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Wirtschaft

Industrieländer zapfen ihre Ölreserven an

Die Internationale Energieagentur (IEA) will aufgrund der Unruhen in Libyen die strategischen Ölreserven ihrer Mitgliedstaaten anzapfen. Deutschland verkauft zum ersten Mal seit sechs Jahren einen Teil seiner Ölvorräte.

Ein Öltank im Hamburger Hafen (Foto: dpa)

Die Industriestaaten wollen die libyschen Förderausfälle kompensieren

Im Kampf gegen hohe Ölpreise und drohende Engpässe bei der Ölförderung verkaufen die Industriestaaten Teile ihrer strategischen Ölreserven. Unter Federführung der Internationalen Energieagentur (IEA) sollen im Juli 60 Millionen Barrel (je 159 Liter) auf den Markt gebracht werden. Die Agentur berät 28 Industrieländer in Energiefragen - darunter auch Deutschland.

Es sei erst das dritte Mal in der Geschichte der IEA, dass die Mitgliedsländer auf ihre strategischen Ölvorräte zurückgriffen, teilte IEA-Generaldirektor Nobuo Tanaka am Donnerstag (22.06.2011) in Paris mit. Die Agentur begründete die Maßnahme damit, dass die Auswirkungen der libyschen Produktionsausfälle auf den Ölmarkt größer geworden seien. Dies könne die zerbrechliche Erholung der Weltwirtschaft gefährden. Durch den Bürgerkrieg in Libyen seien bis Ende Mai 132 Millionen Fass Öl ausgefallen.

Ölpreis sinkt

Das Mineralöllager im Rheinhafen in Bendorf (Archivfoto: dpa)

Das größte Mineralöllager zwischen Mainz und Köln steht im Rheinhafen in Bendorf

Die Mitgliedstaaten der IEA wollen nach Angaben der Agentur aus ihren Reserven 30 Tage lang täglich zwei Millionen Barrel verkaufen. Die Hälfte davon steuern die USA bei. Deutschland verkauft zum ersten Mal seit sechs Jahren einen Teil seiner Reserven - insgesamt 4,2 Millionen Barrel, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte.

Nach der Ankündigung sackten die Ölpreise zunächst ab. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent verbilligte sich bis Handelsschluss am Donnerstag auf 107,90 Dollar. Das war ein Minus von etwa fünf Prozent im Vergleich zum Vortag. Am Freitag (24.06.2011) stieg der Preis allerdings wieder auf 108,34 Dollar.

Unverständnis bei Rohstoffexperten und Opec

Für Fachleute kam die Entscheidung der IEA überraschend. "Es ist verwunderlich, dass jetzt zusätzlich Öl auf den Markt geworfen wird", sagte der Rohstoffexperte des hamburgischen WeltWirtschaftsInstitituts (HWWI), Leon Leschus, der Nachrichtenagentur Reuters. "Denn in den USA und China mehren sich die Hinweise für eine Konjunkturabkühlung, die auch die Ölnachfrage drücken dürfte." Zudem verfüge die Gemeinschaft Öl Exportierender Länder (Opec) über genügend Reserven, um die Lieferausfälle Libyens zu kompensieren.

Bei der Opec stieß die Maßnahme der IEA auf Unverständnis. Der Ölpreis sei nicht auf 150 Dollar hochgeschossen und es gebe auch keine Engpässe, sagte ein Opec-Vertreter aus den Golf-Staaten. "Es gibt keinen Grund, dies zu tun."

Die Reserven der Industrieländer

Die IEA wurde nach der Ölkrise 1973/74 gegründet, als Lieferungen aus dem Nahen Osten auszubleiben drohten. Die gesamten Öl-Reserven der IEA-Mitgliedsstaaten umfassen derzeit nach ihren eigenen Angaben 4,1 Milliarden Barrel. Die Reserven sollen reichen, um in Notfällen etwa 90 Tage den durchschnittlichen Verbrauch des jeweiligen Landes zu decken. Die USA besitzen mit 727 Millionen Barrel die weltweit größten Ölreserven. Sie sind mit China auch der weltgrößte Ölverbraucher.

Hand hält eine Benzin-Zapfpistole (Archivfoto: dpa)

Die Auswirkungen auf die Preise an den Tankstellen waren zunächst unklar

Deutschland lagert zwischen 20 und 25 Millionen Tonnen Öl. Zuletzt ging die Bundesrepublik 2005 an ihre Reserven, als der Wirbelsturm "Katrina" im Golf von Mexiko die dortige Ölproduktion zum Erliegen brachte und die Preise drastisch steigen ließ.

Unklare Folgen an den Tankstellen

Ob der Benzinpreis in den nächsten Tagen oder Wochen fallen wird, war nach der Ankündigung der IEA zunächst unklar. Die französische Regierung forderte die Tankstellenbetreiber vorsorglich auf, den zu erwartenden Rückgang der Ölpreise unverzüglich an die Verbraucher weiterzugeben. Jede Preissenkung müsse schnell an den Zapfsäulen zu sehen sein, ließ Energieminister Eric Besson mitteilen.

Autor: Martin Schrader (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Annamaria Sigrist

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