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Asien

Indien nach historischem Blackout

Die Ausmaße der Stromausfälle waren gigantisch: 600 Millionen Menschen zwei Tage lang zeitweise ohne Strom, nichts ging mehr in 20 Bundesstaaten. Das historische Desaster ist ein herber Schlag für Indien.

Nach den beispiellosen Stromausfällen in Indien am Montag und Dienstag (30./31.07.2012) sparten die indischen Medien am Mittwoch (01.08.2012) nicht mit Häme. Die "Economic Times" titelte "Supermacht Indien, Ruhe in Frieden". Die einflussreiche "Times of India" zeichnete ein vernichtendes Bild der indischen Behörden und kritisierte die Führungsriege des Landes als "macht- und ahnungslos". 

Imageverlust für Indien

Etwa 75 Millionen Euro könnten die Stromausfälle, die fast das gesamte öffentliche Leben in Indien lahmlegten, kosten, schätzt der Wirtschaftswissenschaftler Praveen Jha von der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi. Denn hunderte Züge standen für Stunden still, Flüge starteten mit großer Verspätung, ausgefallene Ampeln führten in Indiens Millionenmetropolen zu kilometerlangen Staus und Krankenhäuser mussten, um den Notbetrieb aufrecht erhalten zu können, auf dieselbetriebene Generatoren zurückgreifen.

Marktstand bei Stromausfall in Kalkutta (Foto: Reuters)

Warten auf Kundschaft im Dunkeln

Doch viel schlimmer seien die Folgen für Indiens Image als aufstrebende Supermacht, so Praveen Jha: "Wenn es einmal einen Stromausfall gibt, dann kann man dies verzeihen. Aber wenn dies zweimal hintereinander passiert, dann ist es klar, dass die Gründe hierfür die schlampige Routineüberprüfung des Stromnetzes und das Fehlen eines geeigneten Systems für die Überwachung und Regulierung sind." Es sei kein Wunder, dass man sich weltweit über Indien lustig mache, das sich so gerne als größte Demokratie der Welt und aufstrebende Supermacht darstellt, sagt Jha: "Indien möchte gerne zum Club der hochentwickelten Länder dieser Welt gehören. Doch wenn man es noch nicht einmal schafft, die Grundbedürfnisse der Menschen zu erfüllen, dann bietet man natürlich ein jämmerliches Bild."

Gründe für die Mega-Panne

Psasagier sieht aus wartendem Zug in Neu Delhi (Foto: Reuters)

Landesweiter Stillstand

Über die tatsächlichen Gründe für die gigantische technische Panne wird derzeit noch spekuliert. Die indische Regierung hat eine Untersuchungskommission eingerichtet. Der Energiefachmann Arup Ghosh von Tata Power Distribution Limited, einem der führenden Stromversorger für den Großraum Neu Delhi, gibt zu bedenken, dass es derartige Stromausfälle auch in anderen Länden, selbst in den USA, gebe: "Der wichtigste Grund für einen derartigen Ausfall ist, dass das Netz instabil wird. Und das geschieht dadurch, dass es überbelastet oder zuviel abgezweigt wird." Es könne aber auch sein, dass es Probleme bei der Spannung gab, mit der der Strom übertragen wurde. Diese könnte zu hoch oder zu niedrig gewesen sein, so dass der Strom nicht richtig weitergeleitet werden konnte. Warum aber dann die vorgeschriebenen routinemäßigen Überprüfungen nicht gegriffen haben, vermag bisher niemand zu sagen.

Indiens Abhängigkeit von der Kohle

Die stetig wachsende Bevölkerung von derzeit 1,2 Milliarden Menschen und das rasante Wirtschaftswachstum von durchschnittlich acht Prozent in den letzten Jahren führen zu einem fast unstillbaren Energiehunger. "Es ist schwierig, dieser Nachfrage gerecht zu werden",  sagt Arup Ghosh, der seit mehr als 30 Jahren Indiens Anstrengungen im Energiesektor beobachtet. "Wenn man sich die verschiedenen Statistiken anschaut, dann wird klar, dass wir in Indien derzeit etwa zehn bis 15 Prozent zu wenig Energie gemessen an der Nachfrage produzieren. Und die Nachfrage steigt ständig."

Mehr als die Hälfte seines Energiebedarfs deckt Indien durch Kohle. Um Indiens Energieprobleme grundlegend anzugehen, fordern Experten schon seit längerem, dass Indien sich schnell von der Kohle als Hauptenergiequelle lösen und auf erneuerbare, umweltfreundliche Alternativen wie die Sonnen- und Windenergie setzen müsse. Indien baut derzeit eine Reihe von neuen Atomkraftwerken. Doch nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima ist in Indien der Widerstand groß.

"Die nächsten zehn Jahre werden wir es noch nicht schaffen können, die Kohle als Hauptenergiequelle abzulösen. Doch wir werden es sicher schaffen, den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch zu erhöhen." Das größte Problem, so Arup Ghosh, sei, dass die Kosten des Ausstiegs aus der Kohle zunächst sehr hoch seien und dass die Regierung daher längst überfällige Entscheidungen und Reformen verzögern würde.

Regierung unter Druck

Energie- bzw. Innenminister Sushil Kumar Shinde (Foto: AP)

Minister Shinde findet Bevölkerung "undankbar"

Auch der indische Energieminister Sushilkumar Shinde, der am Dienstag (31.07.2012) wie zwar seit Tagen geplant, aber doch vom Zeitpunkt her unglücklich, zum neuen Innenminister ernannt wurde, heizte die Diskussion um ein Versagen der Regierung noch weiter an. Shinde sagte in einem Interview, dass die Menschen in Indien für die Bemühungen der Behörden dankbar sein sollten.

Wirtschaftswissenschaftler Praveen Jha befürchtet, dass sich die Kluft zwischen Regierung und Bevölkerung noch weiter vergrößern wird: "Die vorherrschende Meinung ist, dass diese Regierung nicht in der Lage ist, Krisen zu managen. Und gleichzeitig versucht sie, ein derartiges Desaster auch noch schönzureden und sich zu verteidigen, anstatt die eigene Verantwortung wahrzunehmen."

Klar ist auch, dass mit  der Druck auf Premierminister Manmohan Singh und seine Kongresspartei weiter steigt. 2014 sind in Indien Parlamentswahlen. Schon jetzt muss die Regierung sich mit Korruptionsskandalen, in die auch Minister verwickelt sind, einer hohen Inflation und einem verlangsamten Wirtschaftswachstum herumschlagen.

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