verstanden, weil es für sie total absurd ist, dass ein kleines Mädchen kein Fahrradfahren darf", sagt Alia, die gemeinsam mit Farah an dem Film "Bicycle" gearbeitet hat. "Die Europäer sind generell eher daran interessiert, Geschlechterrollen zu hinterfragen, während wir im Nahen Osten erst einmal anfangen, über Sexualität zu reden. Erst dann können wir überhaupt etwas hinterfragen."

Bevor es darum ging, eigene Filme zu drehen, stand eine manchmal nicht ganz einfache Workshoparbeit an. "Es gab schon so ein paar Irritationen zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern", erzählt Anke Heiser vom Bildungsteam Berlin-Brandenburg. "Zum Beispiel, wie man mit Körperlichkeit umgeht: Ob man sich immer gleich umarmt oder auch mal an die Wange fassen kann oder eher nicht."

Dieser Austausch über kulturelle Hintergründe hat auch Vik aus London zum Nachdenken gebracht. "Ich wusste gar nicht, dass Jugendliche im Nahen Osten keine sexuelle Aufklärung in der Schule haben. Sie müssen sich quasi alles selbst aneignen oder erfahren es von ihren Eltern."

Sexualität und der Wandel im Nahen Osten

Wirklich wohl fühlen sich die jungen Erwachsenen in Anwesenheit der Reporterin mit dem Mikrofon nicht, die sie nach ihren Geständnissen der vergangenen Workshop-Tage befragt. Schließlich handelt es sich hier ja auch um sehr private Themen. In den Kleingruppen sei jedoch überraschend offen diskutiert worden, sagt Workshopleiterin Handan Kaymak. Dabei gab es besonders bei den Themen Jungfräulichkeit und Homosexualität hitzige Diskussionen.

Besonders spannend sind diese Kontroversen hinsichtlich des enormen Wandels, der sich gerade im Nahen Osten vollziehe, sagt Fareed Majari, Leiter des Goethe-Instituts in Beirut. Er hat gemeinsam mit weiteren libanesischen Bildungspartnern und mit finanzieller Unterstützung aus dem EU-Programm "Jugend in Aktion" die Teilnahme aus dem Libanon und Palästina organisiert. "In den momentanen Wandlungsprozessen spielt die Jugend, die ja auch demografisch nicht zu übersehen ist, eine ganz entscheidende Rolle. Und daher ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis man hier auch auf das Thema der Sexualität zu sprechen kommt." Die Jugend im Nahen Osten stelle derzeit Autoritäten in Frage, "da liegt es nahe, dass man Sexualität mitdiskutiert, weil das ja ein Thema ist, das vor allem Jugendliche angeht."

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Sabine Oelze