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Asien

Indien und China kämpfen um Wasser

China baut derzeit einen Staudamm am Yarlung-Tsangpo-Fluss, der in Indien Brahmaputra genannt wird. Im Ausland allerdings macht sich im Umfeld des Projekts Sorge breit. Und kritische Stimmen mehren sich.

Luftaufnahme des Yarlung Tsangpo (Foto: picture alliance)

Der Yarlung Tsangpo ist der höchstgelegene Fluss der Welt

Der sogenannte Zangmu-Staudamm soll einmal der höchste seiner Art in China sein – gelegen auf dreitausend Meter über dem Meeresspiegel. Gebaut wird er gut 300 Kilometer entfernt von Lhasa, der Hauptstadt der Autonomen Region Tibet. Zur indischen Grenze sind es weniger als 200 Kilometer. Die sechs 85-Megawatt erzeugenden Turbinen werden Strom für Lhasa produzieren und sollen im Jahr 2014 in Betrieb genommen werden.

Jonathan Holslag vom Brüsseler "Institute of Contemporary Chinese Studies" meint, China verfolge mit dem Bau der Zangmu-Wasserkraftanlage eine neue politische Strategie. Indem Peking Tibet mit Strom versorge, hoffe China, der Region zu wirtschaftlichem Wachstum zu verhelfen. Nach Ansicht von Holslag möchte die chinesische Führung dadurch dauerhafte soziale Stabilität und letztendlich eine nationale Einheit erreichen. "Das hat einen politischen Hintergrund: nämlich die Hoffnung, dass mit wirtschaftlicher Entwicklung die Bevölkerung Tibets der zentralen Vereinigungspolitik gegenüber offener wird."

Nur der Anfang

Doch Umweltschützer sind dem Zangmu-Damm gegenüber skeptisch eingestellt – unter anderem deshalb, weil solche Dämme stets den natürlichen Verlauf der Flüsse verändern und daher eine Bedrohung für lokale Ökosysteme darstellen. Hermann Kreutzmann, Experte für Entwicklungsländer und Professor für Geografie an der Freien Universität Berlin sagt, allein die Anzahl der bereits existierenden Dämme in China sei besorgniserregend. Von den weltweit insgesamt 46.000 Wasserkraftanlagen befindet sich demnach die Hälfte im Reich der Mitte.

Bergstraße zwischen Zhangmu und Nyalam, Tibet (Foto: dpa)

Mit Staudammprojekten sind oft auch Umsiedlungen im großen Stil verbunden

Nach chinesischer Darstellung handelt es sich beim Zangmu-Staudamm um ein sogenanntes Laufwasserkraftwerk. Das bedeutet, dass die Anlage das Wasser aus dem Fluss weder speichern noch ableiten wird. Doch Hermann Kreutzmann warnt, dass dieser Staudamm bloß der Anfang eines viel größeren Projektes sein könne – der Auftakt für ein ganzes Kaskadensystem an Staudämmen. "Es ist nicht so, dass an jedem Fluss nur ein Staudamm errichtet wird. Sondern die Idee ist, ein Netzwerk aufzubauen, durch das dann auch der Rohstoff Wasser herabfließt und optimal ausgenutzt werden kann. Das wird auch in anderen Flusssystemen gemacht." Zusätzlich komme eine weitere Gefahr hinzu. Einige Geologen glauben, Staudämme könnten die natürliche seismische Aktivität beeinflussen. Demnach habe der Drei-Schluchten-Staudamm das große Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008 begünstigt, bei dem rund 80.000 Menschen ums Leben kamen.

Mangelnde Transparenz

Doch vor dem Hintergrund des weiter steigenden Energiebedarfs und bei zunehmendem internationalen Druck nach sauberen alternativen Energiequellen wirkt der Energiegewinn aus Wasserkraftanlagen immer attraktiver. Jennifer Turner, Direktorin des "China Environment Forum" in Washington D.C., ist der Meinung, dass viele Länder daher ihre Kapazitäten für Wasserkraftanlagen ausbauen wollen, um "nicht von globalen Öl- und Kohlemärkten abhängig zu sein." China sei überwiegend von Kohle abhängig - was, so Turner, sowohl für die Umwelt als auch für die menschliche Gesundheit sehr negative Folgen haben könne. Nach Ansicht der Expertin könne Wasserkraft eine gute Alternative sein – wenn man verantwortungsvoll damit umgehe und "solche Projekte transparent gestaltet, damit die Menschen ein Stimmrecht haben, vor allem wenn es sich um grenzüberschreitende Aktionen handelt."

Die fehlende Transparenz ist genau das, was viele Inder kritisieren. Eine offizielle Stellungnahme von Seiten der chinesischen Behörden gab es erst nach Baubeginn Ende vergangenen Jahres. Wegen des öffentlichen Druckes hat der chinesische Staatspräsident Hu Jintao immerhin zugesagt, die Arbeiten künftig transparenter zu gestalten.

Ein Fischer am Brahmaputra neben seinem Boot (Foto: AP)

Der Brahmaputra oder Yarlung Tsangpo zählt zu den größten Flüssen Asiens

Droht eine Eskalation?

Schon lange plant China die sogenannte "Erschließung des Westens". Die Pläne für dieses Konzept beinhalten unter anderem, Wasser aus der sogenannten tibetischen Wassersäule – einer Region, in der einige große Ströme Asiens entspringen - in trockenere Regionen Chinas abzuleiten. Daher sei die Skepsis der indischen Kritiker nicht unbegründet, so Jonathan Holslag vom Brüsseler "Institute of Contemporary Chinese Studies". Wasser an sich sei knapp. Und es könne immer knapper werden, wenn Wasserableitungsprojekte ins Spiel gebracht würden.

Solche Projekte könnten die Entwicklung Indiens drastisch bremsen, vor allem da, wo das Land vorhabe, seine Agrarwirtschaft zu modernisieren. Wenn China Wasser aus dem Yarlung Tsangpo ableiten sollte, wäre das für Indien eine Frage der "Staatssicherheit", so Holslag - und könnte deswegen letztendlich sogar einen Wasserkrieg herbeiführen. "In dem Fall gäbe es die sehr ernstzunehmende Gefahr eines politischen und sogar militärischen Kräftemessens."

Miteinander statt gegeneinander

Badende Männder im Brahmaputra (Foto: AP)

Experten fürchten, der Staudamm könnte das Ökosystem des tibetischen Hochplateaus zerstören

China und Indien müssen lernen, ihre Probleme gemeinsam zu lösen - da sind sich die Experten einig. Peter Bosshard von der Flussschutzorganisation "International Rivers" glaubt, Transparenz sei dabei die einzig richtige Lösung. Doch Bosshard ist sich nicht sicher, ob China und Indien zu diesem Zeitpunkt schon bereit wären, sich an einen runden Tisch zu setzen. "Bisher sieht alles danach aus, als ob beide Länder sich über die Verwendung dieses Wassers in einen Konflikt begeben würden. Dabei will jeder möglichst schnell seine eigenen Staudämme bauen, anstatt den Fluss und sein gesamtes Ökosystem zu betrachten und gemeinsam zu besprechen." Indien sei zu Recht besorgt, da "China an der Quelle sitzt und die Wassermenge des Flusses durch die Staudämme kontrollieren kann. Indien seinerseits hat sich bisher über die Interessen Bangladeschs hinweg gesetzt, das schwächer ist und am untersten Flusslauf liegt."

Über die ökologischen Folgen macht sich Bosshard am meisten Sorgen, vor allem im tibetischen Hochplateau, wo die ökologischen Gegebenheiten sehr "fragil" seien. Auch wenn Wasserkraftanlagen ökologisch verantwortbar sein können - in den meisten Fällen beeinträchtigen sie doch ihre Umwelt. Von allen Ökosystemen weltweit sind die Süßwasserökosysteme am stärksten von Artenverlust betroffen. Daher appelliert Bosshard an die Verantwortung der Beteiligten. "Wir können uns nicht mehr Wirtschaftswachstum um jeden Preis leisten, und wir müssen auf das Klima und auch auf die Artenvielfalt achten. Gerade China hat für zerstörerische Kraftwerke und Staudammprojekte einen extrem hohen Preis bezahlt."

Autorin: Sarah Berning
Redaktion: Adrienne Woltersdorf / Esther Felden