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Politik

Inszenierter Wahlkampf

Von wegen lahmer Wahlkampf! Je näher der entscheidende Tag rückt, desto mehr Tempo kommt in die Sache. Als Beschleuniger wirkt dabei das Fernsehen.

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Das zum Duell hochstilisierte Treffen zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Frank-Walter Steinmeier haben gleich vier TV-Sender live übertragen. Dem Politiker-Duo stand ein Moderatoren-Quartett gegenüber, das ein paar Tage vorher zu einer Pressekonferenz geladen hatte, um dem Ereignis und sich selber die entsprechende Bedeutung zu verleihen.

Allein das Zahlenverhältnis zwischen Politikern und Journalisten sagt einiges darüber aus, wie in Deutschland Wahlkampf inszeniert wird. Denn mehr Politiker und weniger Fragesteller hätten dem geneigten Publikum womöglich ein paar politische Erkenntnisse gebracht. So aber dominierte die Nabelschau eitler Meinungsmacher. Das beginnt heutzutage damit, dass lange vorher ausführlich darüber spekuliert wird, ob es überhaupt zu einem Duell kommen wird.

"Regierung führt Selbstgespräch"

Als feststeht, dass es eines gibt, laufen die PR-Maschinen der Fernsehanstalten und der Parteien endgültig auf Höchsttouren. Nach vollbrachter Tat mokiert sich die Medien-Meute, die Duellanten hätten viel zu sehr "gekuschelt", anstatt aufeinander loszugehen. Hätten die Strippenzieher doch bloß auf Guido Westerwelle gehört! "Die Regierung führt ein Selbstgespräch", hatte der Freidemokrat vor dem erwartbaren butterweichen TV-Dialog zwischen der Kanzlerin und ihrem Außenminister gelästert.

Westerwelles Vorhersage war richtig, aber natürlich auch dem Ärger darüber geschuldet, selber nicht eingeladen worden zu sein. Zum Trost durfte sich Westerwelle dann mit den anderen Oppositionsführern Jürgen Trittin (Grüne) und Oskar Lafontaine (Linke) via Bildschirm ans Wahlvolk wenden. Das wollten dann aber nur noch 4,2 Millionen Zuschauer sehen. Merkel und Steinmeier hatten zehn Millionen Schaulustige mehr und die meisten von ihnen offenkundig ermüdet.

Solo-Auftritt vor der Hauptstadt-Presse

Gar keine Zuschauer hatte dann die dritte TV-Runde, an der alle im Bundestag vertretenen Fraktionen teilnehmen sollten. Das vermeintliche Spektakel wurde aber kurzfristig vom einladenden Zweiten Deutschen Fernsehen abgesagt. Was absehbar war, denn die Kanzlerin hatte schon lange vorher wissen lassen, dass sie lediglich einen Vertreter schicken würde. Höchstpersönlich tauchte Angela Merkel dann allerdings ebenso kurzfristig in der Bundespressekonferenz auf, wo sie sich der alleinigen Aufmerksamkeit von Parlamentsjournalisten aus dem In- und Ausland sicher sein durfte.

Offiziell wollte sie über das anstehende Treffen der 20 einflussreichsten Wirtschafts- und Schwellenländer in Pittsburgh informieren und über andere aktuelle Fragen. Erwartungsgemäß sprangen hunderte Medienleute über das Stöckchen, das ihnen die deutsche Regierungschefin hinhielt. Und weil auch der aufmerksame Guido Westerwelle den tieferen Sinn der Veranstaltung sofort erkannte, verschickte seine Pressestelle noch während Merkels One-Woman-Show eine "Eilterminankündigung". Sinn dieser Übung laut Einladung: "Westerwelle-Statement zu aktuellen politischen Themen".

Lesen Sie die Wahl-Programme!

Wenn Sie jetzt noch wissen wollen, was die Damen und Herren Politiker jeglicher Couleur wenige Tage vor der Bundestagswahl zu sagen hatten, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre der Partei-Wahlprogramme. Darin finden Sie vielleicht sogar Antworten auf Fragen, die in den zahlreichen TV-Events und überraschenden Presse-Konferenzen unbeantwortet blieben – und das waren sehr viele...