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Kultur

Inka Parei und die Sehnsucht nach der Stadt

Fünf Wochen lang war Inka Parei im Auftrag des Goethe-Instituts in Neuseeland unterwegs. Wieder zurück in Berlin ist die Schriftstellerin glücklich. Denn für ihre Romane braucht sie die Großstadt.

Was Inka Parei gereizt hat, die Einladung anzunehmen? Dass kein Ort weiter von Deutschland entfernt ist. Distanz ist ein ganz wichtiger kreativer Faktor für die 44-jährige Autorin. Fünf Wochen lang reiste sie im Frühjahr in einem Wohnmobil durch Neuseeland, dem diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Ihre Eindrücke aus "Aotearoa", dem "Land der langen weißen Wolke", wie die Maori es nennen, hat sie in einem Blog niedergeschrieben, der seitdem auf den Seiten des Goethe-Instituts zu lesen ist. Es war eine Herausforderung für Inka Parei, schnell und spontan Texte zu verfassen. Gewöhnlich nimmt sie sich dafür sehr viel Zeit.

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So bloggt man aus dem Wohnmobil

In elf Jahren hat Inka Parei nur drei schmale, aber ungemein dichte Romane geschrieben, allesamt hoch gelobt und mehrfach preisgekrönt. Mit "Was Dunkelheit war" gewann sie 2003 bei den "Klagenfurter Tagen der Literatur" den renommierten Bachmann Preis. Ihre Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt, "Die Schattenboxerin" sogar ins Englische. Für zeitgenössische Literatur aus Deutschland ist das eine Art Ritterschlag. Und demnächst wird auch ihr 2011 veröffentlichter Roman "Die Kältezentrale" in einer englischen Ausgabe erscheinen.

Gerade erst aus Neuseeland zurückgekehrt, steht sie noch ganz unter dem Eindruck der unberührten Landschaften, der Weite und Leere, die sie dort erlebt hat. Dennoch ist die gebürtige Frankfurterin froh, wieder in ihrer Wahlheimat Berlin zu sein. Für ihre Romane braucht sie die Großstadt, die vielen Schichten, aus denen sich Geschichte hier zusammensetzt. Von ihnen lässt sie sich inspirieren, verdichtet sie zu komplexen und rätselhaften Texten.

Traumata und Suche nach Erlösung

In "Was Dunkelheit war", ihrem zweiten Roman, verwebt Inka Parei geschickt die kleine, individuelle Lebensgeschichte eines Postbeamten mit neuralgischen Momenten der deutschen Geschichte – den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und dem "Heißen Herbst" 1977, in dem die Terroranschläge der R.A.F. (Rote Armee Fraktion) die Bundesrepublik erschütterten. So wie hier, geht es in all ihren Texten ums Erinnern, Vergessen, Verdrängen, um Schuld, Traumata, Selbstvergewisserung – und die Suche nach Erlösung.

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Inka Parei liest aus "Die Schattenboxerin"

In Pareis Debütroman "Die Schattenboxerin" ist es eine junge Frau, die im Berlin der Nachwendezeit nach ihrer verschwundenen Nachbarin sucht – und dabei von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird. Sie reichen zurück in die Zeit noch vor dem Fall der Mauer, als die Protagonistin während der Mai-Krawalle in Kreuzberg vergewaltigt wurde. 

Akribisch, fast detailbesessen, hält Inka Parei hier die Topographie eines Berlins fest, das so schon lange nicht mehr existiert. Wie rasend schnell sich die Hauptstadt verändert und so manche Spur der Geschichte verwischt, das erstaunt die Autorin manchmal selbst.

In der Kältekammer der Geschichte

Über Orte gelangt sie zu den Protagonisten und den Handlungen ihrer Romane. In ihrem jüngsten, "Die Kältezentrale", begibt sie sich in einen ungewöhnlichen Raum – die Kälteanlage des Druck- und Verlagshauses der sozialistischen Tageszeitung "Neues Deutschland". Hier werden die Druckmaschinen gekühlt, die damals, vor dem Fall der Mauer, das mächtigste Presseorgan der DDR war. Als ein labyrinthisches Zwischenreich, mit giftigen Chemikalien und klaustrophobischen Betonverliesen, beschreibt Inka Parei diese "Kältezentrale", als ein Monstrum von einer Maschine, die läuft, ohne dass je einer versteht, warum. Manche Kritiker haben darin eine Metapher auf den maroden, untergehenden Staat gelesen.

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Eintauchen in "Die Kältezentrale"...

Doch einer eindimensionalen Erklärung entzieht sich auch dieses komplexe Buch, mit dem die Autorin ein Wagnis eingegangen ist. Denn als Westdeutsche einen Roman über die DDR zu schreiben, war bis dato verpönt. Ihre distanzierte Außenperspektive macht aus der Geschichte um einen ehemaligen Techniker der "Kältezentrale" eine aufschlussreiche Reise in die Vergangenheit. Immer wieder aufs Neue muss die Hauptfigur die eigene Wahrnehmung und Erinnerungsfähigkeit in Frage stellen.

Was erinnern wir? Und warum ist das Erinnerte immer neu, immer wieder anders? Das sind Fragen, die sich durch Inka Pareis Werk wie ein roter Faden ziehen. Ihre Romane sind kein leichter Lesestoff. Den kunstvoll verschränkten Zeitsprüngen zu folgen, setzt einiges an Konzentration voraus. Doch wer sich auf die Lektüre dieser dichten Erzählungen einlässt, wird belohnt – mit einer präzisen, vielschichtigen und ganz eigenen Prosa.

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Inka Parei über ihre Liebe zu Berlin und ihre Arbeit

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