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Asien

Indien und Pakistan: Überflutet und überfordert?

Noch immer steht das Wasser in den Hochwassergebieten Indiens und Pakistans, warten Eingeschlossene auf Rettung. Erneut ist die Region von einer Flutkatastrophe betroffen, und das ist kein Zufall.

Braunes Wasser, durchsetzt von grünen Baumkronen und Hausdächern – das ist das Bild, das sich seit über einer Woche über den Hochwassergebieten in Indien und Pakistan aus der Luft bietet. Tagelanger Starkregen im Himalaya hat die Flüsse der Region über die Ufer treten lassen. Unaufhaltsam haben sich die schlammigen Wassermassen seitdem ihren Weg flussabwärts von Indien in Richtung Süden nach Pakistan gebahnt, haben Häuser, Straßen und Felder zerstört. In beiden Ländern sind Armee, Polizei und freiwillige Helfer im Dauereinsatz, versuchen aus der Luft oder mit Booten Überlebende in Sicherheit zu bringen.

Wie viele Menschen das Wasser in den Tod gerissen hat und wie viele tatsächlich von den Fluten betroffen sind, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht überschaubar. Solange das Wasser nicht abgeflossen ist, seien verlässliche Aussagen zum Ausmaß der Katastrophe schwierig, so ein Regierungsvertreter aus dem indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Dort kamen nach Regierungsangaben bislang mehr als 200 Menschen ums Leben. Und noch immer seien rund 200.000 von den Fluten eingeschlossen. Im pakistanischen Teil Kaschmirs und in der Provinz Punjab bietet sich ein ähnliches Bild. Die pakistanische Katastrophenschutzbehörde NDMA gibt die Zahl der Opfer dort bislang mit 280 an. Rund zwei Millionen sind aus ihren Häusern geflohen.

Eine Katastrophe von diesem Ausmaß haben wir hier seit sechzig Jahren nicht mehr erlebt. Darauf waren die Menschen nicht vorbereitet ", berichtet Ray Kancharla, Experte für Desaster Management bei der Organisation "Save the Children" in Indien gegenüber der Deutschen Welle. Und trotz der Lebensgefahr sei die Angst zu gehen bei vielen Menschen größer als die zu bleiben, so Kancharla. "Die Menschen fürchten sich vor Plünderungen, davor, nach der Flut zurückzukehren und all ihren Besitz verloren zu haben. Deshalb klettern sie auf ihre Hausdächer und harren dort aus." Die, die vor dem Wasser fliehen, können oft nur das, was sie am Körper tragen, retten. Und müssen, wenn das Wasser abgeflossen ist, praktisch neu anfangen. Einmal mehr.

Alle Jahre wieder

Denn Überschwemmungen sind in Indien und Pakistan nichts Neues. Im Gegenteil. Jedes Jahr zur Monsun-Zeit zwischen Juni und September kommt es in der Region zu Hochwassern. Besonders dramatisch war es vor vier Jahren: Von dem als Jahrhundertflut bezeichneten Hochwasser in Pakistan im Sommer 2010 waren insgesamt 20 Millionen Menschen betroffen, rund 1.800 kamen damals ums Leben. Das überschwemmte Gebiet war größer als die Fläche Großbritanniens.

So gewaltig wie 2010 ist das Ausmaß der aktuellen Flutkatastrophe nach derzeitigem Stand nicht. Für die Betroffenen allerdings ist das nur ein schwacher Trost. "Die Leidtragenden sind immer die Menschen. Die Bevölkerung ist der Prügelknabe", klagt ein Mann aus der Nähe der in der Provinz Punjab gelegenen Stadt Jhang gegenüber der Deutschen Welle. Um die Stadt vor den Wassermassen zu retten, hätten die lokalen Politiker einen Deich gesprengt. Die Bevölkerung musste gezwungenermaßen weichen – obwohl auch hier viele Menschen aus Angst, all ihren Besitz zu verlieren, lieber geblieben wären. "Sie haben Druck auf die Bevölkerung ausgeübt. Die Menschen waren hilflos, haben mit wenigen Habseligkeiten ihre Häuser verlassen und sind in die Thal-Wüste geflohen."

Hausgemachte Katastrophen?

Gezielt Dämme zu brechen, um angestautes Wasser abzuleiten, ist eine gängige Praxis bei Hochwasser. So zerstörte die pakistanische Armee am Freitag (12.9.) beispielsweise auch in der Millionenstadt Multan einen Damm des Chennab-Flusses, um eine Überschwemmung der historischen Stadt abzuwenden. Das grundsätzliche Problem aber wird durch eine solche Maßnahme nicht gelöst. Denn die Ursache für die wiederkehrenden Überschwemmungen in der Region ist menschengemacht, ist Sunita Narayan überzeugt. "Was wir hier sehen, ist zwar eine Naturkatastrophe", sagt die Leiterin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Neu Delhi gegenüber der Deutsche Welle. "Aber eigentlich haben wir das Hochwasser durch unsere Einmischung in die Natur selbst herbeigerufen. Sicher brauchen wir weiterhin Staudämme und Wasserkraftwerke. Die Frage ist aber, wo sie gebaut werden sollten und wie viele wir tatsächlich benötigen."

Die Meinung teilt auch der pakistanische Wasser- und Energieminister Khawaja Asif. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa beklagt er das Verschwinden ehemals weiträumiger Flussebenen. "Die Menschen bauen Häuser und Läden, wo früher Wasserwege waren." Das Bevölkerungswachstum treibt immer mehr in die Nähe der Flüsse. Früher habe es in seinem Land mehr als 200 Wasserwege vom Himalaya bis zum Indischen Ozean gegeben. Heute seien es weniger als 20. Das Problem: Wenn Flüsse begradigt und künstlich verengt werden, können sie starke Regenfälle nicht mehr abführen, sondern treten über die Ufer.

Ausbruch aus dem Teufelskreis?

Eine zentrale Rolle für künftige Monsunzeiten und Überschwemmungen – davon ist Gaurav Ray vom Roten Kreuz Südasien überzeugt – spielt auch die Präventionsarbeit. "Gegen die Gefahren an sich können wir nichts tun, also müssen wir die Menschen besser vorbereiten", so Ray. Und das zum Beispiel durch Frühwarnsysteme, gutes Katastrophenmanagement und ausreichende Vorräte an Hilfsgütern.

In der Theorie klingt das gut. Doch nach dem, was Betroffene berichten, ist man in der Praxis davon noch weit entfernt. Der Mann aus Jhang, der aufgrund der Damm-Sprengung sein Haus verlassen musste, ist verbittert und enttäuscht von der Regierung. Zwar hätte sie ein Zeltlager in der Wüste errichten lassen. Aber über den Schlafplatz hinaus gebe es praktisch nichts für die notleidenden Menschen. "Hilfe ist dort noch fast gar nicht angekommen."

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