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Asien

Inszenierungen der Angst

Eine Berliner Ausstellung zeigt Fotografien der chinesischen Künstlerin Liu Xia. In ihren Puppenarrangements spiegelt sich die ständige Bedrohung, unter der sie als Frau des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo lebt.

Eine Puppe hat sich an einem Balken erhängt. Eine andere sitzt schreiend zwischen offziellen Dokumenten. Gestalten in langen Gewändern ohne Gesicht stehen drohend in einer Reihe. Angst und Einsamkeit beherrschen die düsteren Szenen, die Liu Xia mit Spielpuppen vor ihrer Kamera inszeniert. Es sind grausame Szenen, die nur durch das Verspielte der Puppen gebrochen wird. Es sind Szenen, die entstanden sind aus der Absurdität ihres Lebens als Ehefrau eines Mannes, den der chinesische Staat unerbittlich verfolgt. Die Fotografin, Malerin und Lyrikerin Liu Xia ist mit dem chinesischen Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo verheiratet. Ihr Mann sitzt seit 2008 im Gefängnis. Wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" wurde Liu Xiaobo zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Seit 2010 steht sie selber unter Hausarrest.

Ausstellung Liu Xia – Ugly Babies (Bild: Liu Xia)

Aus der Serie "Ugly Babies"

"Ich wusste, dass etwas Schlimmes passieren wird"

Sommer 2010. Wenige Monate vor ihrem Verschwinden aus der Öffentlichkeit sitzt Liu Xia in der Lobby eines Pekinger Hotels. Der kahlrasierte Kopf und das kragenlose Baumwollhemd erinnern an das Aussehen einer Nonne. Sie wirkt angespannt, trinkt doppelten Espresso und raucht viel, mustert routinemäßig die Besucher in der Lobby – sie steht schon damals seit Jahren unter Bewachung. Seit mehr als einem Jahr sitzt Liu Xiaobo damals wieder im Gefängnis, weil er gemeinsam mit anderen Intellektuellen in der sogenannten "Charta 08" die Demokratisierung des Landes gefordert hat.

Ausstellung Liu Xia – Selbstporträt der Künstlerin (Bild: Liu Xia)

Selbstporträt der Künstlerin

"Als ich das Dokument gesehen habe, wusste ich, dass etwas Schlimmes passieren wird", sagt sie. Obwohl sie sich selbst als unpolitisch bezeichnet, unterstützt sie ihn. Doch sie leidet sehr. Schlechter als Liu Xiaobo erträgt sie den Druck. Immer stärker isoliert sich die Künstlerin von der Öffentlichkeit. Sie kommuniziert nur noch mit ihren engsten Freunden, fotografiert, malt, veschlingt Bücher. "Ich flüchtete mich in die Leben der Menschen in den Büchern. Ich lebte das Leben anderer", sagt sie über diese Zeit. Liu Xiaobo sagt 2009 vor Gericht, er fühle sich nur einer Person gegenüber schuldig: seiner Frau.

In einem Jahr mehr gesprochen als in zehn Jahren

Während sie erzählt, versagt ihre Stimme kurzzeitig. Sie kramt ein Taschentuch hervor und trocknet sich die Augen. Dann richtet sie sich auf und entschuldigt sich. Sie weine nur selten, sagt sie. Liu Xia und Liu Xiaobo kennen sich seit Beginn der achtziger Jahren, als sie in Pekinger Avantgarde-Kreisen verkehren. Später werden sie ein Paar. Als im Frühling 1989 Studentendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Land erschüttern, wird der Literaturdozent Liu Xiaobo eine der Führungsfiguren des Aufstands.

Ausstellung Liu Xia – Liu Xiaobo mit Puppe (bild: Liu Xia)

Liu Xiaobo, der spätere Friedensnobelpreisträger

Nach der Niederschlagung der Proteste 1989 wird er verhaftet, verurteilt und eingesperrt. Liu Xia ist in den neunziger Jahren zum ersten Mal in der Rolle derjenigen, die die Verbindung zwischen dem Intellektuellen und der Öffentlichkeit halten muss. Sie besucht ihn, gleichzeitig informierte sie seine Freunde und Unterstützer über seinen Zustand. Sie wird diese Rolle mehrmals übernehmen müssen, obwohl der psychische Stress sie immer mehr von den Menschen wegtreibt. Als er 2008 erneut verhaftet wird, muss sie erst lernen, ein Mobiltelefon zu benutzen. Sie richtet einen Twitter-Account ein, hält Kontakt zu Chinas kritischer Netzgemeinde. "Jetzt musst du ein Leben in der Imagination führen und ich muss in der Wirklichkeit leben", sagt sie zu ihm, als er im Gefängnis sitzt.

Sie habe in dem Jahr nach seiner Verhaftung mehr gesprochen als in den zehn Jahren zuvor, erzählt sie im Sommer 2010. Die Aufgabe strengt sie an, trotzdem wolle sie so viel Zeit wie möglich an ihren Bildern weiterarbeiten. Die Kunst ist ihr Mittel der Selbstbehauptung. "Wenn Xiaobo rauskommt, soll er sehen, dass ich mehr getan habe, als über ihn zu sprechen. Die Arbeit hilft mir, eine gewisse Normalität zu wahren".

Ausstellung Liu Xia – Video der Künstlerin (Bild: DW)

Videointerview mit Liu Xia in der Ausstellung

Es geht ihr gesundheitlich schlecht

Wenige Monate später nimmt man ihr den letzten Rest Normalität. Als das Nobelpreiskomitee im Oktober 2010 verkündet, dass Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis erhält, darf sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Ihr Telefon- und Internetzugang wird abgeschaltet. Ihre Wohnung wird zum Gefängnis. Nur ganz selten dringen Nachrichten aus der Wohnung nach draußen. Einmal können Freunde die Aufpasser austricksen und für ein paar Minuten in ihre Wohnung kommen. Sie berichten, dass es ihr sehr schlecht gehe. Einmal gelingt es ihr, eine Nachricht nach draußen zu schmuggeln, in der sie über Herzprobleme klagt und darüber, dass die Behörden ihr eine angemessene Behandlung verwehren.

Ausstellung Liu Xia – Ugly Babies (Bild: Liu Xia)

Aus der Serie "Ugly Babies" 1996-1999

Die Bilder, die jetzt in Berlin zu sehen sind, stammen aus den neunziger Jahren. Auch damals bestand ihre Normalität über viele Jahre hinweg aus gelegentlichen Gefängnisbesuchen. Zu sehen sind in einem Raum ausschließlich Fotoarbeiten der vielseitigen Künstlerin, sowie einige Gedichte. Es habe keine Möglichkeit gegeben, ihre Malerei aus China herauszubekommen, sagt Gereon Sievernich, Leiter vom Martin-Gropius-Bau. Mehr möchte er über das Zustandekommen der Ausstellung nicht verraten. Nur so viel, dass man "indirekt" mit ihr in Kontakt gestanden habe. Seit kurzem darf Liu Xia selbst von Zeit zu Zeit mit Freunden essen gehen - unter Polizeiaufsicht versteht sich. Das chinesische Frühlingsfest, das wichtigste Fest in China, verbrachte sie diese Woche bei ihren Eltern.