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Kultur

"Indische Literatur ohne Multilingualität nicht vorstellbar"

Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse sprach DW-WORLD.DE mit dem indischen Autor Amit Chaudhuri über das große Interesse an indischer Literatur im Westen und die Rolle der englischen Sprache in dem vielseitigen Land.

Amit Chaudhuri bedauert den Erfolg englischsprachiger Literatur aus Indien

Amit Chaudhuri bedauert den Erfolg englischsprachiger Literatur aus Indien

Amit Chaudhuri ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Indiens, der in englischer Sprache publiziert. Darüber hinaus ist er gefragter Essayist und Literaturkritiker, er arbeitete für den "Guardian" und die Literaturbeilage der "Times". Seine Bücher "Die Melodie der Freiheit" und "Betörungen und fromme Lügen" wurden unter anderem mit dem "Commonwealth Writers Prize" und dem "Los Angeles Times Book Prize" ausgezeichnet. Chaudhuri nimmt an der Frankfurter Buchmesse teil, die am 4. Oktober beginnt und als Schwerpunktland Indien gewählt hat.

DW-WORLD: Wie erklären Sie sich das wachsende Interesse des Westens an englischsprachiger indischer Literatur?

Buchcover von Chaudhuri: Kein direkter Bezug zur Globalisierung

Buchcover von Chaudhuri: "Kein direkter Bezug zur Globalisierung"

Amit Chaudhuri: Als erstes fällt einem da natürlich der Erfolg von Salman Rushdies "Mitternachtskinder" in den frühen 1980er Jahren ein. Ich glaube jedoch nicht, dass das der alleinige Ursprung war: Es gibt viele interessante englischsprachige Autoren in Indien, die Rushdie vorausgingen. Der Erfolg von "Mitternachtskinder" hat im Westen zu einer Identifikation dieser speziellen Literaturform mit indischer englischsprachiger Literatur im Allgemeinen geführt. Das ist nicht richtig: indische Literatur ist sehr viel heterogener.

Ich denke, dass das Interesse des Westens für die englischsprachige Literatur Indiens mit dem Interesse für die Rolle des Englischen in Indien im Allgemeinen und an dem Land als emporkommende Supermacht zusammenhängt.

Ist dieses Image als kommende ökonomische Supermacht von Indien nicht angestrebt?

Ja, das ist vor allem eine Darstellung der indischen Mittelschicht und hängt mit der Idee zusammen, dass Indien im Prozess der Globalisierung ein großer Player werden könnte. Wir haben lange Anstrengungen unternommen, um eine regionale Supermacht zu werden, und als das erreicht war, wollten wir eine Weltmacht werden. Jetzt haben wir die Aussicht auf einen Platz im UN-Sicherheitsrat und arbeiten weiter an der Steigerung unseres Prestiges. Die Trennlinie zwischen postkolonialem Stolz und imperialistischen Ambitionen ist sehr dünn - und die englischsprachige Literatur überschreitet sie. Ich wünschte, sie hätte weniger Erfolg und würde mich über eine Literatur freuen, die vieldeutiger und selbstkritischer ist. Ich persönlich bin als Autor von der englischsprachigen Literatur Indiens befremdet.

Denken Sie, dass die indische Literatur auch unter der Modernisierung des Landes und seiner Begeisterung für die Globalisierung gelitten hat?

Ich halte eine Außenseiter-Position für jede Gesellschaft für enorm wichtig Jede kulturelle Praxis, egal ob akademisch oder literarisch, braucht die Positionen der Außenseiter, Tagträumer und sogar der Versager. Sie sind unerlässliche Kategorien bei der Erschaffung eines tatkräftigen und selbstkritischen sozialen und intellektuellen Raumes - weil sie eine konstante Machtkritik ausüben.

Meine Sorge besteht darin, dass Indien in den letzten zwanzig Jahren keinen Platz gelassen hat für die Meinung von Außenseitern, keinen Platz für das Versagen. Seine Rhetorik ist auf Erfolg beschränkt - so wird über die englischsprachige Literatur ebenso wie über jedes andere Thema nur mit Begriffen des Erfolges gesprochen. Was nicht erfolgreich ist, wird in Indien unsichtbar.

Vor allem im Westen wird oftmals vergessen, dass Englisch nur die Sprache eines sehr geringen Prozentsatzes der Inder ist. Denken Sie, dass die gegenwärtige Popularität des englisch-indischen Romans auf Kosten der Schriftstellerei in Landessprachen geht?

In der indischen Gesellschaft ist kein Platz für Versagen

In der indischen Gesellschaft ist "kein Platz für Versagen"

Ich zögere, das kategorisch zu bejahen. Landessprachliche Bücher bekleiden einen anderen Raum. Offensichtlich kann und will Kannada-Literatur (Literatur des südindischen Staates Karnataka, Anm. d. Red.) nicht im Namen von Indien sprechen oder vortäuschen, indische Literatur zu sein. Allein die Literatur auf Englisch hat den Anspruch, die Geschichte des Landes und seine Geschlossenheit zu repräsentieren - das ist für viele Leute eines der interessantesten Dinge an der englischsprachigen indischen Literatur. Es hat aber auch seinen Preis. Die landessprachliche Belletristik hat sicherlich unter dem Aufstreben der englischen Literatur gelitten, aber ebenso musste die englische Literatur Verluste in ihrer Qualität hinnehmen. Das alleinige Bestreben, Pan-indische Romane zu schreiben, kann kein langfristiges Ziel sein - es muss auch andere Gebiete geben. Generell ist die indische Literaturlandschaft ohne die Mulilingualität nicht vorstellbar.

Die Frankfurter Buchmesse will die Aufmerksamkeit europäischer Verlage auch auf indische Literatur in Landessprache zu lenken. Denken Sie, dass aus dem Indischen übersetzte Werke Anklang bei deutschen Lesern finden werden?

In Deutschland besteht großes Interesse an Büchern in indischen Regionalsprachen. Viele Bücher sind nicht ins Englische, wohl aber ins Deutsche übersetzt worden. Das ist eine interessante Sache, denn ebenso wie Indien hat Deutschland seine eigene Form regionaler Identität. Ich selbst bin bei Reisen nach Deutschland immer erstaunt, weißen Menschen zuzuhören, die nicht Englisch sprechen. Das ruft mir ins Gedächtnis zurück, dass Regionalismus nicht nur mit Indien, sondern auch mit Europa zu tun hat. Und hier in Deutschland erlaubt diese regionale Kultur sehr liberale Experimente mit der Kunst, was in anglophonen Gesellschaften nicht mehr vorkommt - dort ist der Markt sehr viel homogener.

Das freie Experiment scheint das gemeinsame Element von deutschen und indischen Autoren zu sein - und das, was sie so interessant macht. Die landessprachliche Literatur in Indien setzt eigene Impulse und bildet ein Gegengewicht zur Globalisierung. Jetzt kommt es darauf an, Werke in Landessprache adäquat zu übersetzen und einen Weg zur Zusammenarbeit zu finden.

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