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Indiens fliegendes Feuer

Die Regierung in Delhi testet neue atomwaffenfähige Langstreckenraketen und will dem chinesischen Nachbarn auf Augenhöhe begegnen. Unterstützung kommt von den USA, auch andere UN-Vetomächte scheinen wenig besorgt.

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Der Vorgängertypus der atomwaffenfähigen Rakete Agni III bei einer Militärparade in Neu Delhi

Der Streit um das iranische Atomprogramm schwelt seit Monaten, Nordkoreas jüngste Raketentests sind international einhellig verurteilt worden. Beides scheint in der indischen Hauptstadt Delhi wenig Eindruck zu hinterlassen. Am Sonntag testete Indien eine neue Langstreckenrakete. "Agni 3" (zu dt. "Feuer 3") kann Atomsprengköpfe tragen und hat nach Expertenangaben eine Reichweite von mehr als 3000 Kilometern - weit genug, um einen großen Teil Chinas zu erreichen. Fünf Minuten nach dem Start im ostindischen Bundesstaat Orissa stürzte das Geschoss vorzeitig in den Golf von Bengalen. Doch trotz des gescheiterten Tests will die Regierung in Delhi das Projekt weiter verfolgen. Dabei kann die Atommacht auf die stille Unterstützung der USA zählen - einer der Hauptkritiker des nordkoreanischen Nuklear- und Raketenprogramms.

US-Präsident George W. Bush mit dem indischen Premier Mammohan Singh Staatsbesuch

Der indische Premierminister Manmohan Singh (l.) und US-Präsident George W. Bush

Die Regierung in Delhi scheint sich ihrer Sache sicher. Erst am Sonntag (9.7.) - dem Tag des Testfluges - beendete eine Delegation der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) einen zweitägigen Besuch in Indien, um mit der Regierung über die erstmalige Öffnung der indischen Nuklearanlagen für IAEA-Inspekteure zu sprechen. Dies ist Teil des Nuklear-Abkommens, das die Bush-Administration vor einem Jahr mit der Regierung von Premierminister Manmohan Singh geschlossen hatte. Der Vertrag eröffnet Indien den Zugang zu US-Nuklearmaterial und ziviler Nukleartechnik - und das, obwohl Indien nicht Mitglied des Internationalen Atomaren Nichtverbreitungspakts ist. Das Übereinkommen mit Washington kann damit beinahe als eine verbriefte Anerkennung Indiens als Atomstreitmacht gelesen werden.

"Verantwortungsbewusste Atommacht"

Indien werde insbesondere von den USA schon länger als Mitglied des "internationalen Atomclubs" akzeptiert, sagt Sayem Mehmood, Politikwissenschaftler an der Universität Sciences Po in Paris.

"Das Land hat eine stabile Demokratie, eine starke Wirtschaft und ist in den vergangenen Jahren als verantwortungsbewusste Atommacht aufgetreten - besonders bei der Entwicklung seines Raketenprogramms", so Mehmood. Es erlaube dem Land, sowohl engere Beziehungen auf Augenhöhe als auch eine nukleare Balance mit China sicherzustellen.

Dagegen spielt Pakistan für die Entwicklung der neuen indischen Langstreckenrakete wohl keine Rolle. Die Abschreckung gegen den nördlichen Nachbarn sichert Indien mit bereits entwickelten und in der Produktion befindlichen Kurzstreckenraketen, die indische Atomsprengköpfe in beinahe jeden Winkel Pakistans befördern können.

Indien wahrt US-Interessen

Mit seiner Unterstützung Indiens verfolgen die USA auch aktiv eigene Interessen. Durch die Besetzung des Irak haben die Amerikaner viel an militärstrategischem Bewegungsspielraum eingebüßt. Gleichzeitig setzt China als aufstrebende Supermacht in Asien immer stärker außenpolitische Akzente. "Die USA und Indien sind beide daran interessiert, dass sich Indien als Gegengewicht zu China etabliert", sagt Frank Umbach von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Dass dies durchaus im Konsens mit Beijing geschieht, liege auch daran, dass die US-Politik in dieser Frage mehr von der gemäßigten Position des State-Departments geprägt werde, als von den Hardlinern im US-Verteidigungsministerium, so Umbach.

Auch andere Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat werden sich mit lauter Kritik an den indischen Tests zurückhalten, sagt Militärexperte Rahul Bedi vom Magazin "Jane's Defence Weekly". "Russland entwickelt gemeinsame militärische Projekte mit Indien, Frankreich hofft auf eine strategische Kooperation mit Delhi in der zivilen Nukleartechnologie."

Potenzieller Zwist am Indischen Ozean

Ehrenformation der chinesischen Armee

Chinesische Soldaten - "in wenigen Tagen" an der indischen Grenze?

Trotz des stetig besseren Drahts nach Peking, gebe es potentielle konkrete Streitpunkte, für die sich Indien wappnen wolle, so Bedi. In seinem Bestreben, Zugang zum Indischen Ozean zu erhalten, versuche China, die Anrainerstaaten - viele davon Opfer der Tsunami-Katastrophe - mit finanzieller und militärischer Unterstützung für sich zu gewinnen und in einigen Fällen Militärbasen zu errichten. Neue Bahnstrecken an der Grenze zu Indien erlaubten dem Land zudem, chinesische Armee-Einheiten innerhalb von Tagen, statt bisher Wochen, in das Grenzgebiet zu verlagern. "Indien fühlt sich am Indischen Ozean eingekreist." Mit neuen Langstreckenraketen wolle sich das Land vor eventuellen außenpolitischen Abenteuern Chinas schützen - falls sich die Laune in Peking ändern sollte. Die neuen Raketen werden wohl erst um 2012 einsatzbereit seien, schätzt Bedi die Entwicklungszeit. Drei bis vier erfolgreiche Testflüge sind Voraussetzung für den Beginn der Serienproduktion. Nach der Behebung der technischen Fehler, die zum Absturz am Wochenende geführt hatten, könne es noch jedoch erst einmal acht bis zehn Monate bis zum nächsten Start dauern, so Bedi. Die Ingenieure arbeiteten bereits an Interkontinental-Raketen mit wesentlich größeren Reichweiten bis rund 8500 Kilometern - technisch im Bereich der indischen Möglichkeiten. Politische Motive dafür gebe es allerdings nicht, sagt Bedi. "Es ist der Versuch des Waffenestablishments, einer leichtgläubigen Regierung noch mehr Geld abzuringen."

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