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Sprachbar

Inpro-Cocktails

Irgendwo, irgendwie, irgendwann: Die deutsche Sängerin Nena hat ihm ein Denkmal gesetzt – dem Wort "irgend". Dieses indefinite Pronomen fühlt sich allerdings nur in Gesellschaft so richtig wohl.

Den meisten Menschen fällt es schwer, allein zu sein. Viele können es gar nicht, ohne irgendwann krank zu werden. Was man dagegen machen kann? Nun, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine davon ist, irgendwo hinzugehen, wo Menschen sind. Dann versuchen, in ein Gespräch zu kommen. Mit irgendjemandem reden. Vielleicht wird ja mehr draus. Irgendwie

Gesellige Wörter

Wie den Menschen ergeht es auch so manchen Wörtern. Zwar haben sie keine Gefühle, aber es gibt Wörter, die können auch nicht allein sein. Klingt irgendwie komisch, ist aber so. Also, das menschliche Alleinsein.

Eine Hotelbar mit einer langen Theke, zwei Barkeepern, einer Frau alleine in einem Sessel und einem Pärchen.

In Hotelbars ist man irgendwie manchmal alleine

Es ist gut zu beobachten in Hotelbars. Irgendwie kriegt man schnell raus, wer da allein hockt und es nicht unbedingt bleiben will. Irgend so ein Gefühl sagt uns das. Gut. Da sitzen wir nun des Abends nach einem anstrengenden Kundentermin an der Hotelbar, sind hundemüde, angefressen, aber irgendwas wollen wir halt doch noch machen. Irgendein guter Geist scheint über uns zu sein. Denn die freundliche Bardame vom letzten Hotelbesuch ist wieder da. Man kann mit ihr irgendwie nett plaudern, kann es aber auch lassen. Ganz wie man will.

Der Inpro-Cocktail

Sie nimmt uns die Entscheidung ab. Was es denn dieses Mal sein dürfe, fragt sie und lächelt. "Irgendwas", sagen wir ziemlich lustlos und ihr Stirnrunzeln ähnelt irgendwie einem besorgten Fragezeichen. "Irgendwas ist gut", sagt sie – denn natürlich kann kein Mensch mit einem Irgendwas etwas anfangen. Aber immerhin: In dieser Gesprächssituation und an diesem Ort ist Irgendwas insofern gut aufgehoben, weil man ziemlich sicher sein kann, dass es sich um irgendwas zum Trinken handelt.

"Ich mach Ihnen mal einen 'Inpro-Cocktail'. Eine besondere Spezialität des Hauses für Sprachwissenschaftler", kommt es von hinter der Theke. Ich fühle mich ertappt. Denn Inpros sind indefinite Pronomen, also unbestimmte Fürworter, um den guten alten deutschen Ausdruck zu verwenden. Das Wort – oder sagen wir besser die Buchstabenfolge – irgend ist so eine Art Grundsubstanz für eine ganze Menge dieser Inpros.

Eine Frau tröstet eine andere.

Irgendwie wirst du es schon schaffen!

Eine Bestimmung geben

Und die besondere Eigenart dieser Inpros ist, dass sie nicht allein sein können – was sie dann mit manchen Menschen gemein haben. Irgend ist eins davon. Es ist so halt- und ziellos, hat keine Heimat; es sei denn, man sagt ihm, wo es hingehört.

Man kann ihm ein wie anhängen und es als irgendwie in die Welt schicken. "Irgendwie wirst Du es schon schaffen", versuchen wir dem Kollegen Mut zu machen. Irgendwie. Auf eine bestimmte Art und Weise. Auf welche wissen wir aber auch nicht. Deshalb bleibt irgendwie unbestimmt. Ein unbestimmtes Pronomen der Art und Weise eben.

Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann

Meine Gedanken werden unterbrochen. Der fertige "Inpro-Cocktail" wird sanft vor mich auf die Theke gestellt. Farbe unbestimmt. Schmeckt weich. Nicht süß, nicht sauer, nicht bitter. Würde ein Weinkenner sich herablassen ihn zu beschreiben, wäre so etwas wie "unverbindlich im Abgang" zu erwarten.

Die Frau hinterm Tresen lächelt verschmitzt, dreht sich um und sagt: "Ich hab noch was Passendes". Sie bestückt den CD-Spieler und da ist es: Nena singt ihr Liedchen, dessen Refrain die unbestimmten sanft dahergeträllerten Wörter enthält: "Irgendwo, Irgendwie, Irgendwann".

Unbestimmte Zukunft

Die Sängerin Nena mit ihrer Band.

Nena landete mit ihrem Song 1984 einen Hit

Da wollen wir doch mal genauer hinhören: "Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an". Irgend und wie haben wir schon durch. Mit der Zukunft ist das ohnehin so eine Sache. Irgendwann ist ein unbestimmtes Pronomen der Zeit. Das bleibt es auch, wenn wir es nicht mit weiteren Ergänzungen versehen. "Irgendwann nächste Woche" ist schon ein bisschen genauer, eine Zeitaussage, die schon mehr aussagt, aber für eine Verabredung dennoch ziemlich untauglich ist.

"Irgendwo in der Stadt" macht uns auch einigermaßen hilflos. Wir müssten schon nachfragen, wo irgendwo ist, wenn wir uns zum Beispiel mit der netten Bardame treffen wollten. Dennoch könnte irgendwo – auch wenn es nur ein unbestimmtes Pronomen des Ortes ist – in diesem Zusammenhang Herzklopfen auslösen. Denn immerhin wäre sie zu einem Treffen bereit.

Unbestimmte Sandschlösser

Die Gedanken schweifen weiter. Nenas Song dringt ins Ohr: "Gib mir die Hand, ich bau dir ein Schloss aus Sand, irgendwo, irgendwie, irgendwann". Gib mir die Hand, dann bist du nicht mehr alleine, heißt die Botschaft. Die ist das Wichtigste. Irgendein Schloss aus Sand. Auch schön.

Die Irgendwies, Irgendwos und Irgendwanns werden sich dann irgendwann irgendwie irgendwo wie von selbst finden. Bleibt noch die Frage: Wem will sie denn ein Schloss bauen? Für uns ist das irgendjemand. Irgendeiner. Irgendein Mensch gewordenes unbestimmtes Personalpronomen. Vielleicht jemand von irgendwoher?

Unbestimmter Weg

Und wir? Sollen wir noch einen Cocktail nehmen? Besser nicht. Irgendwas an diesem Cocktail hat so einen unbestimmten Beigeschmack. Also gehen wir. Irgendwohin. Aber mit der festen Absicht, irgendwann die Bardame zu fragen, ob wir uns vielleicht irgendwann irgendwo treffen können.

Fragen zum Text

Inpro ist …

1. eine Einleitung zu einem Text oder Musikstück.

2. die Abkürzung für ein unbestimmtes Pronomen.

3. ein Präfix.

Folgender Satz ist nicht richtig: …

1. Man kann mit ihr irgendwie plaudern.

2. Man kann mit ihr irgendwo plaudern.

3. Man kann mit ihr irgendein plaudern.

Nena hat ihren Song veröffentlicht im Jahr …

1. 1984.

2. 1994.

3. 1974.

Arbeitsauftrag

Stellen Sie sich vor, unser Autor würde beim nächsten Hotelbesuch die Bardame fragen, ob Sie mit ihm ausgeht. Schreiben Sie einen Dialog, in dem Sie möglichst viele Formen von irgend verwenden.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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