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Politik

Indische Eigenständigkeit im Fokus

Die Regierung in Neu-Delhi will die Folgen der Flutkatastrophe selbst bewältigen. Was wie Arroganz wirkt, ist eine neue Strategie: Die Atommacht Indien soll als Regionalmacht wahrgenommen werden, meint Thomas Bärthlein.

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Mit annähernd 10.000 Toten und 5000 Vermissten ist Indien nach Indonesien und Sri Lanka das am drittstärksten von der Tsunami-Katastrophe getroffene Land. Aktuellen Schätzungen zufolge dürften die materiellen Schäden in Indien in einer Größenordnung von zwei Milliarden Euro liegen.

Im Ausland hat es da viele verwundert, dass Indien auf internationale Hilfe verzichtet - zumal Berichte vor allem von den abgelegenen Andamanen- und Nikobaren-Inseln nahe legen, dass an vielen Orten dort die Hilfe-Leistungen erst spät angekommen sind. Daher mischt sich in die Bewunderung für Indiens Verzicht auch Kritik an der indischen Regierung.

Gute Gründe

In Indien selbst ist solche Kritik nicht zu hören. Im Gegenteil, es wird begrüßt, dass Indien seine "Hilfe-Mentalität" überwunden habe. Das sind keine ganz neuen Töne. So hat Indien gegenüber den meisten Geberländern auch schon auf Entwicklungshilfe verzichtet. Es gibt gute Gründe dafür: Indien ist mit Wachstumsraten um die sechs bis acht Prozent und beträchtlichen Devisenreserven eigentlich kein armes Land mehr.

Die Auswirkungen des Seebebens sollten in einem Land mit kontinentalen Ausmaßen zu bewältigen sein, weil sie eher eine lokale Dimension haben. Und zumindest auf dem indischen Festland, in Tamil Nadu an der Südost-Küste, sind die Hilfsoperationen offenbar auch erfolgreich. Die indische Bevölkerung hat bereits 60 Millionen Euro an Spenden für die Opfer gesammelt.

Eigenständigkeit unter Beweis stellen

Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1947 hat die ehemalige Kolonie Indien großen Wert auf Eigenständigkeit gelegt. Jetzt ist eine Gelegenheit, diese Autarkie unter Beweis zu stellen. Dass viele Inder darauf stolz sind, ist berechtigt, und genauso der Wille, eine passive "Nehmer-Mentalität" hinter sich zu lassen.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Indien mit ausländischer Hilfe die Katastrophe besser bewältigt hätte - wo die lokale Infrastruktur zerstört ist, hätte es einen Großteil der Probleme von Koordination und Logistik auch mit ausländischen Helfern gegeben, wie die anderen betroffenen Regionen zeigen.

Unglaubwürdige Gabe

Zweifel kann man höchstens bekommen, ob es angesichts dieser Probleme wirklich Vorrang hatte, dass Indien nach dem Desaster prompt eigene Hilfslieferungen nach Indonesien, auf die Malediven und Sri Lanka losgeschickt hat. Dahinter steckt natürlich auch der Wunsch, sich in der Region und weltweit als verantwortungsbewusster Kandidat auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu profilieren. Solange die Lage im eigenen Land nicht unter Kontrolle ist, wirkt das auf internationaler Ebene allerdings nicht besonders glaubwürdig.

Das Vorurteil im Westen, asiatische Länder könnten mit einer solchen Katastrophe nicht fertig werden, ist sicher falsch - das zeigt auch das Beispiel von Thailand, das ebenfalls weitgehend alleine die Tsunami-Folgen bewältigt und dabei effizienter ist als die Nachbar-Länder.

Andererseits muss man zwischen vernünftigem nationalen Selbstbewusstsein und Nationalismus unterscheiden. Darüber diskutiert man in diesen Tagen zu Recht auch in Indien - wenn es zum Beispiel darum geht, übertriebene Sicherheitsbedenken zurückzustellen, damit sich das Land an einem gut funktionierenden internationalen Tsunami-Frühwarnsystem beteiligen kann.

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