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Geschichte

Inge Deutschkron: Sie trug den gelben Stern

Die deutsch-israelische Publizistin wird 95 Jahre alt. Als eine von 1700 Juden überlebte sie den Holocaust im Berliner Untergrund. Bis heute wird sie nicht müde, an die Verbrechen der Nazis zu erinnern.

Journalistin und Autorin Inge Deutschkron (Foto: imago/Becker&Bredel)

Journalistin und Autorin Inge Deutschkron

"Mein Kind, ab heute bist du Jüdin." Erst mit zehn Jahren erfährt Inge Deutschkron 1933 von ihrer Mutter, dass ihre Familie jüdisch ist. "Wir waren überhaupt nicht religiös", erinnert sich Deutschkron, doch das interessierte die Nazis nicht. Nach der Machtergreifung wurde sie plötzlich von ihren Mitschülern als "dreckige Jüdin" beschimpft - bis Kriegsende folgte ein quälendes Martyrium der Angst und Verfolgung.

Kauft nicht bei Juden! Schaufenster in Berlin 1933 (Foto: bpk Bildagentur)

"Kauft nicht bei Juden!" Schaufenster in Berlin 1933

Inge Deutschkron und ihre Eltern gehören zu den 1.700 Berliner Juden, die die systematische Vernichtung im Versteck überlebten. Zunächst durch Mut und Willensstärke: "Lass dir nichts gefallen. Wenn dich einer angreift, wehr dich!", soll Inges Mutter gleich zu Beginn der Judenverfolgung zu ihr gesagt haben - ein Satz, der die 95-Jährige bis heute prägt.

Nachdem alle Juden ihre Wohnungen verlassen und in überfüllten, sogenannten Judenhäusern leben mussten, brach die junge Inge manchmal aus. "Ich hielt es einfach nicht aus", erinnert sie sich, zog dann ihre Jacke mit gelben Judenstern an, nahm eine weitere ohne mit. In einem dunklen Hausflur wechselte sie heimlich ihre Kleidung und ging ins Theater, was Juden damals verboten war. Ein gefährliches Unternehmen, schließlich hätte sie erkannt werden können. "Die Theaterbesuche haben mir sehr viel bedeutet. Einmal für zwei Stunden über etwas anderes nachdenken können..."

Flugblätter gegen Hitler

Bis 1943 fand das Mädchen Schutz und Unterstützung von Otto Weidt. Der Besitzer einer Blindenwerkstatt beschäftigte Inge Deutschkron und viele andere Juden, die er dadurch vor der Deportation in Konzentrationslager bewahren konnte. Deutschkrons Vater war zu dem Zeitpunkt nach England emigriert. Bereits in der Reichskristallnacht 1938 hatte die Gestapo nach dem bekennenden Sozialdemokraten gesucht. "Als Kind habe ich mit meinen Eltern Flugblätter gegen Hitler gefaltet", erzählt Inge Deutschkron. "Meine Eltern haben mir immer genau erklärt, warum sie sich politisch engagierten. Ich bin mit ihnen auch oft zu Demonstrationen gegangen." Ihr Vater habe sich immer als Deutscher gefühlt, wollte unter keinen Umständen weg. Doch als die Gestapo nach ihm zu suchen begann, flüchtete er schließlich zu Bekannten nach England - Frau und Kind sollten nachkommen, doch dazu kam es erst nach Kriegsende.

Berliner Bahnhof Grunewald, Mahnmal Gleis 17 (Foto: picture alliance/dpa/akg-images)

Gleis 17: Heute ein Mahnmal am Berliner Bahnhof Grunewald, früher Abfahrtsstation der Deportationszüge

Mutter und Tochter erlebten währenddessen die monatlichen Deportationen mit. Erst sei da die Erleichterung gewesen, dass man diesmal nicht dabei sei. Dann kam schnell die Angst: Wir könnten die nächsten sein! Nichtjüdische Freunde drängten die beiden schließlich, in den Untergrund zu gehen. "Sie konnten diese Barbarei nicht ertragen und riskierten ihr Leben, um unseres zu retten", sagte Deutschkron im DW-Gespräch. "Stille Helden" nennt sie die Helfer bis heute, über deren Mut aus ihrer Sicht in der Nachkriegszeit viel zu wenig gesprochen worden sei.

Inge Deutschkron, Buchtitel: Ich trug den gelben Stern, (copyrigjht: dtv verlag)

Die zeitlose Autobiografie von Inge Deutschkron, 1978

Gegen das Vergessen

Und genau das hat sich die resolute Dame zur Lebensaufgabe gemacht. Nicht klagend, aber durchaus mahnend wird sie nicht müde, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern - auch mit 95 Jahren. "Ich trug einen gelben Stern" heißt eines ihrer zwölf Bücher, das später als Theaterstück unter dem Titel "Ab heute heißt du Sarah" im renommierten Kinder- und Jugendtheater GRIPS in Berlin aufgeführt wurde. Immer und immer wieder spricht sie vor Schulklassen. Ihre Botschaft: "Es darf nie wieder geschehen. Dazu muss man wissen, was passiert ist, und wer die Verbrecher waren. Das 'wie' und das 'warum' kommt mir heutzutage immer noch zu kurz", erklärte Inge Deutschkron 2016 in einem Fernsehinterview mit dem Bayrischen Rundfunk.

"Ich muss verrückt gewesen sein, dass ich das so lange ausgehalten habe", gesteht die Publizistin über ihre Anfangsjahre. Nach Kriegsende waren ihre Mutter und sie zum Vater nach England gegangen, 1955 kehrte sie nach Deutschland zurück, um von Bonn aus als Korrespondentin für die Tageszeitung "Maariw" zu arbeiten. "Niemanden hat interessiert, was ich zu berichten hatte - im Gegenteil!". Erschrocken habe sie feststellen müssen, dass in der Bonner Republik weiterhin überall Nazis zu finden waren: in jedem Amt, in jeder Behörde und auch in den Parteien. "Man sagte zu mir: 'Ach, vergessen sie doch! Das ist doch so lange her!'"

Kollektives Gedächtnis

Inge Deutschkron im Bundestag 2013 (Foto: dapd)

Emotionaler Auftritt: Inge Deutschkron im Bundestag 2013

Ihre Hartnäckigkeit und ihr Gerechtigkeitswille haben sich ausgezahlt. Mittlerweile hört man ihr längst zu - sogar im Bundestag. 2013 schilderte die Schriftstellerin ihre Erlebnisse anlässlich einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. "Es ist mir schwer gefallen, weil es das erste Mal vor so einem großen und wichtigen Gremium war. Und am Anfang habe ich gedacht, es muss etwas falsch sein - es war so still, wie ich es bislang nicht kannte." Anschließend erfuhr sie, dass die anwesenden Politiker und Ehrengäste schlichtweg betroffen von ihren Schilderungen waren.

Inge Deutschkron ist Teil des kollektiven Gedächtnisses in Deutschland. Ihre offene Art über die Gräueltaten zu berichten, halten die Erinnerungen wach. Sie ist Mitbegründerin der Gedenkstätte "Stille Helden", denen sie ihr Leben zu verdanken hat, startete die eigene "Inge Deutschkron Stiftung" zur Vermittlung der Naziverbrechen im Geschichtsunterricht und war Teil von zwei geschichtlichen Dokumentarfilmen. Weiterhin setzt sie sich in Berlin, wo sie nach längerem Aufenthalt in Tel Aviv seit 2001 wieder lebt, für eine lebendige Gedenkkultur ein. So demonstrierte sie Anfang des Jahres beispielsweise gegen den Abriss einer Villa an der Fontanepromenade, an deren Stelle nun ein moderner Wohn- und Bürokomplex entstehen soll. Im Nationalsozialismus hieß diese auch "Schikanepromenade", da hier die "Zentrale Dienststelle für Juden" ansässig war, die 26.000 Berliner Juden in die Zwangsarbeit schickte.  

Die deutsch-israelische Schriftstellerin wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Moses-Mendelssohn-Preis 1992 und dem Verdienstorden des Landes Berlin 2004. Einen Preis jedoch hat sie mehrfach abgelehnt: das Bundesverdienstkreuz. So seien in den 1950er Jahren damit noch Nationalsozialisten gewürdigt worden.

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