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Kultur

Integrationsfernsehen per Satellit

Integration wird in deutschen Medien diskutiert. Doch viele Deutsch-Türken erreichen diese Programme nicht, da die meisten türkischsprachige Sender per Satellit empfangen. Das will der Fernsehsender Düzgün TV nun ändern.

Sendemast des privaten Fernsehsenders Düzgün TV

Ein ehemaliger Förderturm in Lünen dient als Sendemast von Düzgün TV

Im März erhielt die GmbH Düzgün TV im nordrhein-westfälischen Lünen die Sendelizenz von der Landesmedienanstalt in Düsseldorf. Seither sendet sie über den Satelliten "Türksat", der die meisten türkischsprachigen Kanäle einspeist und in Europa verbreitet. Damit ist der Fernsehsender einer von vielen, doch trotzdem will sich Düzgün TV von ihnen unterscheiden, denn es geht vor allem um die Integration der türkischen Zuwanderer in Deutschland.

Diskussionsbedarf in Integrationsfragen

"Wir reden hier in Deutschland von einer Parallelgesellschaft, und da gibt es noch viel Diskussionsbedarf", meint der Juniorchef des Unternehmens, Cagdas Düzgün. "Die meisten Türken, die in Deutschland leben, lesen nicht einmal die Lokalzeitung, sie empfangen die türkischsprachigen Programme aus der Türkei. Dabei geht es doch hier um sie", erklärt der 24-Jährige. So versteht sich der Sender denn auch als "erster Integrationskanal" in Deutschland, der für eine deutsch-türkische Zielgruppe sendet - mit einer Mischung aus Informationen und Nachrichten, Sprachprogrammen, Musik und Diskussionen.

Mitarbeiter von Düzgün TV

Techniker und Redakteure von Düzgün TV im Fernseh-Regieraum

In der Sendung "Kulturmix" beispielsweise senden die Reporter von Düzgün TV Umfragen über Zuwanderungspolitik oder umstrittene Fragebögen zur Einwanderung, welche anschließend im Studio mit deutschen und türkischen Experten diskutiert werden. Eine andere Sendung stellt deutsch-türkische Verbände oder Organisationen vor, eine weitere richtet sich ausschließlich an Frauen. Ratgebermagazine bieten Informationen zu Versicherungsfragen an oder zum praktischen Umgang mit behördlichen Anträgen, die von vielen wegen der sprachlichen Barrieren oftmals nicht verstanden werden. "Da gibt es noch soviel Potential, das wir redaktionell bearbeiten wollen. Das, was wir bereits senden, ist immer noch viel zu wenig", räumt Düzgün ein.

Demokratisches Sendebewusstsein

Der TV-Kanal spricht über Inhalte, die in der Türkei teilweise heute noch undenkbar sind. So diskutiert Düzgün TV nicht nur über Integrationsprobleme in Deutschland, sondern auch über Minderheiten und Menschenrechte, über den Kurdenkonflikt und nicht zuletzt über das Alevitentum. Die Aleviten zählen in der Türkei zwar zur islamischen Glaubensrichtung. Doch sie verstehen sich eher als eine Werte- statt Religionsgemeinschaft. Das Alevitentum gilt als besonders liberal, weltoffen, humanistisch und nicht der wortwörtlichen Koranauslegung verhaftet, weshalb sie in der Vergangenheit vor allem von Seiten der mehrheitlich in der Türkei lebenden Sunniten Anfeindungen ausgesetzt waren.

Eine Million Aleviten leben heute in Deutschland, in der Türkei sind es fast 20 Millionen. Für Düzgün TV, der zugleich auch europaweit für eine alevitische Minderheit sendet, ist das Programm daher auch eine Bewährungsprobe für die Meinungsfreiheit. Düzgün formuliert es diplomatisch: "Wir wollen die Türkei darin unterstützen, ein demokratisches System nach unserem Bewusstsein aufzubauen."

Obwohl Düzgün TV mittlerweile auch Büros in Ankara und Istanbul hat, finden die meisten Aufzeichnungen nach wie vor in einem Industriegebiet in der Nähe Dortmunds statt - in nur einem großen Studio. Dort stehen in einer Ecke Kameras, in der anderen gegenüber lassen sich die jeweiligen Kulissen für die Musikveranstaltungen hinunterrollen. Die Redaktion ist ein "Multi-Kulti"-Team aus 24 angestellten Kameraleuten, Cuttern, Tontechnikern und Journalisten unterschiedlicher Herkunft.

Identitätsfindung und Dialogbereitschaft

Der Anspruch an das eigene Programm ist hoch. Bisher sendet Düzgün TV sechs Stunden täglich, doch will man es bis zu einem 24-Stunden-Vollprogramm schaffen. Düzgün ist optimistisch: "Wir stemmen ein Programm, für das andere Sender das Dreifache an Mitarbeiter zur Verfügung haben und wir schaffen das trotzdem." Gesendet wird für alle, egal welcher Minderheit oder welcher Religion sie angehören. "Unser Ziel ist es, auch den interreligiösen Dialog zu fördern, und das ist nicht nur der Islam, das sind nicht nur Sunniten oder Aleviten, dazu gehören auch Christen oder Buddhisten", bekräftigt Meltem Soeylemez, Assistentin der Geschäftsführung und selbst Programmmacherin.

Noch gibt es keine statistischen Erhebungen über Zuschauerquoten, dazu ist es noch zu früh. Doch die dürften dann auch potentielle Werbekunden interessieren, die bislang eine wichtige Einnahmequelle für den privaten Sender sind. "Den deutschen Unternehmen ist es bisher noch fremd, Werbung im türkischen Fernsehen zu platzieren", so Düzgün.

Die Ambitionen sind groß bei Düzgün TV und an gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen mangelt es derzeit nicht in Deutschland. Doch es bleibt abzuwarten, ob es Düzgün TV gelingen wird, sein Publikum sowohl in Europa, als auch in der Türkei dauerhaft zu erreichen.

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