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Wirtschaft

Indische Eliten kehren heim

Der Wirtschaftsboom auf dem Subkontinent lockt Exil-Inder in die Heimat zurück. Immer mehr IT-Spezialisten, Banker, Manager folgen dem Ruf. Das ist gut für Indien. Doch die Folgen für Europa und die USA sind unabsehbar.

Männer vor Computerbildschirmen (Quelle: dpa)

Von der Wall Street nach Mumbai: Indische Experten kehren den USA den Rücken

Nach seinem Physikstudium am Indian Institute of Technology (IIT) war der Gang ins Ausland für Asim Mahmood ausgemachte Sache. Mehrere Top-Unis in Großbritannien winkten mit Stipendien. Mahmood entschied sich für eine Promotion an der Universität Oxford. Doch nach vier Jahren in Europa zog es den promovierten Astrophysiker wieder in die Heimat. Kurz nach seiner Rückkehr wechselte der heute 32-Jährige auch gleich noch das Fach und arbeitet nun für eine große amerikanische Investmentbank in der indischen Finanzmetropole Mumbai.

"Brain Gain" statt "Brain Drain"

Mehrere Personen sitzen vor Computerbildschirmen (Quelle: dpa)

Technologiemetropole Bangalore: Viele Chancen für Heimkehrer

Mahmoods Lebenslauf ist für viele seiner Landsleute mittlerweile typisch. Für Absolventen indischer Eliteschmieden wie der IITs galt der Weg nach Westen lange als ein Aufbruch in ein besseres Leben – Rückkehr ausgeschlossen. Doch der indische Wirtschaftsboom hat diese Annahme in den letzten Jahren zusehends in Frage gestellt. Zu Tausenden strömen indische Banker, Manager und IT-Experten, besonders aus den USA aber auch Europa, zurück nach Indien. Die Rede ist vom "Brain Gain" statt des "Brain Drain", mit dem lange die Abwanderung junger Talente beschrieben wurde.

Indischer Wirtschaftsboom lockt Eliten

Die Gründe dafür sind vielfältig. Im indischen Finanzsektor oder im IT-Bereich verdienen Fachkräfte mittlerweile fast die Hälfte dessen, was im Silicon Valley oder in der Londoner City gezahlt wird. "In den letzten fünf Jahren haben sich die Löhne in einigen dieser Bereiche fast verdoppelt", sagt Ashish Gupta, Indien-Chef der Marktforschungsgruppe Evalueserve. Gemessen an den weit niedrigeren Lebenshaltungskosten in Indien "lebt es sich aber in Mumbai, Delhi oder Bangalore nun fast genauso gut, wenn nicht besser" als in den USA oder Großbritannien, sagt er.

Mann spricht zu Auditorium, rechts neben ihm ein aufgeklappter Laptop (Quelle: dpa)

Kaderschmiede IIT: Von jeweils 100 Studienbewerbern werden nur zwei angenommen

In der vergangenen Woche hat Evalueserve Zahlen für diesen Trend vorgestellt. Das Unternehmen befragte dafür 677 Absolventen der IIT- Elitehochschulen. Das Ergebnis: Seit 2002 haben nur 16 Prozent der Abgänger die Reise ins Ausland angetreten. Zwischen 1964 und 2001 waren es jährlich im Schnitt 35 Prozent. Nach anderen Schätzungen zählt alleine die Region um den Technologiestandort Bangalore über 40.000 Rückkehrer. Laut Evalueserve "korrelieren die Zahlen mit dem Wirtschaftswachtum". Das hat in den vergangenen Jahren immer bei acht bis neun Prozent gelegen. Ein Ende des Booms ist nicht absehbar.

Rückkehrmotiv: Familie und Freunde

Asim Mahmood bestätigt die Vermutung der Marktforscher: "In Indien eröffnete sich mir gleich eine ganze Reihe von Jobchancen." Doch auch wenn wirtschaftliche Aspekte für die Rückkehrer wichtig sind, so liegt ihre eigentliche Motivation für den Schritt in die Heimat ganz woanders. "Ich wollte aus persönlichen Gründen wieder nach Indien", sagt Mahmood und nennt die Nähe zu Familie und Freunden.

Aus ähnlichen Gründen denkt auch Vardaan Vashisht über eine Rückkehr nach Indien nach. Der 34-Jährige lebt bereits seit zehn Jahren in den USA und hat in New York sein eigenes Internetunternehmen aufgebaut. Auch wenn er seinen US-Standort nicht aufgeben will, "möchte ich meine Firma nach Indien bringen und dort persönlich die meiste Zeit verbringen", sagt Vashisht.

Schlechtere Bedingungen im Westen

Hochhäuser aus der Luft (Quelle: dpa)

Wirtschaftsboom: In Mumbai entstehen neue Wohnkomplexe

Es ist nicht nur die Attraktion von "Shining India" – so der Slogan, den die indische Regierung zur Jahrtausendwende ausgab – die ihre verlorenen Söhne und Töchter in die Heimat zieht. Auch zunehmend schlechtere Bedingungen in den USA drängen viele Inder zur Rückkehr. "Wirtschaftlich geraten die Dinge hier in den USA ins Stocken", sagt Internetunternehmer Vashisht.

Strenge Einwanderungsregeln tun ihr Übriges. "Die Visa-Politik in den USA ist erbärmlich", sagt Gaurav Chawla, der fünf Jahre in den USA studierte und arbeitete. "Es sind zu viele Bedingungen daran geknüpft. So sollte ich drei Jahre bei derselben Firma bleiben." In der schnelllebigen IT-Branche kommt dies einer Karrierebehinderung gleich. "Ich kenne Leute, die nachts nicht mehr schlafen konnten, weil sie sich Sorgen um ihr Visum gemacht haben", sagt der 28-jährige Ingenieur, der nun in Mumbai als Investmentbanker arbeitet.

Neuer Blick für alte Probleme

Slumhütten, im Hintergrund Hochhäuser (Quelle: AP)

Reichtum und bittere Armut existieren in Indien nebeneinander

Die Rückkehrer gehören zur Elite des Subkontinents – wirtschaftlich, gesellschaftlich und zunehmend politisch. Ihre Zeit im Ausland hat es ihnen ermöglicht, ihr Land sprichwörtlich von außen zu betrachten und dabei einen neuen Blick für die Probleme Indiens zu gewinnen – allen voran die bittere Armut, in der immer noch mehrere Hundert Millionen Inder gefangen sind. Ex-Wall-Street-Banker finanzieren nun Sozialprojekte in der Heimat; ehemalige Mikrochip-Designer aus Silicon Valley haben begonnen, moderne IT-Infrastrukturen für lokale und regionale Verwaltungen in Indien zu bauen.

Indische Abwanderung "schwächt den Westen"

Die Heimkehr vieler Exil-Inder hat einen weiteren Effekt: Sie stärkt nicht nur die aufstrebende Supermacht – sondern schwächt auch die USA und Europa, warnt Ashish Gupta von Evalueserve. "In Europa ist die Demographie schuld – zu wenig Geburten; in den USA die Bildung: die Zahl der [einheimischen] Studenten im Technologiebereich stagniert oder sinkt bereits", sagt Gupta. Das Resultat sei das Gleiche: "Ein eklatanter Fachkräftemangel, der durch die Abwanderung der Inder noch verschärft wird." Mittlerweile gibt es sogar Hinweise, dass Amerikaner und Europäer nach Indien gehen, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechnen.

Und "Chance" ist das eigentliche Schlüsselwort. Was Exil-Inder in die Heimat zieht, ist mehr als die Summe aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen. "Es ist die Chance, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, den eigenen Lebensentwurf umzusetzen", sagt Investmentbanker Chawla. Trotz des wirtschaftlichen Erfolges im Westen sei vielen Indern dies in den USA schwergefallen. "Amerika als das Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten? Nicht wirklich", sagt er. "In Indien dagegen immer mehr." Auch wenn noch viel im Argen liegt. Viele Menschen in der global verstreuten indischen Diaspora sehen dies offenbar ähnlich. Und doch hat der große Treck in die Heimat gerade erst begonnen.

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