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Wirtschaft

Indische Generika in Gefahr

Für viele Entwicklungsländer ist Indien einer der wichtigsten Produzenten von billigen Nachahmer-Medikamenten. Ein neues Patentgesetz hat nun Folgen für Patienten in Asien und Afrika, die auf Generika angewiesen sind.

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Bislang konnte die indische Pharmaindustrie alle Medikamente kopieren, so lange sie einen anderen Produktionsprozess benutzt. Deshalb ist das Land in der Lage, zum Beispiel billige Aids-Medikamente herzustellen. So kosten Tabletten für eine so genannte anti-retrivirale Therapie, die den HI-Virus im Körper des Patienten unterdrückt, statt 10.000 US-Dollar für Markenmedikamente nur 200 Dollar pro Jahr.

Wer kopieren will, muss teuer zahlen

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Als Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) war Indien allerdings gezwungen, spätestens 2005 das internationale Abkommen zum Schutz von Urheberrechten umzusetzen. Mitte März stimmte das Parlament darum über ein neues Patentgesetz ab. Das so genannte TRIPS-Abkommen der WTO legt unter anderem fest, dass neue Produkte, seien es Mobiltelefone, Computer oder Medikamente, einen Patentschutz von 20 Jahren genießen. Wer kopieren will, muss teure Lizenzen bezahlen.

Medikamente für fünf Familienmitglieder

Das kann harte Konsequenzen für die Betroffenen haben: Daniel Berman von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" weiß von einer Familie in Simbabwe zu berichten, in der fünf Menschen an Aids erkrankt sind, die mit Medikamenten versorgt werden müssen. Das sei nur mit billigen Nachahmer-Produkten bezahlbar. "Nun stellen sie sich vor, die Preise gehen 30 Prozent hoch, und sie werden noch viel mehr steigen, wenn es nur noch patentierte Medikamente gibt", sagt Berman. Für diese Familie in Simbabwe bedeute das, dass sie auswählen muss, wer die Medikamente zukünftig bekomme und wer nicht. Denn die Medikamentenversorgung für alle fünf Infizierten sei nicht bezahlbar, berichtet Berman weiter.

Die indische Regierung und große Teile der indischen Wirtschaft selbst haben ein großes Interesse an den Vorteilen strenger Patentregeln. In der Pharma-Industrie beispielsweise soll der Patentschutz die Erforschung und Entwicklung von neuen Medikamenten im eigenen Land anregen. Damit könnte das Schwellenland Indien den Sprung in die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt schaffen.

Schlupflöcher sichern

AIDS in Mexiko

Eine Aids-kranke obdachlose Frau in Mexiko

Demgegenüber stehen die Interessen von Millionen Menschen vor allem aus Entwicklungsländern, die an Aids, Malaria oder Tuberkulose leiden. Um ihnen den Zugang zu bezahlbaren Medikamenten zu sichern, haben Lobbyisten - kleine und große Gesundheitsorganisationen - einige Schlupflöcher in den Handelsabkommen sichern können.

So wird es wahrscheinlich keinen großen Preisanstieg geben bei Medikamenten, die schon vor Januar 2005 produziert wurden. "Das ist eine der Nachbesserungen, die das indische Parlament vorgenommen hat. Sie verordnet eine Art von automatischer Lizenz für Produkte, die indische Unternehmen schon herstellen", sagt Julian Fleet von UN-AIDS, der Aids-Hilfsorganisation der Vereinten Nationen.

Zwar müssen die Pharmaunternehmen aus Indien trotzdem noch Tantiemen für das Kopieren der schon bestehenden Medikamente bezahlen. Die werden jedoch laut Einschätzung von UN-AIDS nicht sehr hoch ausfallen. Das heißt zunächst: Entwarnung für die Familie aus Simbabwe und für hunderttausende weitere HIV-Infizierte, die billige Generika aus Indien kaufen.

Resistenzen bereiten erhebliche Probleme

Probleme könnten allerdings schon nach ein bis zwei Jahren entstehen. In diesem Zeitraum entwickeln HIV-Patienten üblicherweise Resistenzen gegen ihre Medikamente und brauchen neu entwickelte Präparate, um den tödlichen Virus weiterhin unterdrücken zu können. Die fallen dann aber unter den internationalen Patentschutz.

Malaria Plakat in Afrika

Ein Anti-Malaria-Plakat in Nigeria. Viele Menschen in Afrika können sich keine teuren Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung der Infektion leisten.

Hier hofft Fleet von UN-AIDS auf eine weitere Nachbesserung am neuen Patentgesetz, die das indische Parlament vorgenommen hat: "Indien wird von einer weiteren Schutzmaßnahme des internationalen Abkommens profitieren können: den Zwangslizenzen. Das heißt, Indien kann im Rahmen der Maßgaben des TRIPS-Abkommens Zwangslizenzen für anti-retrovirale oder andere Medikamente erteilen, selbst wenn für diese ein Patent in dem Land angemeldet ist."

Anfang vom Ende?

Unter welchen Bedingungen diese Zwangslizenzen erteilt werden, ist allerdings noch unklar. Außerdem hat sich Indien eine Frist von drei Jahren auferlegt, nach der die Zwanglizenzen erst möglich sind. "Ärzte ohne Grenzen" ist darum skeptisch und meint, das neue indische Patentgesetz sei der "Anfang vom Ende der erschwinglichen Generika". Die Organisation kritisiert vor allem, dass das Gesetz keine Rate für die Lizenzen festlegt. Als Konsequenz erwartet die Organisation endlose Rechtsstreits und Verzögerungen.

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