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Wirtschaft

Industrienationen altern und schrumpfen

Die demografischen Herausforderungen in der Arbeitswelt sind das Kernthema beim Jahresforum der European School für Management and Technology (ESMT) ab 13. Juni in Berlin.

Symbolbild Generationen Medien. #24337753 Erstellung: 29.03.2012 © Yuri Arcurs - Fotolia.com

Symbolbild Generationen Medien

Von Professor Jörg Rocholl, Präsident, ESMT European School of Management and Technology, Berlin

Der demografische Wandel ist und bleibt eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. In einigen Weltregionen bedeutet dies eine massive Zunahme der Bevölkerung, die bei verringerten Ressourcen die Teilhabe an Gesellschaft und Wohlstand fordert. In Deutschland und anderen Industrienationen steht die Entwicklung unter völlig anderen Vorzeichen, hier ist eine alternde und schrumpfende Gesellschaft die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Bestimmende Faktoren der Entwicklung Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten sind die Konsequenzen einer gestiegenen Lebenserwartung, einer niedrigen Geburtenrate und damit einer Alterung der Gesellschaft. Der Demografiebericht der Bundesregierung schätzt, dass bis zum Jahr 2060 die deutsche Bevölkerung um ein Fünftel gesunken sein wird. Die Auswirkungen betreffen fast alle Lebensbereiche, ihnen muss daher auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene begegnet werden.

Dramatischer Wandel der Arbeitswelt

Jörg Rocholl, Präsident, ESMT European School of Management and Technology, Berlin. Copyright: ESMT European School of Management and Technology, Berlin Mai, 2012

Jörg Rocholl, Präsident der ESMT

Besonders die Arbeitswelt wird sich durch die alternde Bevölkerung wandeln und nicht mehr in der Form existieren, in der wir sie heute kennen. Der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren wird in den nächsten Jahren weiterhin deutlich schrumpfen. Konkret heißt dies, dass im Gegensatz zu den heute 50 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter bereits in weniger als zwanzig Jahren laut Bundesregierung nur noch eine Erwerbsbevölkerung von 42 Millionen vorhanden sein wird.

Humankapital ist eine der wenigen natürlichen Ressourcen Deutschlands. Ein hoher Bildungsstandard hat bisher dazu beigetragen, dass ein ebenso hoher Lebensstandard und Wohlstand erreicht und ausgebaut werden konnte. Deutschlands Rollen als Exportweltmeister und erfolgreicher Innovationsstandort sind auch durch das bisherige Potential hoch qualifizierter Arbeitskräfte erreicht worden. Diese Errungenschaften scheinen durch den demografischen Wandel in Frage gestellt.

Unternehmen vor großen Herausforderungen

Unternehmen, und vor allem ihre Personalverantwortlichen, stehen daher vor großen Herausforderungen. Gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft und Politik sind sie gefragt, wenn es darum geht, Lösungsvorschläge zu entwickeln und Ideen zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Dabei geht es auch um die bessere Nutzung der bereits vorhandenen Arbeitskräfte- und Innovationspotenziale. Unternehmen werden sich in Zukunft gezielt auf die bislang nicht ausreichend genutzten Potenziale von Personengruppen wie Frauen, älteren Arbeitnehmern oder Menschen mit Behinderungen einstellen, um den wachstumshemmenden Konsequenzen des demographischen Wandels und einem drohenden Fachkräftemangel begegnen zu können.

Zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nicht nur durch verstärkte Angebote zur Kinderbetreuung, sondern auch durch familiengerechte Arbeitsbedingungen und einer zielgerichteten Personalpolitik beigetragen werden. Verbesserte Karrierechancen und Aufstiegsmöglichkeiten sind weitere Anreize für eine verstärkte Erwerbstätigkeit von Frauen. Ältere Beschäftigte sind eine weitere Personengruppe, die in der sich verändernden Arbeitswelt verstärkt in den Fokus genommen werden muss. Ihre vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und ihr Erfahrungswissen müssen genutzt werden. Neben der Motivation der Beschäftigten in jeder Phase ihres beruflichen Lebens ist daher vor allem lebenslanges Lernen ein wichtiger Punkt, auf den verstärkt geachtet werden muss.

Bildung als entscheidender Faktor

Ein erhöhtes Bildungsniveau spielt auch in einem weiteren Bereich eine wichtige Rolle. Die gezielte Förderung von Talenten muss ausgebaut und einem Brain Drain aktiv entgegengewirkt werden. Die damit verbundene Steigerung der Arbeitsproduktivität und eine höhere Erwerbsquote kann zumindest teilweise die Verringerung des Produktions- und Wachstumspotenzials kompensieren. Neben Unternehmen sind auch Hochschulen gefordert, herausragende Kräfte aus aller Welt anzuziehen. Dafür müssen sie sowohl durch ihre Inhalte als auch durch ihre organisatorischen Voraussetzungen hochqualifizierte Studierende, Führungskräfte und Wissenschaftler überzeugen. Da auch Forschung und Innovation die Grundlage für wichtige Wachstumseffekte bilden, spielen Hochschulen eine Schlüsselrolle in unserer sich verändernden Gesellschaft.

Eine der Aufgaben von Hochschulen ist es, als Diskussionsplattform für aktuelle Diskurse zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu wirken. Die ESMT European School of Management and Technology hat daher ihr fünftes ESMT Annual Forum unter das Thema „Leading Across Generations“ gestellt. Gemeinsam mit der International Leadership Association (ILA) bringt die internationale Hochschule in Berlin Fachleute zusammen, um über die bestehenden demografischen Herausforderungen in der Arbeitswelt zu diskutieren und zu beraten. Vorstände führender globaler Unternehmen und renommierte Wissenschaftler werden vom 13. bis 15. Juni u.a. über Fragen zu Arbeitsplatzstrukturen, Mentoring und Coaching, Bindung und Motivation sowie lebenslangem Lernen diskutieren. Dabei geht es um so unterschiedliche Themen wie der Organisation des Wissenstransfers und der Kommunikation zwischen den Generationen, den altersabhängigen Unterschieden in Bezug auf Motivation und Engagement oder der Effektivität unterschiedlichen Führungsverhaltens. Das Anliegen des diesjährigen ESMT Annual Forum ist es, internationale Experten zusammenzuführen, um den Herausforderungen des demografischen Wandels mit Lösungsansätzen, insbesondere im Personalbereich, zu begegnen.

Jörg Rocholl ist seit Juli 2011 Präsident der ESMT. Er ist außerdem Dean of Faculty, Full Professor und hält den Ernst & Young Chair in Governance and Compliance an der ESMT. Er kommt von der Kenan-Flagler Business School der University of North Carolina at Chapel Hill, USA. Seine Forschung konzentriert sich auf Corporate Finance, Unternehmensführung und Financial Intermediation. Für die Boston Consulting Group sowie für die Deutsche Bank war er in Frankfurt, London und New York tätig.

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