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Fokus Osteuropa

Initiative für Fortsetzung von Zwangsarbeiter-Entschädigungen

Ende des Jahres läuft das deutsche Entschädigungsprogramm für Zwangsarbeiter aus. Wer bisher keinen Antrag gestellt hat, hat kaum noch Chancen, entschädigt zu werden. Eine Kölner Initiative will das ändern.

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Ehemalige Zwangsarbeiter wieder in Köln - diesmal von der Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes empfangen

Helena Sykut ist 84 Jahre alt. Trotz ihres schlechten Gesundheitszustands hat sie den langen Weg von Polen nach Köln gemacht, wo sie zusammen mit ihrer Schwester auf einen nicht mehr existierenden Bauernhof von ihrer Heimatstadt in Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden war. Ihre Schwester hat die Entschädigung aus der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" bekommen, Helena Sykut jedoch nicht. Sie erklärt: "Ich benötigte eine Arbeitsbescheinigung. Aber ich hatte keine. Wir wohnten in Baracken und sie sind bei einem Bombenangriff verbrannt, meine Sachen auch. Ich hatte nichts."

Für die Behörden, die die Entschädigungsverfahren in Polen leiteten, hatte die Aussage von Frau Sykuts Schwester über die gemeinsamen Jahre der Zwangsarbeit in Köln keine rechtliche Kraft. Doch die Stadt Köln hat sie in diesem Jahr eingeladen, damit sie ihre Geschichte im NS-Dokumentationszentrum erzählen kann. Da ihre Anwesenheit in Köln bestätigt werden konnte, bekommt sie eine Plausibilitätsbescheinigung. Mit dieser Bescheinigung könnte sie einen symbolischen Beitrag aus dem humanitären Fonds der Bundesstiftung bekommen. Die Entschädigung für die Zwangsarbeit steht ihr nicht mehr zu, da die Fristen für den Antrag schon verstrichen sind.

Mühsame Aufarbeitung

Der Fall von Frau Sykut ist exemplarisch für viele, die Hilfe von der Projektgruppe Messelager und dem Kölner NS-Dokumentationszentrum erfahren. Tausende von ihnen haben schon eine Bestätigung über die Jahre der Zwangsarbeit in Köln bekommen. Nachdem der Bundesfonds eingerichtet worden war, gingen im NS-Dokumentationszentrum im so genannten El-De-Haus in Köln täglich 30 bis 60 Anfragen nach Bescheinigungen aus den Ländern Ost- und Mitteleuropas ein.

Keine leichte Aufgabe, besonders mit den Anfragen aus Polen. Polen gehörte nicht zu den Siegermächten und daher wurden Firmenunterlagen von polnischen Zwangsarbeitern oft nachlässig behandelt. Es war für sie schwerer als für die anderen - beispielsweise für die Russen oder die Ukrainer - Unterlagen nachzufordern, sagt Christian Welke, Gründungsmitglied der Projektgruppe Messelager, die mit dem NS-Dokumentationszentrum El-De-Haus das Besuchsprogramm der Stadt Köln für ehemalige Zwangsarbeiter durchführt. Während des Aufenthalts in Köln werden die ehemaligen Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine interviewt und zu den Orten geführt, wo sie vor über 60 Jahren als Zwangsarbeiter schufteten. Welke berichtet: "Wir haben mittlerweile einen richtig großen Stadtplan, könnte man sagen, wie er damals war: wo Lager waren, wo die Firmen waren, wo die Leute inhaftiert waren. Und das ist eben alles datenmäßig erfasst. Und von daher konnten wir einfach durch ihre Beschreibung auch sagen, ja, sie waren da, und haben den Leuten eine Bescheinigung auf Grund ihres Besuches erstellt."

Zwangsarbeit verjährt nicht

Fast 2000 solche Plausibilitätsbescheinigungen hat das NS-Dokumentationszentrum El-De-Haus bis heute ausgestellt. Es sind jedoch noch viele Menschen, denen - wie Frau Sykut - geholfen werden muss. Die Zwangsarbeit verjährt nicht, sagen die Kölner. Mit dieser Botschaft sind sie Anfang des Jahres nach Berlin mit einem offenen Brief gegangen. Die Frist für die Entschädigungen - so das Gesetz der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" läuft ab, war die Antwort. Traude Burth, Karmeliten-Schwester von der Projektgruppe Messelager, die bei den Gesprächen dabei war, ist mit der von der Bundesstiftung angebotenen Lösung nicht einverstanden: "Dieser Endtermin müsse eingehalten werden, aber sie wären bereit auf der humanitären Ebene zu helfen. Da haben wir gesagt, wir wollen das nicht zu früh, denn diese früheren Zwangsarbeiter haben ein Recht darauf und die humanitäre Hilfe, das wirkt immer Richtung Mitleid. Wir wollen das eigentlich nicht, sondern es steht ihnen zu."

Auch wenn die Forderungen der Gruppe Messelager utopisch erscheinen, sind sie nicht weniger unrealistisch als der Ruf nach Entschädigungen für Zwangsarbeiter vor einigen Jahren, sagt Christian Welke: "Wir treten dafür ein, dass die Fristen aufgehoben werden sollten. Wir versuchen noch mal, wenn zu wenig Geld ist, wieder neues Geld aufzutreiben bei den Firmen. Das ist eventuell eine Hoffnung, die auch nicht erfüllt wird, aber trotzdem: bei unserer ersten Forderung nach einer Entschädigung haben wir auch nie daran gedacht, dass entschädigt wird, je entschädigt wird. Und dieser Fonds ist eröffnet worden. Wer weiß, vielleicht gelingt da Einiges."

Barbara Cöllen
DW-RADIO/Polnisch, 23.5.2006, Fokus Ost-Südost