1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Indische Leihmütter - umstrittene Dienstleister

Leihmutterschaft ist in der westlichen Welt weitgehend verboten. In Indien ist sie legal, ein boomender Wirtschaftszweig - und für viele westliche Paare die letzte Hoffnung.

Indian surrogate mothers listen to Dr. Nayna Patel (L, seated) at a 'surrogate mothers' home in Anand, some 90 kms from Ahmedabad, on March 11, 2010. Commercial surrogacy, made legal in India in 2002 and popular among foreign couples who are unable to conceive, has provided a large source of income for some Indian women acting as surrogate mothers despite local stigmas and ethical debates. AFP PHOTO/Sam PANTHAKY (Photo credit should read SAM PANTHAKY/AFP/Getty Images)

Indien Leihmutterschaft

Das Thema Leihmutterschaft bewegte in Indien zum ersten Mal im Jahr 2004 die Gemüter. Damals ging die Nachricht durch die Medien, dass eine 47-jährige Großmutter in dem westlichen Bundesstaat Gujarat für ihre eigene Tochter Zwillinge auf die Welt gebracht hatte. Was vielen nicht bewusst war: Leihmutterschaft ist in Indien seit 2002 gesetzlich erlaubt. Inzwischen hat sie sich zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig entwickelt. Rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz verzeichnete der Sektor laut der indischen Industriellenvereinigung CII (Confederation of Indian Industry) im Jahr 2012.

Im größten Teil Europas ist Leihmutterschaft allerdings gesetzlich verboten. Das Auswärtige Amt in Deutschland drückt sich klar aus. "Falls Sie erwägen, in Indien ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen, beachten Sie bitte folgende Hinweise: Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Ein von einer Leihmutter geborenes Kind eines deutschen Staatsbürgers hat keinen Anspruch auf einen deutschen Reisepass", heißt es in den offiziellen Reiseinformation. Im Jahr 2010 verweigerte Deutschland Zwillingen, die von einer indischen Leihmutter auf die Welt gebracht wurden, die Anerkennung der deutschen Staatbürgerschaft.

Indien sei Dank!

Die Australier Nathan und sein Partner mit ihrer Tochter Yindi (Foto: DW)

Glückliche Eltern: Nathan aus Australien und sein Partner

Doch für viele Menschen weltweit ist Indien eine preiswerte und einfache Alternative. "Unsere Kunden stammen aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Irland, Spanien, Japan, Norwegen, Schweden, Israel, Argentinien, Brasilien, Ecuador und Cuba", erklärt Dr. Shivani Sachdev Gour, die in der indischen Hauptstadt Delhi mit ihrem Mann zusammen die Klinik für Leihmutterschaft "Surrogacy Centre India" (SCI) führt.

Nathan aus Australien ist einer ihren vielen Kunden. Er ist vor kurzem Vater von Zwillingen geworden. "Jeden Tag sehen wir unsere Babys an, lächeln und sagen Indien unseren Dank", strahlt der glückliche Vater eines Sohn und einer Tochter. Nachdem er sechs Jahren mit seinem homosexuellen Freund zusammen war, hatten beide den Wunsch, eine Familie zu gründen. "Aber Adoption ist in Australien schwierig", erklärt Nathan. "Es stehen kaum Kinder dafür zur Verfügung". Das Paar entschied sich für eine Leihmutterschaft, doch auch dieser Weg ist in Australien kompliziert. "Die Gesetze sind verwirrend. Es ist zum Beispiel illegal, Frauen für das Austragen eines fremden Kindes zu bezahlen." Freunde entdeckten dann Berichte über Indien und empfahlen dem Paar, sich dorthin zu orientieren. Dieser Weg habe sich wirklich gelohnt, sagt Nathan. Allerdings habe das Elternglück auch einiges gekostet, für das gesamte Verfahren musste das Paar umgerechnet knapp 30.000 Euro ausgeben.

Medizintourismus

Wie viele andere in der gleichen Situation, nahm Nathan Kontakt mit der SCI-Klinik für Leihmutterschaft in Neu Delhi auf. "Wir erhalten monatlich 400 bis 500 Anfragen", erklärt Klinikleiter Dr. Vishal Dutt Gour. Seit er 2008 begann, mit Leihmüttern zu arbeiten, hat er rund 500 Geburten betreut. Das Zentrum erhalte die meisten Anfragen über das Internet, "viele Interessenten kommen aber auch aber auch über medizinische Reiseveranstalter zu uns", erklärt er.

Im Rahmen eines boomenden Medizintourismus in Indien gibt es auch immer mehr professionelle Vermittlungsorganisationen für Leihmutterschaft. Davon profitieren Kliniken wie das "Surrogate Center India". Dessen Webseite verspricht "medizinische Behandlung auf Fünf-Sterne-Niveau" für die Leihmütter. Für die zukünftigen Eltern gibt es spezielle Angebots-Pakete: Sie enthalten Privatwagen mit Chauffeur, Hotel mit Preisgarantie und Einkaufsmöglichkeiten.

Wann wurde das Bild gemacht?:06.02.13 Wo wurde das Bild aufgenommen?: SCI, Neu Delhi Am Schreibtisch: Shivani und Vishal Gour vom Surrogate Centre India, Delhi (Foto: DW)

Vermitteln seit 2008 Leihmütter in Delhi: die Ärzte Shivani (re.) und Vishal Gour

Solch ein Angebotspaket beginnt bei 17.000 Euro, sagt Gour. Wie viel die Leihmutter davon erhält, sei, wie bei jedem Beruf, abhängig von ihrer Erfahrung, so Gaur. "Frauen, die zum ersten Mal Leihmutter werden, erhalten nur etwa ein Viertel davon. Trotzdem ist das für sie eine hohe Summe, denn statistisch gesehen verfügen rund 80 Prozent der Inder über ein Jahreseinkommen zwischen rund 300 und 600 Euro.

Armut und Geld

Ärzte wie Vishal Dutt Gour wissen, dass die Frauen diesen Weg hauptsächlich wegen des Geldes gehen. Auch Nathan kennt die Realität: "Es ist eine gute Gelegenheit für diese Frauen, ein Haus zu kaufen oder ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Ich will es nicht im romantischen Licht darstellen und sagen, dass unsere Leihmutter nur einem schwulen Paar helfen wollte." Von Freiwilligkeit bei Leihmutterschaft könne nicht die Rede sein, betonen auch Menschenrechtsorganisationen, da die meisten Frauen sich als Leihmutter zur Verfügung stellen, um der Armut zu entfliehen, heißt es.

Die 29-jährige Leihmutter Beena Devi ist im siebten Monat schwanger. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im zentral gelegenen indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Ihr Mann ist Schneider und sein Gehalt reicht normalerweise nur knapp für den Lebensunterhalt der vierköpfigen Familie. Beide Eltern haben nur wenig Schulbildung genossen. Seit Beginn der Schwangerschaft erhält Beena jeden Monat 12.500 indische Rupien (etwa 175 Euro). Sie weiß, sie wird noch einen großen Betrag bekommen, sobald das Baby da ist. Aber wie viel das sein wird, ist ihr nicht klar. "Das steht im Vertrag, ich weiß es nicht genau", sagt sie lächelnd. Was sie aber genau weiß, ist, dass sie ihren Kinder mit diesem Geld einen besseren Start ins Leben ermöglichen möchte, als sie selbst ihn hatte. Die Kinder sollen eine gute Ausbildung erhalten und damit eines Tages auch bessere Berufschancen.

Während der Schwangerschaft lebt Beena Devi in der Nähe der Fruchtbarkeitsklinik - so lautet die Regel bei Leihmutterschaft. Die junge Frau hat Glück gehabt: Sie konnte eine kleine Wohnung in einem 15-Parteien-Haus beziehen, dort lebt sie mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern. Doch meistens werden die Leihmütter in einer kleinen Kammer untergebracht, wo sie allein, fern der Familie, die Schwangerschaft verbringen müssen. Diese Praxis verurteilen Menschenrechtsorganisationen als unwürdig und unzumutbar.

Abgeben nach der Geburt

Kinder in einer indischen Schule (Foto: DW)

Das Motiv vieler Leihmütter: bessere Schulbildung für ihre Kinder

Leihmütter in Indien müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie dürfen nicht älter als 35 Jahre alt sein und sie müssen bereits eigene Kinder haben. Diese Einschränkungen dienen dazu, Schwangerschaftskomplikationen zu vermeiden, sagen die Ärzte der SCI-Klinik. Doch Kritiker sehen dies anders: Sie glauben, die Klinik wolle auf diese Weise die Gefahr abwenden, dass die Mütter zu viele Gefühle für das Baby entwickeln und am Ende entscheiden, es zu behalten. Beena Devi hat viele finanzielle Schwierigkeiten. Diese Option kommt für sie nicht in Frage. "Es ist nicht mein Kind. Ich werde damit klar kommen, es abzugeben."

Als Beena den Vertrag unterschrieb, hat sie die Eltern ihres Babys kennengelernt. Seitdem hat sie sie nie wieder gesehen. Leihmütter in Indien dürfen keinen Kontakt zu den Kunden haben. Beena Devi hat keine Ahnung, woher das Paar stammt. Sie nennt sie "Angrez", ein in Indien allgemeiner Begriff für alle hellhäutigen Menschen. "Sie haben Englisch gesprochen. Als sie gehen wollten, haben sie 'Thank you' gesagt, nur das konnte ich verstehen", sagt sie. Beena weiß, sie wird das Paar erst nach der Geburt, bei der Übergabe des Babys, wiedersehen. Danach muss Beena mit ihrer Familie wieder in ihr Dorf zurückkehren. Sie würde noch mal Leihmutter werden, wenn das Geld knapp wird, meint sie: "Letztlich mache ich das alles nur für meine Kinder."