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Asien

Indien und China müssen miteinander leben

Die zwei größten Länder Asiens streben Wachstum und Dominanz an. Doch Experten sind sich einig, dass Indien und China erst lernen müssen, besser miteinander auszukommen - auch um ihre eigenen Interessen zu schützen.

Handshake zwischen Chinas Premier Wen (l.) und Indiens Regierungschef Singh (Foto: AP)

Handshake für die Fotografen zwischen Chinas Premier Wen (l.) und Indiens Regierungschef Singh

Indien und China teilen eine schwierige Vergangenheit: geprägt von Streit - beispielsweise über Wassernutzungsrechte - bis hin zu einem Krieg über die 4.000 Kilometer lange gemeinsame Grenze. Nun, da sich beide Länder als "Global Player" ihren Platz auf der Weltbühne sichern möchten, hängt auch die Zukunft der ganzen Region unweigerlich zusammen mit den bilateralen Beziehungen der zwei Atommächte. Experten glauben, dass das anhaltende rasante Wachstum künftig nur gehalten werden kann, wenn beide lernen, besser miteinander auszukommen.

Lawrence Sáez von der "School of Oriental and African Studies" an der Universität von London beschreibt die bisherigen indisch-chinesischen Beziehungen als "problematisch". In den späten 1950er und den früher 1960er Jahren habe es eine Zeit der friedlichen und freundschaftlichen Nachbarschaft gegeben. Doch diese sei mit dem Beginn des Indisch-Chinesischen-Grenzkrieges 1962 schnell vorbei gewesen. Bis heute beeinflusse dieser Krieg das gegenseitige Verhältnis in vielerlei Hinsicht. Aktuell, so Sáez, seien die Beziehungen hauptsächlich geprägt vom wirtschaftlichen und militärischen Wachstum Chinas auf der einen Seite. Indien auf der anderen sehe sich selbst in der Rolle des Rivalen.

Um diese 'indische Rivalität' geht es auch in einer aktuellen Studie des schwedischen Think-Tanks, "Stockholm International Peace Research Institute" (SIPRI). Der Studie zufolge ist Indien der weltgrößte Waffenimporteur. "Der Massenimport von Waffen in Indien hat verschiedene Beweggründe. Die am häufigsten genannten sind die Rivalitäten mit China und Pakistan sowie interne Sicherheitsfragen", erklärt SIPRI-Experte Simon Wezeman.

"Einseitiges" Wettrüsten, wenn überhaupt

Chinesische Arbeiter am Nathu La-Pass an der Grenze zu Indien (Foto: AP)

Umstrittenes Territorium im Grenzgebiet: Trotzdem ist der Nathu-La-Pass seit 2006 wieder geöffnet

China allerdings scheint vom Aufstocken des indischen Arsenals unbeeindruckt zu sein. Aus Sicht des Londoner Fernost-Experten Lawrence Sáez handelt es sich daher in diesem Fall - wenn überhaupt - um ein einseitiges Wettrüsten, "bei dem nur der eine denkt, dass es ein Wettrüsten mit dem anderen gibt". Aus der Sicht Chinas seien die USA die weitaus größere Gefahr, Indien dagegen sei "mehr ein nerviger Nachbar als alles andere". Ein nerviger Nachbar, der zwar Waffen besitze, aber von China nicht als Bedrohung der nationalen Sicherheit wahrgenommen werde.

Umgekehrt stelle China schon eine realistische Bedrohung für Indien dar, und zwar hauptsächlich wegen der Unterstützung für Pakistan, so Sáez. Diese Unterstützung scheint derzeit noch intensiver zu werden. "Pakistan und China feiern 60 Jahre diplomatische Beziehungen. Dieses Jahr werden unsere bilateralen Beziehungen bisher ungekannten Höhen erleben." Mit diesen Worten wird der pakistanische Entsandte in China, Masood Khan, zitiert - im Zuge der Feierlichkeiten anlässlich des pakistanischen Nationalfeiertages in Peking. Außerdem bedankte er sich für Chinas Unterstützung nach der pakistanischen Flutkatastrophe im vergangenen Jahr.

Die Chinesen ihrerseits zeigten sich im Gegenzug ebenfalls betont freundschaftlich. Der chinesische Premier, Wen Jiabao, erklärte das Jahr 2011 zum Jahr der "Chinesisch-Pakistanischen Freundschaft". Was Hilfsgelder und Waffenexporte angeht, so steht Islamabad ganz oben auf der Liste Pekings. Laut einer SIPRI-Studie zählt die Volksrepublik zu Pakistans größten Waffenlieferanten - ein Trend, der nicht nur in Indien für Aufsehen sorgt.

Konfliktpotenzial

Junger tibetischer Mönch in Lhasa (Foto: AP)

Reizthema für Peking: Die Tibet-Frage birgt Konflikt-Potenzial

Ein weiterer Konfliktpunkt ist der Bau chinesischer Häfen im Indischen Ozean. "China baut Häfen in Birma, in Bangladesh oder in Sri Lanka, und es ist anzunehmen, dass die Chinesen darüber hinaus auch begonnen haben, U-Boot-Bunker auf den Malediven und in Pakistan zu errichten." Laut Sáez wolle Peking so seine Übersee-Ölpipelines und Ölhandelsrouten sichern. Für den Londoner Experten ist absehbar, dass es deswegen zwischen Indien und Pakistan über kurz oder lang zum Zerwürfnis kommt. "Irgendwann wird der Konflikt ausbrechen - es ist nur eine Frage der Zeit."

Was die umstrittenen Wasserressourcen angeht, so hat China aufgrund geologischer Begebenheiten die Oberhand. Die sogenannte tibetische Wassersäule - die Quelle vieler asiatischer Flüsse - liegt auf chinesischem Gebiet. China könnte das Wasser von dort in trockenere Gebiete des eigenen Landes leiten, was für Indien verheerende Folgen mit sich brächte. Doch falls es zwischen den beiden Nachbarländern zur Eskalation kommen sollte, habe Neu Delhi auch etwas Spielraum, so Lawrence Sáez von der Londoner Universität. "In Bezug auf Tibet könnte Indien China das Leben schwer machen. Indien hat viele tibetische Flüchtlingen aufgenommen und verfügt daher über Einfluss."

Wirtschaftliche Fortschritte

Armeefahrzeuge bei einer Militärparade in Peking (Foto: AP)

Experten sind sich einig, dass die beiden Nuklearmächte lernen müssen, besser miteinander auszukommen

Trotz des hohen Konfliktpotenzials - die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden asiatischen Giganten entwickeln sich rasant weiter. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen China und Indien über 60 Milliarden US-Dollar. Jonathan Holslag vom Brüsseler "Institute of Contemporary China Studies" ist der Meinung, der Fokus auf die ökonomische Entwicklung sollte für beide Länder jetzt im Vordergrund stehen - nicht Konflikte und Rivalität. Denn nur dann sei auch eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte beider Länder gewährleistet. "Trotzdem glaube ich, dass Indien im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung immer mehr zu einer Art Gegner für China wird."

Historisches Misstrauen und Nationalismus von beiden Seiten könnten sich auf Versuche, die Beziehungen auszubauen, negativ auswirken, so Holslag weiter. Denn noch heute sei es so, dass beide Seiten sich trotz positiver Handelsbilanzen und Fortschritten in den bilateralen Beziehungen schwer tun würden, Gemeinsamkeiten zu finden. Laut Holslag liegt das daran, "dass der Schatten des Krieges von 1962 noch über der Beziehung hängt".

Konflikte aus der Vergangenheit begünstigen Missgunst-Gefühle und wirken wie eine Bremse auf die Entwicklung des jeweiligen Landes. Daher fällt für Jonathan Holslag auch der Blick in die Zukunft eher verhalten aus. "Es wird meiner Meinung nach schwer werden für China und Indien, sich von den Problemen und Konflikten, die die Beziehungen schon in der Vergangenheit belastet haben, zu lösen."

Autorin: Sarah Berning

Redaktion: Adrienne Woltersdorf / Esther Felden