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Global Ideas

Indigene Klimaschützer

Der Klimawandel trifft indigene Völker besonders stark. Ihr Wissen um die ursprünglichen Gebiete, in denen sie wohnen, macht sie zu wichtigen Akteuren im Kampf gegen den Klimawandel.

Foto: Vertreter der First Nations in traditioneller Kleidung und mit Federschmuck beim Einzug in die Rodeo-Arena während eines Tanz-Festivals. (ddp images/AP Photo/Rick Bowmer)

Vertreter der "First Nations" in Nordamerika – aber indigene Völker gibt es auf der ganzen Welt.

Ob in der Arktis, tropischen Wäldern oder abgelegenen Küsten- und Hochgebirgsregionen – von den ersten Bewohnern dieser Gebiete leben immer noch viele im Einklang mit der Natur. Diese sogenannten indigenen Völker sind von den Auswirkungen des Klimawandels besonders betroffen. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sie in der globalen Klimadebatte mehr in den Fokus rücken. Viele Regionen, in denen sie leben – besonders Waldgebiete – sind von zentraler Bedeutung für den globalen Klimaschutz.

Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinem letzten Bericht festgehalten, dass indigene Völker besonders unter dem Klimawandel leiden bzw. leiden werden. Das liegt vor allem daran, dass sie häufig in fragilen Ökosystemen leben, in schwer zugänglichen Teilen der Welt. Gerade diese Abgeschiedenheit schützte sie lange vor Eingriffen von außen. Erst mit der großen Rohstoffnachfrage seit Beginn des Industriezeitalters wurden auch die Wüsten Afrikas, die arktische Tundra oder die tropischen Regenwälder des Amazonas zum Ziel externer Interessen. Mit teils dramatischen Folgen, besonders für Waldgebiete, die unter dem Holzeinschlag leiden. Bis zu ein Fünftel der weltweiten CO2-Emissionen geht auf die Waldzerstörung zurück, so eine von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Auftrag gegebene Studie.

Indigene beim Klimaschutz "wichtige Akteure"

Da viele indigene Völker im und vom Wald leben, wurden sie bereits 2007 bei der Weltklimakonferenz in Bali zu "wichtigen Akteuren bei der Umsetzung von REDD" ernannt. REDD umfasst eine Vielzahl internationaler Projekte zur Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung. Der Verkauf von Emissionszertifikaten für den Schutz von Waldgebieten ist ein Teil davon. Politiker aller Couleur lassen sich seitdem nur allzu gerne mit farbenprächtig geschmückten Indianern fotografieren, um ihren Respekt vor kultureller Vielfalt und Naturverbundenheit medienwirksam in Szene zu setzen.

Foto: US-Präsident Barack Obama und Vertreter der First Nations beim Handschlag. (National Congress of American Indians; Nutzung gem. Creative-Commons-Lizenz)

Präsident Obamas Unterschrift auf der UN-Deklaration steht noch aus.

Doch indigene Organisationen, wie das Indigenous Environmental Network (IEN) warten bis heute vergeblich auf eine direkte Beteiligung an den Klimaverhandlungen. Sie befürchten, dass das Geld, das durch Klimazertifikate eingenommen werden kann, zu neuen Begehrlichkeiten auf ihr Territorium führen wird. Ohnehin hat bis heute kaum eine Nation Schutzgebiete für ihre Urbevölkerung eingerichtet. Daran hat auch die UN-Deklaration von 2007 nichts geändert.

Kritik an globalen Programmen

Porträt-Foto von Tom Goldtooth bei einem Protestaktion während der Klimakonferenz in Kopenhagen (COP15) 2009 (Foto: Mat McDermott; genutzt unter der CC-BY-NC-ND-Lizenz)

Tom Goldtooth befürchtet "Klimaschutz-Kolonialismus"

Tom Goldtooth, selbst Navajo-Indianer und Geschäftsführer der IEN befürchtet: "Am Ende wird REDD zum größten Landraub führen, den die Welt je gesehen hat. Die Klimazertifikate werden Kolonialismus und Zwangsprivatisierung nach sich ziehen, besonders für die Regenwaldbevölkerung. Wer am meisten Macht und Geld hat, kann sich vom anderen Ende der Welt aus riesige Ländereien in den Entwicklungsländern unter den Nagel reißen."

Foto: Beim Teersandabbau in Alberta, Kanada, transportieren große Bergbau-LKW öldurchtränkten Sand durch schwarze Teersandberge (ddp images/AP Photo/Jeff McIntosh)

Teersandabbau in Kanada – hier kann so schnell keiner mehr leben.

Auch bei der diesjährigen Konferenz für nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro ("RIO+20") forderten indigene Organisationen, ihre Beteiligung am Klimaschutz auf eine rechtlich sichere Grundlage zu stellen. Doch ohne Erfolg. Die Finanzkrise sei den Regierungen wichtiger als die Lösung ökologischer und sozialer Probleme, kommentierten die Indigenenvertreter ihre Ablehnung der offiziellen Rio+20-Abschlusserklärung. Und solange kaum ein Land bereit ist, die Territorien der ursprünglichen Bevölkerung vor Umweltverschmutzung und Landraub durch Siedler, Holzfirmen und Bergbau zu schützen, haben viele Völker auch ganz andere Sorgen als den globalen Klimaschutz.

Der Schutz sozialer Interessen kommt zuerst

Dionys Zink setzt sich mit seiner Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V. für die Rechte indigener Völker in Nordamerika ein. Er hat miterleben müssen, wie eine eigene Wald- und Wildschutzinitiative der in Kanada ansässigen Lubicon Cree den wirtschaftlichen Interessen Kanadas geopfert wurde. Die Erschließung von Teersandvorkommen in der Region zerstört Waldgebiete – und damit auch Lebensräume ihrer traditionellen Bewohner. Das ursprünglich "selbstbestimmte und politisch handlungsfähige Gemeinwesen" der Lubicon Cree sei in der Folge verschwunden, sagt er und übt harte Kritik. Aus der Gemeinschaft drohe ein "Haufen beziehungsloser Wohlfahrtsempfänger indianischer Abstammung" zu werden, der keine "Zeit und Kraft hat, für uns das Weltklima zu retten oder irgendwelche Wald-Projekte zu verwirklichen".

Schützt man die Kultur der Indigenen, so können alle davon profitieren, zu diesem Schluss kommt auch die GIZ-Studie "Indigene Völker und Klimawandel". Entscheidend ist, die Projekte regional anzupassen und nach den Bedürfnissen der Menschen vor Ort zu handeln. Von den Industrienationen verordnete globale Lösungen sind keine Lösung.

Regionale Projekte zeigen neue Wege

Foto: Ein Pilz wächst aus dem moosigen Waldboden empor (ddp images/AP Photo/Mike Groll)

Wer weiß, wie, den kann der Wald auch ernähren

Und es gibt bereits eine Vielzahl von kleinen, maßgeschneiderten Projekten: Die Sateré-Mawé-Indianer am unteren Amazonas beispielsweise vertreiben über ein Fair-Trade-Netzwerk Heilpflanzen wie Guarana, Rosenholzöl und die extrem Vitamin-C-haltigen Acerola-Früchte. Eine angemessene Bezahlung der Indios und die Nachhaltigkeit im Anbau und Vertrieb sind dabei die wichtigste Voraussetzung. Fair-Trade-Organisationen bieten eine alternative Möglichkeit, Produkte selbständig und zu fairen Konditionen über die Region des Amazonasgebietes hinaus zu vertreiben.

Foto eines Vertreters der Sami in traditioneller Tracht an seinem Zelt, hier im Norden Norwegens in der Nähe des Nordkaps (Foto: Wikipedia-Nutzer ernmuhl; lizenziert unter der CC-BY-SA-Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

Sami-Siedlung am Nordkap

Einen ähnlichen Weg gehen auch andere Völker. Das Taiga Rescue Network (TRN), eine Organisation, die Völker von den Chanten in den Sumpf- und Waldlandgebieten Westsibiriens bis zu den Samen in Norwegen, Schweden und Finnland vertritt, plädiert für die traditionelle Nutzung unbewirtschafteter Wälder. Janice Barry vom TRN wirbt für sogenannte non-timber-forrest-products (NTFPs): "Wenn es um Forstwirtschaft geht, denkt erst einmal niemand an unberührte Wälder. Im Gegensatz zur modernen Nutzung des Waldes, können die Völker der Taiga ihm Nahrung, Medizin und andere Dinge zum Leben entnehmen, ohne in den natürlichen Kreislauf einzugreifen" - das heißt ohne Bäume zu fällen. Der Handel mit Fleisch, Beeren, Pilzen und Heilpflanzen ist zu einem nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor für diejenigen Taigavölker geworden, deren Lebensraum von der jeweiligen Regierung ausreichend geschützt wird.

Eigentlich eine Win-Win-Situation. Denn wer ursprüngliche Kulturen schützt, wird auch selbst davon profitieren, sagt Tom Goldtooth: "Indigene Völker können Lösungsansätze liefern, wie man nachhaltig wirtschaftet. Indigene Völker haben ganze Zivilisationen ernährt - ohne chemische Dünger, Pestizide und Öl."

Autorin: Wiebke Feuersenger
Redaktion: Ranty Islam