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Wirtschaft

Inflation - ewige Versuchung für den Staat

Staatsschulden und lockere Geldpolitik waren schon immer der ideale Nährboden für Inflation. Auch diesmal könnte es so kommen. Doch während Bürger die Inflation fürchten, haben Staaten durchaus Freude daran.

Maus knabbert an einem Euro. Bildquelle: BilderBox-Bildagentur GmbH

Maus knabbert an einem Euro

Der Staat braucht Geld. Die Notenbank druckt es. Das Geld wird dann weniger wert, je mehr davon im Umlauf ist. Es entsteht Inflation. "Das schlimmste Beispiel für Inflation ist die Weimarer Republik im Deutschland der 1920er Jahre", sagt Michael Bordo von der Rutgers Universität aus Kanada. Die Weimarer Republik bediente sich damals der Notenpresse, um die Kriegsreparationen zu bezahlen. Das Ganze endete in einer Hyperinflation. Andere Länder hatten etwas mehr Glück beim Spiel mit der Inflation. So gelang es vor allem den USA nach dem Zweiten Weltkrieg, durch eine Mischung aus starkem Wachstum und höherer Inflation die Verschuldung von 120 auf 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken.

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In Deutschland droht Inflation

Auch diesmal könnten die Industrienationen wieder in Versuchung kommen, sich durch Inflation ihrer Schulden zu entledigen. Denn heillos überschuldet sind fast alle. Die USA sitzen auf einem Schuldenberg, der schwerer als ihre gesamte Wirtschaftsleistung wiegt. Italiens Schulden betragen 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Deutschland 80 Prozent. Spitzenreiter bleibt Japan mit einer Schuldenquote von sage und schreibe 230 Prozent.

Ein effektives Mittel zur Entschuldung

Kai Konrad, Direktor des Max-Planck-Instituts für Öffentliche Finanzen (Foto: DW)

Kai Konrad hat den Nutzen durch die Inflation für den Staat errechnet

Wie wirkt sich die Inflation genau auf die Staatsschulden aus? Für Kai Konrad, Direktor des Max-Planck-Instituts für Öffentliche Finanzen, ist Inflation nichts anderes als eine Umverteilung: "Wenn das Geld entwertet wird durch Inflation, dann wird der Staat reicher – der verliert einen Teil seiner Schulden; aber die Besitzer der festverzinslichen Wertpapiere werden ärmer." Und je mehr Anleihen ausländischen Gläubigern gehören, desto größer sei der Anreiz für den Staat, sich über Inflation zu entschulden, sagt Konrad. Schließlich können diese Gläubiger die Regierung ja nicht abwählen. Der Finanzwissenschaftler aus München hat auch ausgerechnet, wie lukrativ das Ganze für den Staat ist: "Wenn wir zwei Prozentpunkte zusätzlich Inflationserwartung haben, verliert die Staatsschuld ungefähr zehn Prozent ihres Wertes."

Der Staat wird so nicht nur einen Teil seiner Schulden los, er kann sich auch noch weiter durch Inflation bereichern. Beispiel Abschreibung. Wenn ein Unternehmer in Deutschland heute eine Maschine kauft, kann er sie innerhalb von zehn Jahren abschreiben. Nach zehn Jahren ist nur der Wert, den die Maschine heute hat, abgeschrieben. Durch Inflation ist der tatsächliche Wertverlust aber viel höher. Hier spart der Staat Geld.

Inflation bringt dem Staat noch andere Vorteile

Gleichzeitig nimmt der Staat mehr Geld ein, indem er Scheingewinne besteuert. Konrad nennt ein Beispiel: Ein Unternehmer kauft ein Grundstück für hundert Geldeinheiten. Real mag der Wert bei hundert geblieben sein. Aber nach 20 Jahren wird es für 250 verkauft, weil die Inflation den Wert des Grundstücks in die Höhe getrieben hat.

Entstanden ist ein Scheingewinn von 150 Geldeinheiten, an dem sich der Staat selbstverständlich beteiligt. "Der Scheingewinn ist umso höher, je größer die Inflation ist", sagt Konrad.

Der Nährboden ist bereits da

Bei so viel Anreizen wäre der Staat fast dumm, wenn er sich der Inflation nicht bedienen würde. Die Voraussetzung dafür haben die Notenbanken dieser Welt bereits geschaffen. Von der amerikanischen Federal Reserve über die Europäische Zentralbank bis zur Bank of Japan, alle haben die Geldschleusen weit geöffnet. Noch ist sehr wenig davon in den Umlauf gekommen. Wenn die Wirtschaft aber wieder anzieht, kann die Inflationserwartung ganz schnell nach oben schießen.

Für die Eurozone rechnet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, mit einer durchschnittlichen Inflation von drei bis vier Prozent in den kommenden zehn Jahren. Die Länder der Währungsunion haben noch ein anderes Problem: Da sie die Geldpolitik aus der Hand gegeben haben, bleibt der Spielraum der Entschuldung durch Inflation für ein hochverschuldetes Land gering: "Dann ist Insolvenz die einzige Möglichkeit. Es sei denn, das Land wird immer von den anderen Euro-Staaten gerettet", sagt der kanadische Wissenschaftler Michael Bordo.

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