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Asien

Indiens Christen unter Druck

Neu Delhis Christen haben gegen eine Serie von Angriffen auf Kirchen demonstriert. Premier Modi verhält sich derweil abwartend und sagt auch nichts zu den umstrittenen "Rückbekehrungen".

Bei einem Gang durch das Innere der katholischen Kirche St. Sebastian im Nordosten der indischen Hauptstadt Neu Delhi zeigte Pfarrer Anthony Francis der Deutschen Welle vor kurzem das Ausmaß der Zerstörung, die das Gotteshaus am 1. Dezember heimgesucht hatte. Immer noch liegen Glasscherben und Schutt herum, die Innenwände sind kohlschwarz. Ein Feuer hatte große Teile des Innenraums zerstört, darunter den Altar und im Kirchraum aufgestellte Plastiken. Der 48 Jahre alte Geistliche zeigt zur Decke mit ihren Deckenventilatoren hinauf, deren Blätter in der Hitze geschmolzen sind, auch von den Kirchenbänken im Obergeschoss stehen nur noch Metallreste.

"Das war kein Unfall. Wir sind sicher, dass es sich um Brandstiftung handelt", sagt Pfarrer Francis. In der Kirche habe es nach dem Brand stark nach Kerosin gerochen, Gemeindemitglieder hätten ölige Schlieren im Löschwasser gesehen. Nach dem Brand in St. Sebastian hatten noch mindestens fünf weitere Kirchen in der Region Neu Delhi über Angriffe berichtet, wie etwa Einbrüche, Brände, höchstwahrscheinlich infolge von Brandstiftung, Vandalismus und Steinwürfe. Die Häufung dieser Vorfälle sprach für eine orchestrierte gewaltsame Kampagne gegen christliche Ziele. Seit dem deutlichen Wahlsieg von Narendra Modi und seiner hindu-nationalistischen BJP im vergangenen Mai sind zunehmend Sorgen über die Religionsfreiheit in Indien laut geworden. Kirchenvertreter beklagen, dass die Behörden Vorfälle wie die geschilderten nicht ernst nähmen.

Schweigen der Regierung

Pastor Anthony Francis in einer Kirche in Neu Delhi (Foto: Florent Martin)

Pfarrer Anthony Francis in der schwer beschädigten Kirche St. Sebastian

"Weder der Ministerpräsident noch sonst jemand aus der Regierung hat diese Angriffe verurteilt", kritisiert Pfarrer Anthony Francis. Rund 300 Familien gehörten zu seiner Gemeinde, die begreiflicherweise jetzt Angst hätten. "Das geschah mitten in der Hauptstadt, wie können sich religiöse Minderheiten noch sicher fühlen?" Diese Frage steht als Schatten über Premier Modis medienwirksamer Kampagne der Modernisierung Indiens und seiner Aufwertung auf internationaler Bühne. Kritiker befürchten, dass der Aufstieg der BJP an die Spitze der Macht die Basisorganisationen der Partei in ihrem Ziel bestärkt, aus Indien eine Nation der Hindus zu machen. (80 Prozent der über 1,2 Milliarden Inder sind Hindus, Christen machen nur rund 2,3 Prozent aus.)

Berichte aus den vergangenen Monaten über massenhafte "Rückbekehrungen" von Christen und Muslimen in verschiedenen Landesteilen haben eine kontroverse öffentliche Debatte über das Thema in Indien entfacht. Die Frage hatte Ende Dezember Gesetzesinitiativen der Regierung im Parlament blockiert. Regierungschef Modi habe zum Thema Massenbekehrungen keine klare Stellung bezogen, kritisieren Beobachter. "Man kann Modis Schweigen als Zustimmung interpretieren", sagt Vinod Sharma, Politikchef der Zeitung "Hindustan Times", gegenüber der DW. "Wenn er es ernst meint mit seinem Entwicklungsprogramm, von dem alle Inder profitieren sollen, dann muss er gegen solche Gruppen, die die Gesellschaft spalten, klar Stellung beziehen."

"Heimführung der Menschen zur ursprünglichen Religion"

St. Sebastian Kirche in Neu Delhi neben Hindu-Tempel (Foto: Florent Martin)

Kirche und Hindu-Tempel - friedliches Nebeneinander der Religionen ist gefährdet

Zu diesen Gruppen, die sich für die Dominanz der Hindus im laut Verfassung säkularen Indien einsetzen, gehört an erster Stelle die radikale Rahtriya Swayamsevak Sangh ("Nationale Freiwilligenorganisation") RSS, die 1925 gegründet wurde und oft als ideologische Speerspitze der BJP bezeichnet wird. Premier Modi war früher aktives RSS-Mitglied. Eine weitere Gruppe aus diesem Umfeld ist die Vishva Hindi Parishad ("Welt-Hindu-Rat"), VHP. Sie gilt als treibende Kraft hinter den sogenannten "Rückbekehrungen" von Christen in den Bundesstaaten West-Bengalen und Kerala. VHP-Sprecher Surendra Jain wies den Vorwurf gegenüber der DW zurück. Seine Organisation tue nichts Verwerfliches und wende keinerlei Gewalt an. Jain weist darauf hin, dass Bekehrungen in Indien illegal sind, wenn sie Gewalt oder Bestechung beinhalten. "Wir führen keine Bekehrungen durch. Es handelt sich um Feiern des Nach-Hause-Kommens, um die Menschen wieder zu ihrer ursprünglichen Religion zurückzubringen." Schließlich wisse jeder, dass die Vorfahren der Betroffenen Hindus waren, sagt Surendra Jain.

Der Blick in die Geschichte sei tatsächlich nützlich, um die aktuellen Spannungen zu verstehen, führt Nilanjan Mukhopadhyay, Autor einer 2013 erschienenen Biographie über Modi, gegenüber der DW aus. Mit dem Thema Bekehrungen hätten die Hindu-Nationalisten ihre Anhänger schon immer leicht mobilisieren können, dies vor dem Hintergrund jahrhundertelanger Kolonisierung Indiens durch muslimische und christliche Eroberer. Anfang der 50er Jahre habe die RSS mit einer Kampagne begonnen, die weitgehend verarmten Angehörigen der Stammesbevölkerung ("tribal communities") in die Hindu-Gemeinschaft zu integrieren. Gerade dieser Teil der indischen Bevölkerung sei im 18. und 19. Jahrhundert bevorzugtes Ziel christlicher Missionierung gewesen, sagt Mukhopadhyay. Diese Kampagnen der Hindu-Nationalisten seien in den folgenden Jahrzehnten mehr oder weniger intensiv fortgeführt worden, je nach dem Grad ihres politischen Einflusses bei der Zentralregierung.

Unsichere Zukunft für Christen in Indien

Indien Protest Christen gegen Anschläge auf Kirchen 05.02.2015 (Foto: picture-alliance/AP)

Leben und leben lassen fordert die christliche Minderheit

"Zweifellos haben manche christlichen Missionare in der Kolonialzeit die Menschen mit Belohnungen geködert, damit sie sich zum Christentum bekehren", sagt der Experte für Hindu-Extremismus. Aber es gebe keine Daten, die belegten, dass sich die christliche Bevölkerung Indiens seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 vergrößert habe. "Die Hindu-Aktivisten beschwören Geister der Vergangenheit und malen nicht existente Gefahren an die Wand."

Für die Mitglieder der christlichen Minderheit in Neu Delhi existieren die Gefahren aber durchaus. Philomina Alosius von der Gemeinde St. Sebastian sagte der DW, sie stehe seit dem Brand in ihrer Kirche immer noch unter Schock und habe Angst. "Nachbarn und Freunde haben meinen Kindern empfohlen, im Ausland nach Arbeit zu suchen", erzählt die 61-Jährige. "Ich glaube auch, dass sie nur dann sicher sind."

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