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Deutschland

Integrationslotsen im Einsatz

In Deutschland Arbeit zu finden und das Leben zu meistern, ist für Zuwanderer oft schwer. Um die Orientierung zu erleichtern, gibt es in immer mehr Städten "Integrationslotsen". Sie helfen, wo Bürokratie versagt.

Malu kam vor 23 Jahren als dunkelhäutige Brasilianerin nach Deutschland. Nach vielen Aufenthalten in der Welt wollte die gelernte Reisekauffrau in Osnabrück ganz neu anfangen. Malu weiß daher aus eigener Erfahrung wie das Leben aussieht, wenn man niemanden kennt und die Umgebung völlig fremd ist. "Die Mentalität der Menschen damals war unmöglich." Aufgrund ihrer Hautfarbe sei sie immer kritisch betrachtet worden. Ganz nach dem Motto: Was will die hier? "Ich fand den Anfang schwierig und habe dann gesagt: O.K. ich werde mich engagieren, die werden mich kennen lernen."

Malu lernte Deutsch. Sie suchte den Kontakt zum örtlichen Kulturverein und ließ sich schließlich zur "Integrationslotsin" ausbilden. Sie wollte etwas Sinnvolles machen und die Stadt wollte, dass Menschen mit Migrationshintergrund Zuwanderer beraten. Malu war die ideale Kandidatin. Sie konnte etliche Fremdsprachen fließend. Heute leitet sie in Osnabrück das Mütterzentrum und betreut Zuwanderer und ihre Kinder.

Integrationsberaterin Malu berät Familie Fernandes. Foto: Wolfgang Dick, DW

Integrationsberaterin Malu berät Familie Fernandes

Ihr jüngster Fall ist Pedro Fernandes. Der Fliesenleger kam Ende 2011 mit seiner Familie aus Portugal, um in Deutschland Arbeit zu finden. Weil Malu als Brasilianerin perfekt Portugiesisch spricht, ist sie für Pedro und seine Frau zu einem wichtigen Anker geworden. "Die meiste Angst hatte ich vor der deutschen Sprache", sagt Pedro. Seine Frau Isabel ergänzt, dass das größte Problem für sie die Einsamkeit gewesen sei. Malu erinnert sich: "Sie kam mit ihren zwei Kindern und weinte." Sie habe erzählt, dass sie keine Freunde hätte, kein Deutsch könne und immer alleine sei, während ihr Mann arbeite.

Integrationslotsen bieten menschliche Wärme

Weil Pedro tatsächlich trotz seiner erst geringen Deutschkenntnisse sehr schnell Arbeit bei einer deutschen Firma gefunden hatte, musste etwas passieren. Malu kümmerte sich also um einen Sprachkurs für Isabel und nahm für diese Zeit die Kinder bei sich auf. Außerdem spendete sie in verzweifelten Momenten Trost und unterstützte die Familie bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Mit Erfolg. Auch gegenüber vielen Behörden konnte Malu die junge Familie Fernandes gut vertreten und vieles erreichen. Einmal fehlten Pedros Ausbildungspapiere aus Portugal. Als sie da waren, wurden sie zunächst nicht anerkannt. Malu half. Manchmal denkt sie, dass ihre Arbeit für Zuwanderer auch deshalb so erfolgreich ist, weil sie - inzwischen mit einem Deutschen verheiratet - einen typisch deutschen Namen trägt: Piepenbrink. Malu Piepenbrink.

Wolfhard Schmidt beherbergt in seinem Haus Zuwanderer Manel Foto: Wolfgang Dick, DW

Wolfhard Schmidt beherbergt in seinem Haus Zuwanderer Manel

Integrationslotsen gibt es auch in Lingen im Emsland. Wolfhard Schmidt ist dort für den 23-jährigen Manel Vidal inzwischen eine Art zweiter Vater. Mit seiner Frau bietet er dem jungen Spanier eine Unterkunft im eigenen Heim an, damit dieser ohne Finanzsorgen seine Ausbildung zum Industriekaufmann beenden kann. "Meine Frau und ich haben im Ausland so viele nette Erfahrungen gemacht, da wollten wir etwas zurückgeben", beschreibt der 76-Jährige die Motivation. Das friedliche Europa sei nach zwei Kriegen ein Geschenk, eine Gnade, für die man dankbar sein und helfen müsse.

Integrationslotsen machen Mut

Der Kontakt zwischen Wolfhard Schmidt und Manel Vidal kam über die örtliche Deutsch-Hispanische Gesellschaft und die für Zuwanderer sehr engagierte Stadt Lingen zustande. Lingens Partnerstadt in Spanien ist Salt. Dorthin hat Schmidt viele persönliche Kontakte und half dem arbeitslosen und ausreisewilligen Manel bereits bei den Bewerbungen in Deutschland. Nach nur 20 Schreiben erhielt Manel ein Ausbildungs-Angebot von einer Firma für Straßenbau. "Dass er den Sprung ganz alleine nach Deutschland gemacht hat, war für uns das Ausschlaggebende, zu sagen: Das machen wir", sagt Manels direkter Chef, Franz Ahaus. Er ist sehr zufrieden, wie sich Manel in seiner Ausbildung bewährt.

Zuwanderer Manel Vidal (links) mit seinem Chef, Frank Ahaus. Foto: Wolfgang Dick, DW

Zuwanderer Manel Vidal (links) und Ausbilder Frank Ahaus.

Dass Manel inzwischen sehr gut Deutsch spricht, verdankt er auch seinem Lotsen Wolfhard Schmidt. "Ich bin mit ihm durch die Gegend gefahren und habe ihm immer die Begriffe zu den Dingen genannt." Später habe man gemeinsam erste Sätze gebildet. Wichtig sei die persönliche Betreuung eines Zuwanderers vor allem, damit schnell soziale Kontakte zustande kommen. Zum Beispiel zu Sportvereinen. So schwärmt Manel Vidal vom Lingener Fußballclub, in dem er mitspielt. "Wir sind in dieser Saison sogar aufgestiegen." Manel weiß, dass er viel Glück mit seiner Integration hat: "Viele meiner Bekannten, die in Deutschland, Frankreich oder England sind, fliegen nach zwei Wochen zurück." Das Modell der Integrationslotsen findet er deshalb sehr hilfreich.

Immer mehr Städte wollen Integrationslotsen

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund beobachtet bundesweit, dass viele Städte neue Wege bei der Hilfe für Zuwanderer gehen. Menschen aus dem Ausland sollen es einfach haben, einen guten Job in Deutschland zu finden und im Alltag klarzukommen. Persönliche Integrationslotsen und keine anonymen Behörden sollen helfen. Lange hielt man das für nicht bezahlbar. Aber es zeigt sich, dass es dennoch funktionieren kann. Mit freiwilligen, ehrenamtlichen Kräften. Bisher fanden sie sich in ausreichender Anzahl. So wie Sigrid Höchststötter, die für die Stadt Ravensburg als Integrationslotsin arbeitet.

Sigrid Höchstötter, Integrationsberaterin in Ravensburg

Sigrid Höchstötter, Integrationsberaterin in Ravensburg

Sie kümmert sich zum Beispiel um eine Frau aus Spanien, die noch im Alter von 56 eine Beschäftigung in Deutschland suchte. Höchststötter übernahm viele Organisationsaufgaben, lernte mit der Frau Deutsch und half, eine Stelle bei einem Pflegedienst zu erhalten. Trotz der aufreibenden Arbeit empfindet die Pensionärin ihre Tätigkeit als persönliche Bereicherung. "Ich habe ganz interessante Menschen kennen gelernt und ich habe Freunde gewonnen."

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