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Kultur

Integration oder Untergang

Die Anzahl der Menschen auf unserem Globus nimmt noch immer zu. Andererseits drohen ganze Volksgruppen zu verschwinden. Die UN beging am 9. August 2002 den Tag der Indigenen Völker. Heinrich Bergstresser kommentiert.

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Sie können für sich den Anspruch erheben, seit Menschengedenken, seit Urzeiten in einem bestimmten Gebiet zu leben, geistig-emotional, kulturell und ökonomisch verwachsen mit der Erde, die für die meisten indigenen Völker weit mehr bedeutet, als Grund und Boden. Aber dieser Anspruch garantiert in einer modernen, von Tauschbeziehungen dominierten Welt, fast nichts, nicht einmal in der heimischen Erde begraben zu werden.

Bedrohte Völker

Land als mögliches Tauschobjekt ist vielen indigenen Völkern bis heute genauso fremd, wie Massenproduktion oder High-Tech. Und da gibt es zwischen den Buschmännern - den San im südlichen Afrika - und dem Bergvolk Karen - im Norden Thailands - keine Unterschiede. Doch damit enden keineswegs die Gemeinsamkeiten, sondern setzen sich auf schon tragische Weise fort. Denn beide Völker sind ernsthaft gefährdet und gehören im wahrsten Sinne des Wortes zu den "Bedrohten Völkern".

In beiden Fällen wird ihnen der Lebensraum, die Luft zum Atmen genommen. In Thailand ist es die Holzindustrie, im südlichen Afrika sind es die Diamanten. Aber beide Beispiele repräsentieren einen Trend, der weltweit an Geschwindigkeit und Aggressivität zuzunehmen scheint. Denn auf der unersättlichen Suche nach kommerziell verwertbaren natürlichen Ressourcen, stehen diese "rückständigen" Ureinwohner eigentlich nur im Wege und stören.

Modernisierung und Zerstörung

Das beherzte Engagement von Menschenrechtsgruppen und der UN für die bislang zumeist missachteten Belange und Rechte der indigenen Völker hat in den vergangenen Jahren immerhin ein wenig Aufmerksamkeit erzeugt. Und nicht von ungefähr begehen die UN den "Tag der Indigenen Völker", um der internationalen Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass auch diese Minderheit ein Recht auf Beistand hat. Damit sie als Menschen, aber auch als Kulturträger überleben und nicht als exotisches Relikt in eigens eingerichteten Reservaten dahinvegetieren und später dann in den Vitrinen der Völkerkundemuseen enden, beäugt von einer staunenden Nachwelt.

Modernisierung und Fortschritt haben auch immer mit Zerstörung zu tun. Zweifellos eine manchmal bittere Erkenntnis. Es ist daher naiv und letztlich sogar diskriminierend zu glauben, die seit Hunderten oder Tausenden von Jahren fast unverändert praktizierten Lebensformen dieser Menschen erhalten zu wollen und zu können. Vielmehr muss jede Unterstützung darauf abzielen, den indigenen Völkern die reale Bedrohung durch die modernen Zivilisationen zu vermitteln, auch wenn es schmerzt. Dies mag paradox, harsch, vielleicht auch brutal klingen, ist aber der einzige Weg, einen Teil der Identität, das kulturelle Erbe und schließlich das Überleben zu sichern.

Anwälte ersetzen Pfeil und Bogen

Denn nur das Wissen um die Mechanismen der modernen Welt ebnet den Weg. Die Schoschonen in den USA leben dies vor. Sie greifen ihre "Feinde" nicht mehr mit Pfeil und Bogen oder alten Vorderlader-Gewehren an, sondern mit guten Anwälten und Verfassungsrechtlern, um ihre berechtigten Ansprüche auf das gestohlene Land oder zumindest eine angemessene Entschädigung für die unrechtmäßige Enteignung und menschenunwürdige Behandlung durch die Siedler einzuklagen.

Die indigenen Völker haben die Moral auf ihrer Seite und genießen die Unterstützung vieler zivilgesellschaftlicher Gruppen. Das allein reicht aber nicht aus, um menschenwürdig zu überleben. Die abschreckenden Beispiele der Indianerreservate in den USA sprechen für sich. So bleibt den indigenen Völkern keine andere Wahl - und das gilt natürlich auch für die San und die Karen - als sich in die moderne Welt zu integrieren oder unterzugehen. Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass die Zahl der indigenen Völker auf jeden Fall sinkt, fragt sich nur, unter welchen Bedingungen.