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Asien

Indien: Licht für die Welt

Licht und der Zugang zu Strom sind in manchen Regionen der Welt nach wie vor ein Luxusgut. Solarlampen verändern das Leben ganzer Kindergenerationen, wie das indische Mädchen Sonu beweist.

Fragt man Sonu was sie einmal werden will, beginnen ihre Augen zu leuchten. "Ärztin", sagt sie stolz und melkt die Ziege weiter. "Um 4 Uhr 30 stehen wir auf", erzählt die 11-jährige. "Dann hole ich erst einmal Wasser am Brunnen. Danach geht es aufs Feld. Um 17 Uhr sind wir dort fertig."

Sonu muss sich etwas beeilen, denn gleich wird es dunkel. Sie nimmt ihre kleine Schwester an der Hand und marschiert zur alten Mühle des Dorfes Chirr. Dort besuchen sie seit kurzem die Nachtschule. Wenn die Sonne untergeht, wird hier seit kurzem die Solarlampe eingeschaltet. Die Schule entführt die Kinder des Dorfes jeden Abend für etwa drei Stunden in eine andere Welt. In eine Welt, in der sie Neues lernen und Kind sein dürfen - abseits des Alltags, in dem sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen. Die Schule hat sich dem Lebensrhythmus der Einwohner angepasst.

Die Kinder können den Sprung auf ein College schaffen

Kinder sitzen dicht gedrängt um eine Solarlampe made in Freilassing (Foto: Christine Haberlander)

Vor der Solarlampe saßen die Kinder dicht gedrängt um eine improvisierte Öllampe.

Lesen, Schreiben und Rechnen, dafür ist im Dorf Kisan Kawar zuständig. "Die Kinder können durch den Unterricht in den Nachtschulen sogar den Sprung auf ein College schaffen, das macht mich stolz", erklärt die Lehrerin. Die Schule habe das Leben in Chirr verändert. Anfangs seien vor allem die Jungen zu ihr geschickt worden. Das habe sich in den letzten Jahren geändert, auch, weil sie sich dafür eingesetzt habe. Die meisten der 35 Kinder, die heute im Schneidersitz auf dem Boden in ihrem Unterricht sitzen, haben bislang noch nicht mal das nächste Dorf gesehen. Dass sie gar eine richtige Schule besuchen, ist für viele ihrer Eltern unvorstellbar. Auch, weil die selbst nie die Chance dazu hatten. "Da musste die Schule zu uns kommen, damit sich dieser Zustand ändert", erklärt die 30-Jährige Lehrerin. Mittlerweile gibt es allein im Bundesstaat Rajasthan in mehr als 50 Dörfern Nachtschulen wie diese.

Das Dorf Chirr liegt knapp drei Autostunden von Jaipur, der Hauptstadt des nordwestindischen Bundesstaates Rajastan, entfernt. Seit Jahren wartet man hier darauf, an das Stromnetz angebunden zu werden. Damit steht das Dorf stellvertretend für zahlreiche Regionen Indiens, die weder mit Zugang zu elektrischem Licht, geschweige denn mit einem funktionierendem Stromnetz versorgt sind. Das hat Folgen für die gesundheitliche Versorgung, das Sozialleben der Einwohner oder auch Schulaufgaben, die in die Abendstunden fallen.

Nichtregierungsorganisationen wie das

"Barefoot College"

widmen sich vor allem letzterem Problem, also der Bildung. Bildung gegen Armut, lautet ihr Motto. Dazu gehören auch die Solarlampen, die die Nachtschulen erst ermöglichen. Sie kommen aus dem Campus der NGO. Kinder wie Sonu und ihre Schwester profitieren davon.

Ein Campus, der es in sich hat

Blick in die Werkstatt von Solar Mamas (Foto: K. Keppner)

Der Campus der NGO "Barefoot" trainiert "Solar Mamas" aus der ganzen Welt.

Die Produktion der Solarlampen ist ein wichtiger Baustein im Konzept der so genannten "Barfussbewegung". In dem nordwestindischen Dorf Tilonia hat die NGO dafür ein eigenes College geschaffen. In ihm werden Frauen wie Cecille, Agnes oder Indudevi zu Solaringenieurinnen ausgebildet. Es sind Frauen mittleren Alters aus Dörfern der ganzen Welt. Aus Paraguay, Burundi oder Myanmar zum Beispiel. Alle "Solar Mamas", wie sie hier auch genannt werden, die an der Werkbank sitzen, teilten in ihrem bisherigen Leben das Schicksal von Kindern wie Sonu. In ihren Dörfern gibt es kein Licht. Noch nicht.

Sie gehören zu den geschätzten mehr als 700 Millionen

Analphabeten

, die es weltweit gibt. Frauen wie ihnen will der Gründer der NGO, Bunker Roy, eine Chance geben. Er reist selbst in die entlegensten Dörfer der Welt und bietet den Frauen eine Ausbildung zur Solaringenieurin an. Mittlerweile mit Unterstützung der indischen Regierung. Sie kommt für die Reisekosten der "Solar Mamas" auf, die aus allen Teilen der Welt nach Tilonia kommen. "Nur, weil jemand nicht Lesen oder Schreiben kann, darf man ihn nicht auch noch dafür bestrafen oder deshalb benachteiligen", sagt Bunker Roy. "Alle Frauen in dieser Werkstatt haben trotzdem die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge zu begreifen." Männer nehme er bewusst nicht in das Programm auf. Die seien unzuverlässiger als die Mütter und Großmütter, die mit Sicherheit das Knowhow an ihre Kindern und Enkelkinder weitergäben.

Ich brauche kein Feuer mehr zu machen, um Kinder auf die Welt zu holen

Indudevi auf dem Solardach (Foto: K. Keppner)

Indudevi (re) stammt aus Papu Neuginea. Seit zwei Monaten ist sie in Indien.

Wie das funktioniert, beweist auch Ursúla jeden Tag. Vor ihr auf der Werkbank: Platinen, die mit Widerständen besteckt werden müssen, LED Leuchten und Lötkolben. Die 45-jährige Mutter von elf Kindern lebt seit etwa zwei Monaten auf dem Campus der NGO, knapp zehntausend Kilometer von ihrer Heimat Papua Neuguinea entfernt. In ihrem Dorf arbeitet sie als Geburtshelferin. "Als Hebamme muss ich immer erst Feuer machen, um nachts ein Kind auf die Welt zu holen. Das wird sich ändern!"

Ursúla hat Glück, im Unterschied zu vielen hier in der Werkstatt, kann sie ein bisschen Englisch. Um die Sprachbarrieren zu überwinden wird normalerweise mit Hilfe von Bildtafeln, auf denen die einzelnen Schritte erklärt werden, und Farbmarkierungen geschraubt, gelötet und gesteckt. Alles Weitere werde mit Händen und Füßen vermittelt, erzählt Ursúla. Bis es irgendwann heiße, "no problem".

Fremde Sprache, fremdes Essen und ein gewöhnungsbedürftiges Klima. Für die meisten der Frauen ist es die erste Reise ihres Lebens. Ohne Kinder und Enkelkinder. All das nehmen sie jedoch in Kauf, damit es in ihren Dörfern endlich Licht gibt. Und, damit Kinder wie Sonu und ihre Schwester Lesen und Schreiben lernen.

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