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Wirtschaft

Institut: Löhne in Deutschland zu niedrig

Obwohl die Produktivität in Deutschland hoch ist, liegen die Arbeitskosten nur im europäischen Mittelfeld. Das hat die umstrittenen Exportüberschüsse begünstigt, so ein gewerkschaftsnahes Forschungsinstitut.

Die Arbeitskosten, die Unternehmen in Deutschland zahlen, haben in den vergangenen Jahren zwar angezogen - seit der Jahrtausendwende lag ihre jährliche Wachstumsrate aber deutlich unter dem Durchschnitt der Eurozone und der EU. Deutschland weist hier seit dem Jahr 2000 den drittniedrigsten Zuwachs nach den Krisenländern Griechenland und Portugal auf, so die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Die Effekte einer langen Schwächephase seien "nur zum kleinen Teil ausgeglichen".

Mit Arbeitskosten von durchschnittlich 33,60 Euro pro Stunde liegt Deutschland aktuell im europäischen Mittelfeld. Höher seien die Arbeitskosten mit bis zu 43,80 Euro nur in Dänemark, Schweden, Finnland, Belgien, Luxemburg und Frankreich, teilte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am Montag in Berlin mit.

IMK-Direktor Horn betonte, der richtige Untersuchungszeitraum sei wichtig für ein aussagefähiges Ergebnis. Die Forscher hätten als Ausgangspunkt die Jahrtausendwende gewählt, weil zu diesem Zeitpunkt die Leistungsbilanz der Euro-Länder am ausgeglichensten gewesen sei.

"Wachstum dank höherer Löhne"

Mit einem Zuwachs um nominal 2,5 Prozent habe der Anstieg der deutschen Arbeitskosten im vergangenen Jahr jedoch klar über dem EU-Durchschnitt von 1,6 Prozent gelegen. Im Euroraum habe der Zuwachs sogar nur bei 1,3 Prozent gelegen. Damit habe Deutschland die Niederlande mit Arbeitskosten von 33,40 Euro pro Stunde überholt und sei auf den siebten Platz vorgerückt.

Deutschland liege mit Arbeitskosten von 33,60 Euro über dem Durchschnitt des Euroraums von 29,80 Euro. Deutlich niedriger sind die Arbeitskosten etwa in Spanien (21,10 Euro). In Polen, den baltischen Staaten, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Kroatien liegen die Werte pro Stunde zwischen 11,30 Euro und 7,50 Euro.

Seit dem Jahr 2000 seien die Arbeitskosten in Deutschland mit einem Plus von durchschnittlich 2,0 Prozent im Jahr weniger stark gestiegen als in der EU insgesamt mit einem Plus von 2,7 Prozent. "Die deutsche Wirtschaft wächst solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen", sagte IMK-Direktor Gustav Horn. Privater und öffentlicher Konsum seien als Säulen der Wirtschaftsentwicklung notwendig.

Weiter niedrige Lohnstückkosten

Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Lohn auch die Arbeitgeberbeiträge für die Sozialversicherungen und Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies auf wirtschaftliche Probleme in Deutschland aufgrund zu hoher Arbeitskosten in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre hin. Erst seit den 2000er Jahren habe sich wieder ein "vernünftiges Verhältnis" entwickelt. Gesamtmetall bezifferte die Arbeitskosten in der Metall- und Elektroindustrie für das Jahr 2015 auf 42,80 Euro pro Stunde. Damit liege Deutschland im internationalen Vergleich auf dem vierten Rang.

Die Arbeitskosten gelten als wichtiger Indikator, da sie die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf internationaler Bühne beeinflussen. Aussagekräftiger sind die Lohnstückkosten, die berücksichtigen, wie viel in einer Stunde produziert wird. Diese seien, so das IMK, in Deutschland trotz einer etwas stärkeren Steigerung in den vergangenen Jahren "seit Beginn der Währungsunion deutlich schwächer gestiegen als in allen anderen Mitgliedsstaaten des Euro-Raums mit Ausnahme von Irland".

Ruf nach höheren Ausgaben

"Die deutsche Wirtschaft ist international enorm wettbewerbsfähig, die Unternehmen verdienen sehr gut", sagte IMK-Direktor Horn. Die deutsche Industrie, deren Arbeitskosten mit 39,00 Euro pro Stunde im Europa-Vergleich auf Platz Vier liegen, profitiert laut IMK von deutlich geringeren Kosten im privaten Dienstleistungssektor (30,60 Euro). In keinem anderen EU-Land sei der Abstand größer. Die Industrie werde durch Vorleistungen entlastet, die sie im Dienstleistungssektor nachfrage.

Der mittlerweile sehr hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss lasse sich nur "nennenswert" reduzieren, wenn zu einer soliden Lohnentwicklung vor allem auch eine "deutlich expansivere Finanzpolitik" komme, durch die auch mehr aus dem Ausland importiert werde. Hier sei ausreichender Spielraum vorhanden, erklärte Horn mit Blick auf die hohen Steuereinnahmen des Staates.

dk/bea (dpa/rtr/afp)