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Afrika

Innovatives Bauen: Ghana bekommt ein Passivhaus

Solaranlage, Doppelverglasung und Isoliermaterial aus alten Kühlschränken: Ghanas erstes Passivhaus soll Wohnkomfort schaffen und das Stromnetz entlasten - und könnte Afrikas Bauindustrie revolutionieren.

Auf der Baustelle in dem beschaulichen Städtchen Aburi, eine gute Autostunde von Ghanas Hauptstadt Accra entfernt, herrscht reges Treiben: Arbeiter hämmern und sägen, andere tragen mannshohe Säcke mit Isolierschaum in den maroden Altbau. Hier soll es entstehen: das erste Passivhaus Ghanas. Das Pilotprojekt wird von dem deutschen Ingenieur Stephan Koch und seinem ghanaischen Kollegen, dem Physiker Emmanuel Otoo, geleitet. Das Duo arbeitet seit knapp eineinhalb Jahren zusammen - bisher überwiegend an Photovoltaik, Biogas und Klimatechnik. In diesem neuen Projekt soll all dies zusammenfließen.

Das Konzept des

Passivhauses

stammt aus Europa: Mit der ersten Ölkrise 1973 entstand ein Bewusstsein für die Endlichkeit der fossilen Energieressourcen und der Bedarf an energiesparenden Bauten stieg. Das erste offiziell anerkannte Passivhaus wurde 1991 in Deutschland gebaut. Die Grundidee dahinter ist, dass das Gebäude über eine so gute Wärmedämmung verfügt, dass in der Regel keine Heizung notwendig ist, um ein angenehmes, konstantes Raumklima zu schaffen. Der Energiebedarf soll so auf ein Minimum reduziert werden.

Stephan Koch und Emmanuel Otoo Foto: Gwendolin Hilse

Deutsch-ghanaisches Team: Stephan Koch und Emmanuel Otoo

Während es in Europa darum geht, gegen Kälte zu dämmen, sind in den Tropen Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit die großen Herausforderungen beim Bau. Das bisher bekannte, europäische Konzept des Passivhauses kann also nicht einfach übernommen werden. "Wir müssen bei dem Bau viel umdenken und dabei neue Programme entwickeln", sagt Stephan Koch. Mit Schattendach, isolierten Außenwänden, Doppelverglasung, Photovoltaik und thermischer Solaranlage wollen Koch und Otoo ein gleichbleibendes, kühles Raumklima schaffen und dabei gleichzeitig nachhaltig, komfortabel und energieeffizient bauen. Bis zu 70 Prozent des Energiebedarfs sollen so eingespart werden, denn die Klimaanlage kann den größten Teil des Tages ausgeschaltet bleiben.

Eine Revolution für die afrikanische Bauindustrie

Passiv- und Energiesparhäuser gab es auf dem afrikanischen Kontinent bisher nur in Südafrika. 2013 initiierte das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen UN-Habitat ein Programm, um energieeffizientes Bauen auch in Ostafrika zu fördern und kooperiert seitdem mit den Regierungen von Kenia, Uganda, Tansania und Burundi. Gerade in afrikanischen Metropolen sei energieeffizientes Bauen unumgänglich, sagt Koch. "Grundsätzlich ist es in der Stadt einige Grad wärmer, da keine Verdunstungskälte da ist und auch viel Abwärme durch die Klimaanlagen, den Verkehr und die Menschen entsteht."

Ghana - Hochhaus in Accra

Hochhaus in Accra: "Gebäudeformen nicht einfach nur kopieren"

Ghanas Wirtschaft

war laut internationalem Währungsfonds 2011 die am schnellsten wachsende Wirtschaft in Subsahara Afrika. Zwar ging die Wachstumsrate in den letzten Jahren zurück, dennoch kürte die deutsche Auslandshandelskammer Ghana neben Nigeria zum Top-Exportmarkt in Westafrika. Eine expandierende Wirtschaft fordert mehr klimatisierte Bürogebäude: Die Zahl der Hochhäuser in der ghanaischen Hauptstadt steigt kontinuierlich. Mit einem Leistungsbedarf von bis zu drei Megawatt bei maximaler Auslastung, sind sie wahre Energiefresser - in ganz Ghana kann derzeit eine maximale Leistung von rund 2000 Megawatt erzeugt werden. UN-Habitat geht davon aus, dass mehr als 75 Prozent des nationalen Energieverbrauchs in Entwicklungsländern in Großstädten konsumiert werden.

Ghanas Stromnetz ist überlastet

Emmanuel Otoo sieht eine Ursache in der Architektur von Neubauten, die weitgehend westlich orientiert ist. "Anstatt Gebäudeformen einfach nur zu kopieren, sollten Architekten sie verbessern und an das tropische Klima anpassen." Auch die immer größer werdende Mittelschicht sei für den hohen Energieverbrauch mitverantwortlich, so der Physiker. "Es gibt einfach zu viele Klimaanlagen, die unnötig installiert wurden. Hätte man mit dem Passivhaus-Konzept gearbeitet, dann hätte man in vielen Fällen überhaupt keine Klimaanlage gebraucht."

Ausgediente Kühlschränke stapeln sich in Ghanas Hauptstadt Accra Foto: Gwendolin Hilse

In Accra stapeln sich ausgediente Kühlschränke

Auch eine stetig wachsende Bevölkerung stellt Ghana vor Herausforderungen, wenn es darum geht, den zunehmenden Energiebedarf verlässlich und nachhaltig zu decken. So sind trotz neuem Staudamm die Leitungen und Transformatoren regelmäßig so überlastet, dass gezielt ganze Stadtteile vom Netz genommen werden müssen. "Das Netz ist einfach nicht für einen so hohen Konsum ausgebaut", so Otoo.

Eine Lösung muss her

Nach Schätzungen des Population Reference Bureau wird sich die afrikanische Bevölkerung bis 2025 verdoppeln. Armut und Perspektivlosigkeit auf dem Land wird immer mehr Menschen in die Städte treiben. Der Bau von energieeffizienten Häusern könnte also ein Lösungsansatz sein. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem es für uns unumgänglich ist, energieeffizientere Häuser zu bauen", sagt Kofi Agyarko von der nationalen Energiekommission.

Ein Arbeiter baut am ersten Passivhaus in Ghana Foto: Gwendolin Hilse

Aus Sondermüll wird Dämmmaterial

Allerdings sind die Baukosten für ein Passivhaus fast doppelt so hoch wie die eines Standardhauses. Um Kosten zu senken, setzen Otoo und Koch auf Recycling: Anstatt Isoliermaterialien aus Europa zu importieren, verarbeiten sie ein Material, das es in Ghana reichlich gibt: PUR-Schaum, das Isolationsmaterial aus Kühlschränken. Seitdem die ghanaische Energiekommission neue, energieeffiziente Geräte subventioniert, stapeln sich die ausgedienten Kühlschränke auf Accras Hinterhöfen und Schrottplätzen. "Für diesen Schaum gibt es hier keine Verwendung und es ist für uns zu einer echten Herausforderung geworden, wenn es zu seiner Entsorgung kommt", so Agyarko. Der Hartschaum wird in Europa als Sondermüll eingestuft, weil er bei falscher Entsorgung giftiges FCKW freisetzt. Koch und Otoo haben ihm einen sinnvollen Nutzen abgewinnen können: Gereinigt, getrocknet und zum Brandschutz mit Lehm umhüllt, dient der Schaum als ideales Dämmmaterial und ist laut Koch in dieser Form gesundheitlich unbedenklich. Die ghanaische Energiekommission begrüßt diese Art von Upcycling: "Sie verwandelt ein Problem in eine neue Chance für uns", so Agyarko.

Die Transformation vom maroden Altbau in Aburi hin zum modernen Passivhaus ist voraussichtlich im September dieses Jahres abgeschlossen. Dann will der Besitzer, der schweizerisch-ghanaische Schauspieler und Regisseur Jerreth Merz, es als Musterhaus zur Verfügung stellen - um das Konzept des Passivhauses auch in Ghana salonfähig zu machen.

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