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Asien

"Indien und Pakistan brauchen Gespräche"

Indien und Pakistan nehmen offiziell ihre Friedensgespräche wieder auf. Gespräch mit dem Südasienexperten Christian Wagner.

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Christian Wagner, Stiftung Wissenschaft und Politik

DW-WORLD.DE: Herr Wagner, hat sich die Wut in Indien über die Terroranschläge von Mumbai 2008 so weit gelegt, dass jetzt wieder konstuktive Gespräche stattfinden können?

Christian Wagner: Nein, die Wut hat sich nicht gelegt. Man beschwert sich in Indien immer wieder, dass die Angeklagten, die in Pakistan vor Gericht stehen, immer noch nicht verurteilt sind, dass sich der Prozess so verzögert. Aber andererseits gibt es auch keine Alternative zu einem dauerhaften Dialog zwischen beiden Ländern.

Inzwischen hat Islamabad offiziell bestätigt, dass diese Gespräche wieder aufgenommen werden sollen. Der pakistanische Außenminister will noch vor dem Sommer nach Neu-Delhi reisen. Welche Themen stehen ganz oben auf der Tagesordnung?

Es werden die Themen sein, die schon seit Jahren für beide Seiten ganz oben stehen. Pakistan wird verlangen, dass die Kaschmir-Frage ausführlich behandelt wird. Indien wird darauf drängen, dass über Terrorismus gesprochen wird. Daneben wird es aber hoffentlich auch dazu kommen, dass beide Länder versuchen, die wirtschaftlichen Beziehungen auszubauen, dass neue vertrauensbildende Maßnahmen beschlossen werden und die Visaregeln gelockert werden. Das alles sind Punkte, die wir bereits in den vergangenen Dialogrunden gesehen haben, und die jetzt wieder aufgenommen werden müssen.

Beide Länder tun sich sehr schwer mit einem dauerhaften Friedensvertrag. Neben dem geteilten Kaschmir, das beide Seiten für sich beanspruchen, treffen die Interessen beider Staaten auch in Afghanistan aufeinander. Haben Indien und Pakistan überhaupt Interesse an einem dauerhaften Friedensprozess?

Ich denke, es bleibt ihnen keine Alternative. Beide Staaten sind Atommächte und ein neuer Krieg würde die Gefahr einer nuklearen Eskalation bergen. Das liegt nicht im Interesse beider Regierungen. Von daher muss man darauf drängen, den Gesprächsprozess erstens wieder zu eröffnen und ihn zweitens auch breiter zu gestalten. Man muss von der Regierungsebene zur gesellschaftlichen Ebene gelangen. Man muss versuchen, die Wirtschaftsverbände und die Zivilgesellschaft in den Dialog einzbeziehen, um damit dem Prozess eine deutlich breitere Grundlage zu geben.

Die Feindschaft zwischen den beiden Atommächten Indien und Pakistan beunruhigt ja auch die internationale Gemeinschaft. Glauben Sie, dass es auch Druck von außen gegeben hat, sich jetzt wieder zusammen zu setzen?

Es hat sicherlich immer wieder auch Hinweise gegeben, dass die internationale Gemeinschaft ein starkes Interesse hat, dass der Dialog wieder aufgenommen wird. Aber auch das Eigeninteresse auf beiden Seiten dürfte groß genug sein. Indien weiß, dass es mit den Terroranschlägen, die von pakistanischen Gruppen verübt werden nur zu Rande kommen kann, wenn es den Dialog mit Pakistan sucht. Pakistan wiederum weiß, dass es langfristig den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens nicht bremsen kann und es sinnvoller wäre, sich hier wirtschaftlich zu öffnen, um von der indischen Wirtschaftskraft zu profitieren. Pakistan steht nach der Flut im vergangenen Jahr wirtschaftlich am Abgrund. Es gibt also auch hier ein positives Interesse am Dialog. Aber es gibt in Pakistan auch Gegner, die einen Dialog torpedieren wollen.

Die Regierung in Islamabad ist nicht besonders stark. Sie hat die Extremisten nicht unter Kontrolle. Welchen Sinn machen denn Gespräche zwischen Delhi und Islamabad, wenn Pakistan nicht garantieren kann, dass es eine Terroristen im Zaum hält?

Es bleibt letztlich eine Auseinandersetzung, die in Pakistan gaführt wird. Der frühere Präsident Musharraf hatte bereits 2004 deutlich gemacht, dass von pakistanischem Gebiet kein Terroranschlag gegen Indien mehr ausgeführt werden soll. Aber es zeigt sich, dass der pakistanische Staat zu schwach ist, um diese Gruppen zu kontrollieren. Das hat natürlich damit zu tun, dass die pakistanische Armee sich immer wieder solcher militanten Gruppen bedient hat, um außenpolitische Interessen in Kaschmir oder Afghanistan durchzusetzen. Diese Gruppen hat Pakistan heute nicht mehr unter Kontrolle. Viele haben sich wie die pakistanischen Taliban gegen den pakistanischen Staat gewandt und kämpfen heute gegen die pakistanische Armee. Und mit dieser Bedrohung muss der pakistanische Staat fertig werden. Hier wird man ihn auch von Seiten der internationalen Gemeinschaft unterstützen müssen.

Christian Wagner leitet die Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin

Die Fragen stellte Nicola Reyk
Redaktion: Mathias Bölinger