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Asien

Indien und China als Rivalen zur See

China investiert in große Hafenprojekte im Indischen Ozean, Indien hat kommerzielle Interessen im Südchinesischen Meer. Beide Länder rüsten ihre Kriegsmarine auf. Genügend Stoff für strategische Gedankenspiele.

Die Beziehungen zu China stehen zur Zeit ganz oben auf der außenpolitischen Agenda in Neu Delhi. Der indische Außenminister Salman Kurshid bezeichnete zuletzt den wachsenden chinesischen Einfluss im Indischen Ozean als eine Entwicklung, die "Indien hinnehmen muss". Der Außenminister, der erst sechs Wochen im Amt ist, forderte die politische Elite in Neu Delhi ungewöhnlich deutlich auf, eine Antwort auf diese Herausforderung zu finden: "China ist aggressiv. China ist für uns ein Partner. China ist unser Nachbar." Die Herausforderung für die indische Diplomatie werde es sein, die Stärken beider Länder im Interesse beider Länder einzusetzen, so Salman Kurshid.

Indiens Admiral Joshi (Foto: PRAKASH SINGH/AFP/Getty Images)

Indiens Admiral Joshi: Indien ist bereit, im Südchinesischen Meer "militärisch zu handeln"

Adressat der Botschaft des Außenministers war unter anderem der Oberbefehlshaber der indischen Marine, Admiral Devendra Kumar Joshi. Er hatte zuvor erklärt, Indien sei bereit, militärisch zu handeln, um "seine maritimen und wirtschaftlichen Interessen" im Südchinesischen Meer zu verteidigen, obwohl Indien dort kein Territorium beanspruche. Zugleich bezeichnete Joshi die Modernisierung der chinesischen Armee als "sehr eindrucksvoll" und fordert die indische Politik zum Handeln auf: "Indien muss dringend seine eigene Strategie überdenken."

Ungleiches Kräftemessen

Indische Militärparade (Foto: Daniel Berehulak/Getty Images)

Indiens Militäretat ist wesentlich geringer als der chinesische

In der Tat liefern sich die asiatischen Vormächte und Nachbarn Indien und China bereits seit einiger Zeit ein militärisches Kräftemessen. China hat 2012 sein Rüstungsbudget um mehr als elf Prozent auf 106 Milliarden Euro aufgestockt. Im September nahm China seinen ersten Flugzeugträger in Betrieb und will bis 2020 in neue Kriegsschiffe und U-Boote investieren. Zum Vergleich: Indiens Rüstungshaushalt liegt lediglich bei etwa 40 Milliarden Euro.

Christian Wagner, Südasienexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, betont im Gespräch mit der Deutschen Welle, dass auch Indien seit vielen Jahren seine Armee modernisiere: "Die indischen Generäle sehen die deutlich stärkere militärische Aufrüstung Chinas mit großer Sorge. Denn sie wissen, dass Indien finanziell nicht zu solchen Kraftanstrengungen in der Lage ist." Daher seien die Anmerkungen des indischen Admirals sowohl als ein Zeichen an die eigene Regierung zu werten, die militärische Modernisierung nicht aus den Augen zu verlieren, als auch als eine Botschaft an die Marine selbst, so Wagner. Denn die gesamte Machtprojektion Indiens und Chinas spiele sich "vor allem im maritimen Bereich" ab.

Karte vom Südchinesischen Meer (Grafik: DW)

Nach US-Schätzungen lagern im Südchinesischen Meer Ölreserven von bis zu 213 Milliarden Barrel Öl

Lockendes Öl im Südchinesischen Meer

Zwar hat Indien keine territorialen Ansprüche im Südchinesischen Meer. Aber das Land ist dort im Rahmen von Ölförderprojekten aktiv. Im Oktober 2011 hatte die vietnamesische Regierung der staatlichen indischen Ölfirma ONGC Videsh das Recht übertragen, in den umstrittenen Gewässern im Südchinesischen Meer nach Öl zu bohren. China hat diesen Schritt scharf kritisiert. Der Streit droht inzwischen zu eskalieren. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Hong Lei sagte am vergangenen Mittwoch (05.12.2012): "China ist gegen jede Form der einseitigen Förderung von Gas und Öl in den strittigen Bereichen des Südchinesischen Meeres". Der Sprecher äußerte die Hoffnung, dass die betroffenen Länder "Chinas Souveränität und nationalen Interessen" respektieren würden.

Nach US-Schätzungen lagern im Südchinesischen Meer Ölreserven von bis zu 213 Milliarden Barrel Öl - eine gigantische Menge, die in Zeiten von schwindenden Ölreserven weltweit Begehrlichkeiten weckt. Zwischen China und anderen asiatischen Staaten wie Vietnam, Malaysia, den Philippinen, Brunei und Malaysia traten in ähnlichen Fällen in der Vergangenheit ebenfalls Spannungen auf, die bis heute weiter andauern.

"Indien hat sich bisher nicht provozieren lassen", sagt der pensionierte Kommodore Uday Bhaskar aus Neu Delhi im Gespräch mit der Deutschen Welle, "Indien hat immer wiederholt, dass es in diesen Gewässern aus rein kommerziellen Beweggründen tätig ist. Indien hat sich niemals auf irgend eine Seite gestellt, wenn es um die territorialen Ansprüche von China oder Vietnam ging."

"Kein Nullsummenspiel"

Indischer Flugzeugträger INS Viraat (R22) (Foto: PUNIT PARANJPE/AFP/Getty Images)

Der indische Flugzeugträger INS Viraat (R22) ist seit 1989 im Dienst

Doch genau diese Zurückhaltung wird sowohl von Experten als auch von den Medien in Indien kritisiert. Denn auf dem Spiel steht das Selbstverständnis Indiens. Definiert sich das Land wie bisher als Regionalmacht? Oder wird das Land als kommende Supermacht seine Interessen jenseits des Indischen Ozeans auch militärisch verteidigen? Die Forderungen nach einer aggressiveren Strategie sieht der Verteidigungsexperte Uday Bhaskar aber skeptisch und stimmt dem indischen Außenminister zu: "Indien und China sollten unbedingt ein Nullsummenspiel vermeiden." Indien dürfe nicht denken, dass es an Einfluss in der Region verliert, wenn China gewinnt, und umgekehrt. Denn würden die beiden Länder einer solchen Logik folgen, "wird es das von vielen erwartete 'asiatische 21. Jahrhundert' so nicht geben", meint Uday Bhaskar.

Ob beim Hafenbau in Hambantota in Sri Lanka oder in Gwadar in Pakistan - überall hat Peking große Summen investiert. Für Christian Wagner gibt es aber Zweifel, ob die chinesische Politik im Indischen Ozean als aggressive Expansion einzustufen ist: "Es ist bei der Interpretation der chinesischen Investitionen im Indischen Ozean unklar, ob sie tatsächlich die sicherheitspolitische Dimension der Einkreisung Indiens haben, vor der indische Sicherheitsexperten immer warnen". Die chinesischen Aktivitäten könnten, so der Politikwissenschaftler Wagner, auch als Teil einer Handelspolitik angesehen werden, um die "Zugänge zu diversifizieren, um Waren und Energie günstiger in den Westen oder in den Süden Chinas zu bringen." Damit wäre China nicht mehr nur von der Sicherheit in der Straße von Malakka abhängig, die als eine der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer verbindet.

Die heißen Diskussionen über Indiens künftige Strategie zu China dauern an. Aufgrund der wachsenden geopolitischen Bedeutung Chinas ist ein schnelles Ende noch nicht in Sicht.

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