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Politik

Indien: Prostitution in der Grauzone

Die indische Sex-Industrie wächst erschreckend - und ist kaum noch zu kontrollieren. Prostituierte in West-Bengalen wollen jetzt Steuern zahlen - und lösen eine neue Diskussion über Prostitution in Indien aus.

Eine indische Prostituierte mit ihrem Kunden, Quelle: AP

Die Diskussion um den richtigen Weg im Kampf gegen Zwangsprostitution ist in Indien neu entfacht

Mehr als eine Million Frauen und Kinder arbeiteten Ende der 1990-er Jahre nach Schätzung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in indischen Bordellen - vermutlich ein Fünftel davon war jünger als 18 Jahre, die Hälfte war mit dem HIV-Virus infiziert. Indische Frauenrechtsorganisationen gehen heute sogar von mehr als drei Millionen Prostituierten aus.

"Neue erschreckende Qualitäten"

Die Sex-Industrie wächst mit Indiens wirtschaftlicher Öffnung und

zunehmendem Tourismus gewaltig an. Vor allem in Großstädten wie Mumbai (Bombay) oder Kolkata (Kalkutta) generiere die Nachfrage ein Angebot, das neue erschreckende Qualitäten von Prostitution und pädophilier Pornographie schaffe, beklagt Ranjana Kumari, Frauenrechtlerin und Direktorin des "Center For Social Research" in Neu Delhi. Mit der wirtschaftlichen Erschließung sei Indien ein sehr offener Markt geworden, dessen Fokus auf dem Tourismus liege. Alles sei auf Unterhaltung ausgerichtet.

"Pornographisches ist so leicht zu bekommen wie nie zuvor", sagt Kumari. Indische Mädchen würden für pornographische Bilder und Filme benutzt - kleine Jungen missbrauche man für die pädophilie Prostitution. Die Kunden kämen nach Indien, um diese Dienste in Anspruch zu nehmen. "Der informelle Markt ist viel stärker gewachsen als die Prostitution in den bekannten Rotlichtvierteln", so Kumari. Durch die Globalisierung habe nicht die Bordellprostitution zugenommen - neue Formen verdeckter Prostitution seien im Entstehen.

Prostitution wird in Privaträume verlegt

Eine indische Prostituierte wartet auf Kunden, Quelle: AP

Prostitution in Indien wird zunehmend in Privaträume verlagert

In Indien ist Prostitution nicht generell verboten, öffentliche Werbung und Zuhälterei sind aber Straftaten. Auch dies sorgt dafür, dass die Kontakte von Prostituierten und Kunden unauffällig in Privaträume verlegt werden: Frauen und Kinder können für sexuelle Dienstleistungen per Mobiltelefon nach Hause oder in Hotels bestellt werden. Mittelsmänner auf der Straße versorgen die Freier mit Telefonnummern und Internetadressen.

Schon die Situation in den Bordellen sei kaum zu kontrollieren. Wenn nicht einmal mehr die Aufenthaltsorte der Frauen und Kinder bekannt seien, sei es praktisch unmöglich, sie vor Gewalt und Willkür der Zuhälter zu schützen, so Ranjana Kumari. Das größte Problem sei die Altersgruppe, denn die aus den Nachbarländern oder Dörfern in Indiens Großstädte verschleppten Mädchen seien sehr jung - durchschnittlich 9 bis 16 Jahre. Dies sei ein Alter, in dem die Mädchen besonders verletzlich seien und rücksichtslos missbraucht werden könnten.

Steuern statt Razzien

Vor allem um die sexuelle Ausbeutung von Kindern zu verhindern, ordnen örtliche Behörden regelmäßig Polizei-Razzien in Bordellen, Nachtclubs und Hotels an. Doch es häufen sich die Berichte darüber, dass die Polizisten mit den Zuhältern in Rotlichtvierteln gemeinsame Sache machen, statt die Frauen und Mädchen vor Gewalt und Willkür zu schützen.

Kürzlich haben Prostituierte in West-Bengalen den Vorschlag gemacht, Steuern zu zahlen, wenn die Behörden im Gegenzug die Razzien in Bordellen, Nachtclubs und Diskos einstellen. Das Durbar Mahila Samanwaya Committee (DMSC) ist ein Zusammenschluss von etwa 65.000 Sex-Arbeitern in West-Bengalen, der sich für den Schutz der Prostituierten und eine bessere Aids-Aufklärung einsetzt. Das DMSC argumentiert, dass eine legale Besteuerung die Schutzgeldzahlungen ersetzen würde, die zurzeit ohnehin schon an korrupte Polizisten entrichtet würden. Die Behörden lehnten den Vorschlag ab. Dennoch hat er eine Diskussion um die Frage der Legalisierung von Prostitution ausgelöst.

Würde der Frauen wahren

Ranjana Kumari betont, dass es wichtig sei, die Würde der Frauen zu wahren und sie nicht als Verbrecher zu betrachten. Doch solange noch Hunderttausende Frauen und Kinder jährlich aus Ländern wie Nepal und Bangladesh zur Zwangsprostitution nach Indien gebracht würden, dürfe man das gesamte Gewerbe nicht legalisieren.

Außerdem betrage das Eintrittsalter im Durchschnitt neun bis zwölf Jahre. Es sei nicht möglich, eine solche Arbeit für Kinder unter 18 Jahren zu erlauben. Die Arbeit würde zudem nur selten freiwillig ausgeübt. Legalisierung sei daher eine sehr schwierige Frage.

Zuhälter für Ausbeutung verantwortlich

Indische Prostituierte nach einer medizinischen Untersuchung, Quelle: AP

Nur die Bekämpfung von Armut kann Zwangsprostitution den Nährboden entziehen

Die Steuerfrage sei allerdings problematisch, denn die Mädchen in diesem Gewerbe verfügten über kein Geld, dieses werde durch die Zuhälter kontrolliert. Sie seien diejenigen, die für die Ausbeutung verantwortlich seien. "Die Prostituierten selbst erhalten nur soviel,

wie sie zum Überleben brauchen, damit sie nicht über Flucht nachdenken", meint Kumari.

Selbst wenn es mit zwei oder drei Jahren in dieser Arbeit möglich wäre, genug Geld zu sparen, um einen eigenen Laden zu eröffnen, würden die Zuhälter das niemals zulassen. "Wenn wir das Gewerbe legalisieren, sind die Zuhälter das Problem, denn sie würden jegliche Zuwendung der Regierung kontrollieren und davon profitieren", so Kumari.

Prävention im Vordergrund

Genau hier zeige sich die Zwickmühle der bestehenden

Verhältnisse, sagt Vipin Bhatt, Anwalt und Sozialarbeiter des "Centre for Childrens Rights" in Neu Delhi. Bordellbesitzer, Zuhälter und Menschenhändler könnten nur selten belangt werden, da sie von örtlichen Beamten gedeckt würden - von Beamten, die eigentlich für den Schutz der Frauen sorgen sollen.

Vipin Bhatt sieht daher die Prävention im Vordergrund. Natürlich seien Veränderungen in der Gesetzgebung notwendig, zum Beispiel stärkere Gesetze gegen den Menschenhandel. Doch vor allem in den Herkunftsregionen der Frauen und Kinder müssten die Familien über den Menschenhandel aufgeklärt werden. Letztendlich könne nur die Bekämpfung von Armut der Zwangsprostitution langfristig den Nährboden entziehen. Doch bis dahin müsse noch viel passieren.

"Der Blick darf sich nicht nur auf die Rotlichtviertel konzentrieren. Es muss auch gesehen werden, woher die Kinder kommen, wer die Mittelsmänner sind, wer die Erlaubnis der Eltern bekam, die Kinder an die Orte zu bringen, wo sie prostituiert werden - und natürlich wer die Menschen sind, die solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen", sagt Bhatt.

Kein nationales Thema

Unter den Bedingungen des globalisierten Marktes und der wachsenden Tourismusindustrie sollte Prostitution in Indien kein

nationales Thema bleiben, sondern in den internationalen Fokus

rücken. Um dem Menschenhandel in Südasien langfristig den Nährboden zu entziehen, sind die ausländischen Investoren und Produzenten und nicht zuletzt die schillernde Tourismusbrache gefragt, ihren Beitrag zur Aufklärungsarbeit und zur Bekämpfung der Armut zu leisten.

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